Rose_GedankenIn einem bundesweit einzigartigen Pilotprojekt organisiert das Career College der Universität der Künste Berlin das Zusammentreffen von geflüchtete Künstlern und Kulturschaffenden mit Profis aus der Kunst-, Medien- und Kulturszene in Deutschland. Um Netzwerke zu schaffen, voneinander zu lernen und um Beschäftigunschancen zu erhöhen. Leider ist es alles andere als sicher, ob solche Leuchttürme des neuen Miteinanders eine Zukunft haben.

 

Obwohl viele bestimmt glauben, dass das Thema Flüchtlinge an Relevanz verloren hat, weil es von den Titelseiten der Zeitungen verschwunden ist, entscheidet sich in diesen Wochen und Monaten überall in Deutschland, ob es uns gelingt das Miteinander für ein neues Kapitel Deutschland zu organisieren. Eine der wichtigsten Aspekte dabei ist es, Beschäftigungsschancen für Geflüchtete zu schaffen. Das Career College der Universität der Künste Berlin hat sich nun in einem Modellprojekt daran gemacht Geflüchteten aus dem Kunst, Kultur- und Medienbereich ein bundesweit einzigartiges Fortbildungsprogramm anzubieten: Das „Artist Training: Refugee Class for Professionals“. Jeweils eine Woche lang können bis zu 20 in Berlin registrierte Geflüchtete zu Themen wie „Culture & Media“ oder „Performance Arts“ maßgeschneiderte Kurse besuchen, in denen sie auf Berliner Profis und Praktiker treffen, die sie in die nationalen Besonderheiten und Eigenarten des jeweiligen Berufsfeld einführen – mit Vorlesungen, Exkursionen und Networking.

Gestartet ist  das „Artist Training: Refugee Class for Professionals“ im vergangenen Jahr auf ehrenamtlicher Basis: Dozenten, Mitarbeiter sowie Partner aus Kunst und Kultur hatten ihre Arbeitszeit 185 Geflüchteten gewidmet mit dem Ziel unkompliziert in den Austausch zu kommen, Kontakte herzustellen und zu informieren.

Echt  Europäisch: Sieben Formularseiten auf Deutsch für Geflüchtete

Seit November 2016 nun wird das Projekt aus den Töpfen des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Ohne diese Förderung würde es das Projekt heute nicht mehr geben. Und dennoch ist es Segen und Fluch zugleich: Eine halbe Mitarbeiterstelle ist alleine dafür nötig die Förderung zu verwalten. Und die Auflagen sind streng: Teilnehmer müssen in Berlin registriert sein, sich mit einem siebenseitigen deutschsprachigen Formular herumschlagen und am Ende einen Test schreiben. Dennoch gibt es mehr Bewerber für das Programm als freie Plätze: Einem Drittel aller Bewerber müssen die Organisatoren absagen.

Gesteuert wird das Programm von Melanie Waldheim und kommuniziert von Kathrin Rusch, die beide für das Udk Berlin Career College arbeiten. Sie investieren – wie so oft an Orten, an denen was voran geht – mehr Zeit als sie eigentlich haben in das Projekt. Und gleichzeitig wissen sie, dass die Fördermittel im März 2018 auslaufen. Insofern sind sie nicht nur damit beschäftigt, das Programm fortlaufend zu optimieren, Feedback einzufangen und Partner einzubinden. Gleichzeitig wollen sie dafür sorgen, dass das Artist-Training eine Zukunft hat.

Während Behörden Integrationsmasterpläne deklinieren, gründen Exilanten schon ihre eigenen Medien

Wer wie ich die Chance hatte in einem der Kurse einen Vortrag zu halten, trifft dort auf maximal motivierte und kompetente Köpfe, denen es eigentlich gar nicht schnell genug damit gehen kann, hier in Deutschland zu arbeiten. Doch selbst im Kunst- und Kulturbereich ist oft die Sprache die größte Hürde, wenn es darum geht einen Job zu bekommen. Das gilt vor allem für den Bereich Journalismus, in dem eigentlich überall das Level Deutsch C2 gefordert wird. Dass sich von solchen Hürden nicht alle aufhalten lassen zeigt die Tatsache, das Medienprojekte wie „Amal, Berlin“ – eine Online-Nachrichtenseite, die auf Arabisch und Dari/Farsi erscheint, das Online-Magazin „Abwab“, oder das Print-Magazin „A Syrious Look“, schon zur Gruppe derer gehören, die in den Kursen über ihre Arbeit berichten. Oftmals ist die Realität also schneller als jeder Integrationsmasterplan aus der Feder einer Behörde. Selber gründen statt abwarten ist die Devise. Die Chance und die Energie dafür haben aber eben bei weitem nicht alle. Und deshalb hängt das Gelingen eines neuen Miteinanders, das Anbieten von Chancen und das Voneinander-Lernen nicht von Sonntagsreden und Forderungen ab, sondern von der Frage ob Projekte wie dieses eine Zukunft haben und Geldgeber finden.

