Aldusblatt
Rose ContributorenKevin Junk studierte japanische Literatur und Kultur in Trier, Berlin und Kyoto. 2009 zog es ihn nach Berlin. Er schreibt seit 2013 frei für verschiedene Magazine. Sein Blog  versammelt seine Texte zu Kultur, Kunst, queerer Gesellschaftskritik, Mode und Clubkultur. Für die erste Ausgabe unseres Magazins mit dem Thema „Was ist Zuhause?“ hat sich Kevin ein paar Gedanken gemacht.

Ich würde mich nicht als patriotischen Menschen bezeichnen. Meine Beziehung zu Deutschland ist wie die zu meinem Stiefvater: ich wuchs in seiner Gegenwart auf, war ihm einen Großteil der Zeit egal, hab nur die allernötigste Unterstützung bekommen und es trotzdem irgendwie geschafft. Ich hab ihm nichts zu verdanken, wurde aber davon geprägt. Vaterland, du bist nicht mein Zuhause. Mein Vater ist zumal sehr deutsch, zumindest das, was ich als sehr deutsch empfinde, wenn mein Leben aus Figuren bestünde, die einem Sybille Berg-Roman entliehen sind.

Zerfließende Mittelschicht, die Krise des weißen Mannes, das Ende eines Imperiums – und der fruchtbare Boden für ein neues, wenn wir Pech haben. Genauso wenig, wie ich meinen Stiefvater aus Respekt liebe, eher aus Mitleid, so kann ich Deutschland lieben, dieses spätpubertäre trotzige Kind, dieses Land voller Borderliner, dieses Land der angeblichen Dichter und Denker, die sich nach Italien flüchten müssen, um Muße zu finden – oder sich selbst hassen, und dann, nur dann, schaffen sie es, etwas auf die Beine zu bringen, das von Dauer ist.

Mein biologischer Vater kommt dazu auch noch aus Süditalien. Ich bin also die Fleischgewordene Italienreise meiner Mutter. Hier muss ich innehalten, denn meine Oma hat immer gesagt, man soll der eigenen Mutter nicht ins Nähkästchen pinkeln. Die Bedeutung dieser Redewendung habe ich bis heute nicht verstanden, aber ich will nicht weiter das heimatliche Nest beschmutzen. Nicht nur meine Mutter reiste nach Italien, um durch mich inspiriert danieder zu kommen, als wäre ich ein Goethe-Roman. Italien ist die Wahlheimat des bürgerlichen Klassikers, der sich mit dem römischen zu Vereinen sucht, um geistige Heimat zu empfinden.

Marguerite Yourcenar schreibt in davon in ihrer verkorkst-bürgerlichen Biographie, als sie ihren Großvater aus Briefen zitiert, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Italien reiste. Sie beschreibt, darin liegt das Genie dieser Frau, wie ihr Großvater auf Ruinen schaut, die noch von Pflanzen überwuchert sind, nicht von Strahlern besonnt. Die Geschichte ist noch nicht durchkommodifiziert, so ausgeschlachtet, dass Touristen sich daran weiden können – sie ist einfach Teil der Welt, zufällig seit Jahrhunderten nicht zerstört, eine Ruine von Benjaminscher Schönheit: „Mit dem Verfall, und einzig und allein mit ihm, schrumpft das historische Geschehen und geht ein in den Schauplatz.“ Die Ruine als Spitze eines Eisbergs von Geschichte, als der noch stehende Stein des Anstoßes, der durch die Jahrhunderte für das Alter der Welt bürgt. (Es sein denn man ist der Islamische Staat, dann zerstört man einfach, was es auch schon 3000 Jahre durch die Weltgeschichte geschafft hat.)

