Rose Interview Mikrofon

Die New Yorker Musikerin Sharon van Etten hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist so intensiv wie ihre vergangenen zehn Jahre.

Von Mario Münster.

Sie hat sich entschieden. Es ist ganz offensichtlich. Warum auch irgendeine künstliche Membran vor die eigenen Gedanken und Gefühle setzen, wenn man sie dem Zuhörer auch einfach ungefiltert ins Gesicht… tja, was eigentlich… ins Gesicht schleudern, schmieren… dann am ehesten doch ins Gesicht singen kann. Eine zehnjährige on-off Beziehung inklusive einer nächtlichen Flucht vor fünf Jahren von Tennessee nach Brooklyn, die sie aus Reichweite ihres geliebt-gefürchteten ihre Gitarre zertrümmernden Freundes brachte. Nur um jetzt zu singen „he can break me, with one hand“ oder „I see your backhand again.“

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Foto: © Dusdin Condren

Vielleicht will man es alles gar nicht so genau wissen. The Guardian nennt es „shocking intimacy“, The Telegraph schreibt von „songs that hurt like hell“. Irgendwo dazwischen ist es wohl. Entziehen kann man sich der Stimme und den Songs von Sharon van Etten schon lange nicht mehr. Und wer es auf die ganz harte Tour mag, der sollte sich „Your love is killing me“ anhören.

„Are we there“ ist ein durch und durch intensives Album, das weitestgehend auf die Hoffnungsschimmer der Vorgängerplatte verzichtet. Dort gab es das hypnotische „Serpents“ – ein richtiger Rocksong und man konnte die Hoffnung haben, dass die Trommelwirbel Sharon van Etten zur Sonne katapultieren.

Nix da.

Es sind grandiose Songs, die sie nun veröffentlicht. Nicht mehr schwankend. Absolut selbstbewusst, die Dinge beim Namen nennend. „Even when the suns comes up, I’m in trouble.“ Wer denkt da nicht an das Zitat des vergangenen Sommers „Trouble will find me“?

Musikalisch bemerkenswert ist die zunehmend herausgehobene Funktion der Zweitstimme von Heather Woods Broderick. Erklingen sie gemeinsam, schaffen sie einen ikonischen Klang, verschmelzen zu einem Ganzen. So wird Woods Broderick für Sharon van Etten das, was Mike Mills für Michael Stipe und Sean Carey für Justin Veron ist. Ein Signature-Sound – einzigartig und unverwechselbar.

Durch das gesamte Album tragen perlende Gitarren- oder Pianoflächen – wie ein Teppich, auf dem sie ihre Geschichte präsentiert. Musikalisch im Sinne ausgefuchster Arrangements gibt es weitaus Anspruchsvolleres. Aber hier geht es darum eine Stimme Geschichten erzählen zu lassen.

Diese Stimme ist groß, selbstbewusst, brüchig ohne zerbrechlich zu sein. Es bleibt Sharon van Etten zu wünschen, dass sie nicht zerbricht.

Sharon van Etten live
2. Juni, Privatclub, Berlin
1. Juni, Studio 672, Köln

Titelfoto: © Jagjaguwar, Sharon Van Etten.

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