Berlins Kulturszene gewinnt durch Beiträge von Geflüchteten – aber ist der Stadt das etwas wert?

Eine Stadt wie Berlin profitiert von ihrem Image als Stadt der Künstler und Kreativen. Mittlerweile leisten zahllose geflüchtete Musiker, Konzeptkünstler, Filmemacher oder Fotografen einen unschätzbaren Beitrag zur Berliner Kulturszene und sorgen dafür, dass es ständig Erneuerung und Input gibt. Oft tun sie das unter Lebens- und Arbeitsbedingungen die mehr schlecht als recht sind. Die Rendite dafür schöpfen am Ende vor allem Gastronomen, Einzelhändler und Hoteliers ab, die von der Never-Ending-Story Berlins als Stadt der Künstler und Kreativen zehren. Sprich: Völlig unabhängig von der Tatsache, dass es per se richtig und human ist Neuangekommenen Wege zu ebnen, hat das Thema – zumal für Berlin – eine handfeste Standort-Komponente. Das sollte all jenen etwas Wert sein, die vom Hype Berlins als Hauptstadt der Künstler und Kreativen profitieren.

Titel Illustration von Salam Al Hassan aus dem Magazin „A Syrious Look – A Magazine About Syrian Culture in Exile“

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1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 7. März 2017 at 17:23

    Hi Mario Münster,
    Tolles Projekt:
    „… ob es uns gelingt das Miteinander für ein neues Kapitel Deutschland zu organisieren.“
    Wie es aussieht, hat es (wie auch einige andere NGO- wie staatliche PROjekte) nur einen gewaltigen Fehler, der diesen in der Regel die „Beine weghaut“:
    Sie sind als Migranten-Hilfsprojekte aufgetürmt, die sich vorgeblich ausdrücklich mit external erscheinenden Migranten beschäftigen möchten, ohne GLEICHZEITIG ähnlichen Aufwand für die internalen, inneren Migranten, sprich bereits vorhandenen „Abgehängten“, erkennen zu lassen.
    Auf rosengärtnerisch „neuKapiteldeutschländisch“:
    Wer sich mit der inneren (em)Migration, den zahlreich schon vorhandenen Übergangenen nicht befassen möchte, sollte erkennen, dass er mit der Integration noch nicht so weit glücklich befasst ist, um auf diesem Feld erfolgreich wirken zu können.
    Nur wer die eigene innere Integration wirkungsvoll betreibt, die Spaltung der (vorhandenen) Gesellschaft verhindert statt betreibt, hat auch eine Chance auf „das Miteinander für ein neues Kapitel Deutschland zu organisieren“, denn ein Austausch der Voraussetzungen findet nicht statt, sie sind zu integrieren.

    Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass derartig „gut gemeinte“ einseitig geschiente action sich letztlich mehr spaltend als integrierend in der Gesellschaft etablieren, also Migrationsprobleme nur auf einen höheren Level schieben ohne AUSGLEICH zu bewirken?

    Ich bin weit davon entfernt, beherzte Zuwendung zu (auch noch gleichgesinnten) Hilfebedürftigen als negativ zu dotieren. Nur findet das alles nicht in einem gesellschaftlichem Vakuum statt, sondern mitten unter und neben und mit uns ALLEN.
    Und wenn diese Basis, dieses „unter uns ALLEN“ beschädigt wird oder wegbricht, weil es selber nicht integriert wurde, dann gibt es leider auch für noch so liebenswerte und liebenswürdig gestaltete PROjekte leider keinen Tisch mehr, der nicht heftig wackelt.

    So sehr ich die äusserest liebenswerten Texte und darin transportierten begrüssenswerten Ambitionen samt ihrer stets treffrend gelungenen RosenStiel_Blüten im rosengarden mag, so sehr stört mich das offensichtliche Abgehobensein aus der gesamtgesellschaftlichen Lage, das die anvisierten Ziele zu diffusen Schwebeteilchen im Irgendwo werden lässt, und damit ohne Kletten, an denen viel kletten bleiben könnte.
    Oder soll rosengarden Insider Garden bleiben?
    Dann besorgt euch rechtzeitig eine sehr hohe Mauer, die euch trennt, von dem was ist, euch überfluten könnte.
    Lasst mal einen ROSENstiel dazu malen …, der nicht nur „Profis“ anspricht …

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