Jetzt bin ich aber kein Tacito, der aus dem Meer steigt, wie ein junger Gott, benetzt von Wasser, auf der Suche nach einem vor sich hinsiechenden Gönner. Ich bin kein Typ Mann, der seine Jugend an ältere Männer verschwendet. Wohl aber habe ich eine Vorliebe für Männer aus anderer Herren Länder. Ich hege einen gut sortierten Exotismus bei meiner Partnerwahl. Man sollte denken, interkulturelle Beziehungen hätten mir interkulturelle Kompetenzen beigebracht. Das Gegenteil ist der Fall. Was ich gelernt habe, ist schockierend. Ich bin so deutsch, ich will kotzen, wenn das nicht so deutsch wäre – über das Deutschsein abzukotzen. „Du bist so deutsch“ habe ich so oft gehört, dass ich angefangen habe, es selbst entschuldigend zu benutzen, wenn ich mich bei einer der folgenden sehr deutschen Tätigkeiten erwische:

zu Pünktlich sein. Ausrasten, wenn jemand zu spät kommt. Mich räuspern, wenn jemand auf der Straße etwas unpassendes macht. Keinen Smalltalk führen können. Angespannt werden, wenn ich mit fremden Menschen auf einem öffentlichen Platz bin. Blutwurst in der Fleischtheke kaufen. Heimlich von Klößen mit Leberwurstfüllung träumen und das Rezept meiner Oma vegan abwandeln. Nur flirten kann ich gut.

Portrait_MJY

Vaterland, ich will dir den Mittelfinger zeigen, denn so weit ich von der Weg will, so sehr jagst du mich. Deine Kultur ist eine Ruine, allerdings eine radioaktive, man kann nur vor dir flüchten wollen. Alles, was gut an dir ist, sind die Renegaten, die gegen dich waren und wundersamerweise die Zeit überlebt haben. Aber wie das so mit Kindern ist, die sich an ihren Eltern abarbeiten: die Flucht selbst ist eine Auseinandersetzung mit dem Fluchtpunkt. Die Evakuierung der eigenen Seele aus Dunkeldeutschland ist aber möglich. Das Jenseits, die Zeit nach Deutschland, ist ein neuer ontologischer Status: die post-nationale Identität. Der Hafen, in dem man damit schippert, ist ein Hafen voller Multi-Kulti-Toleranz-Tänzer, aber ohne Hippies, ohne Dreads, ohne drogenschwangeren Yogi-Tee.

Post-national zu sein bedeutet auch nicht schlechtes Englisch gegen die eigene Muttersprache zu tauschen. Post-national, das ist Transit. Man weiß, wo man her kommt, weiß, wie deutsch man doch ist, kann das aber ironisch glasieren, der Zwiebel mit ein wenig Honig in der Pfanne die Schärfe nehmen, und dann im Eintopf der anderen Post-Nationalen mit garen.

Meine Sympathie für den Eingangs zitierten Benjamin und den Exkurs zu Yourcenar, mein Flirt mit Goethe und mein Seitenhieb zu Thomas Mann, sie speisen sich alle aus meiner Vorliebe für Menschen, die ihre Herkunft nicht gegen die Islamisierung oder andere vermeintliche geschichtliche Prozesse schützen mussten, weil sie die Ausrottung ihrer eigenen, zum verrotten verdammten Rasse befürchten, sondern die Welt als Kulturwesen begreifen und sich in ihr Bewegen, ihre Grenzen als Artefakte respektieren, aber sie nicht als natürliche Gegebenheiten betrachten.

Das ist das schönste an einem ästhetisierenden Blick auf die Welt: die Distanz, das Beobachten, das Abtauchen und wieder Auftauchen. Dann fühle ich mich geistig Zuhause. Und was sonst ist Zuhause sein, als ein geistiger Zustand? Zuhause, da sind wir alle Yogi und schreiben Sprüche auf kleine Papierzettel. Zuhause, da sind wir Mensch. Zuhause, das kann ich dann sogar in Deutschland sein, aber nur, weil geographischen Daten nicht zählen, wenn ich fühle.

Ersterscheinung des Textes im ROSEGARDEN Magazin „Was ist Zuhause?“, Ausgabe 1, 07/15.

 

Titelfoto: http://www.migueljara.de

 

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