Rose Interview MikrofonDie Musikerin Dominique Dillon de Byington gab gestern ein Konzert in der Berliner Volksbühne.

Die etwas ältere Frau auf dem Sitz neben mir, dir hier vielleicht gelandet ist, weil sie ein Theater-Abo in der Volksbühne hat oder weil sie auf Radio1, dem Befindlichkeits-Sender für neurotische Ü40-Berliner, ein Ticket gewonnen hat, hält sich schon in der Mitte des zweiten Songs die Ohren zu. Genau in dem Moment, in dem ich das erste mal verstehe, dass das musikalische Konzept von Dillon eigentlich nur live Sinn macht. Wenn nämlich Verstärker-Endstufen und Boxen in der Lage sind die pulsierenden dumpfen Beats, die tiefen Bässe und die kreischenden, flirrenden Filterkurven des Synthesizers in ihrer ganzen Pracht wiederzugeben. Also all die Klang-Frequenzen hörbar und spürbar sind, die unsere MP3-Player und Billig-Stereoanlagen überhaupt nicht verarbeiten können.

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Dillon’s Musik wird live also um eine Dimension reicher – wenn nicht sogar um die entscheidende Dimension. Ich finde das wunderbar, habe aber den Eindruck, dass es viele Zuhörer verstört. Die feingliedrigen Studentinnen, die wegen der hübschen Stimme und der angenehm entrückten Sprachwelt von Dillon hier sind, werden irgendwie vor allem dann wach, wenn Dillon nur vom Klavier begleitet singt und ihr musikalischer Partner Tamer Fahri Özgönenc hinter seinem Laptop stumm bleibt. Dabei ist der Kontrast zwischen der brüchigen Stimme und der harten Klangwelt eigentlich das Großartigste dieses Projektes. Und es ist die Dimension, die Dillon von anderen Sängerinnen unterscheidet.

You turn my legs into spaghetti

In den Minuten vor Konzertbeginn stelle ich mir beim Anblick der Bühne die vielleicht etwas nerdige Frage, warum die Werkbank des sehr großartigen Tamer Fahri Özgönenc ordnungsgemäß mit schwarzem Tuch verkleidet ist, während das E-Piano von Dillon auf seinem Podest auf einem nackten, unverhüllten Metallständer steht. Als Dominique Dillon de Byington dann aber in einem bodenlangen Kleid, dessen Beinpartie aus transparenten schwarzen Stoff besteht, hinter ihrem Tasteninstrument steht, ist die Frage beantwortet. Nur so wird das wohl dosierte Zucken und Schwingen ihrer Beine sichtbar. Und es drängt sich natürlich permanent die Zeile „you turn my legs into spaghetti“ aus Dillon’s monströsen Song „Thirteen Thirtyfive“ auf – also die Redewendung, die das ekstatische und unkontrollierte Zucken von Beinen nach dem Orgasmus beschreibt.

Wenn ich mal bei dieser Metapher bleibe, dann ist das Zucken von Dillons Beinen vielleicht das Ergebnis eines sehr großen Glücksgefühls beim aufführen der eigenen Musik, deren Darbietung in jeder Sekunde so wohl kalkuliert scheint – selbst, wenn sie bei der Zugabe wie zufällig aus dem Takt gerät und nach dem Einsatz sucht. Und ich stelle mir vor, wie viele der Zuhörer dann denken „oh guck mal wie niedlich, sie vergisst den Text“, während Dominique Dillon de Byington sich denkt „oh guck mal wie lustig, die finden mich jetzt niedlich, weil ich so tue, als ob ich mich fast verspielt hätte“ und dabei noch einmal kaum spürbar mit den Beinen zuckt.

Große Kunst ist immer auch Timing und manipulativ. Sie setzt auf Effekte und eröffnet Bilder, an die man glauben kann oder eben nicht. Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt war das ein großes Konzert. Und die feingliedrigen Studentinnen, denen das gestern vielleicht zu viel Realität war, die können heute auf dem International-Hipster-Market am Maybach-Ufer wieder nach Zutaten für ihren Lebensentwurf suchen, die sie dann zur Pflege ihres sorgfältig komponierten digitalen Ichs auf Instagram posten dürfen.

Titelfoto: Mario Münster.

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