Rose Musik SchlagzeugKonzertbericht: Sharon van Etten, Bowery Ballroom, New York, 13. Juni 2014

 

Sharon van Etten spielt die letzte Zugabe des Abends. Mitten im Song „Every time the sun comes up“ kommt sie zu der Textzeile „People say I’m a one-hit-wonder but what happens when I have two?“ Der ausverkaufte Bowery Ballroom in New York füllt sich mit Jubel und Applaus. In dem Moment ist klar, dass hier gerade eine der besten Independent-Künstlerinnen unserer Tage singt und irgendwie jetzt genau in dieser Minute auf dem momentanen Höhepunkt ihrer Karriere angekommen ist. Hinter ihr die Zweifel und Dämonen vergangener Jahre. Auch Sharon van Etten und ihre Band scheinen das zu spüren. Ihre Gesichter sind verräterisch in diesem Moment.

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Bild via: https://www.facebook.com/SharonVanEttenMusic

Eine gute Stunde zuvor betritt eine viel kleiner und zierlicher als erwartete Sharon van Etten die Bühne. Für den ersten von zwei ausverkauften Abenden im legendären Bowery Ballroom. Während der ersten Zeilen des Openers „Afraid of nothing“ erfüllt ihre Stimme den gesamten Saal, sie kriecht in jede Ecke. Es ist, als ob man diese Stimme anfassen kann. Man spürt förmlich, wie links und rechts erwachsene Männer mit aufsteigenden Tränen kämpfen. Am Ende des Songs atme ich das erste Mal seit drei Minuten wieder aus und es ist klar, dass das ein einschneidender Abend wird. Ein Meilenstein in der Historie meiner Konzertbesuche.

Seit ich vor vier Jahren auf die Musik von Sharon van Etten stieß, gelang es mir nie, sie einmal live zu sehen. In Berlin bin ich immer nie in der Stadt gewesen. Vor zwei Jahren in Paris habe ich sie um einen Tag verpasst. Dass es nun ausgerechnet in ihrer Zuflucht und Wahlheimat New York klappt, musste wohl so sein.

Ende Mai erschien ihr drittes Album. Weltweit konnte man seitdem in Musikmedien und Feuilletons (und im Rosegarden Magazin!) die Geschichte dieses Albums nachlesen. Eine Zumutung an Intimität. Der Befreiungsschlag einer Künstlerin und einer Liebenden. Hier in New York, nach wochenlanger Promotion in Europa und den USA und am Vorabend einer Tour bis in den Herbst, ist Sharon van Etten für einen Moment zu Hause. Ihr Vater und ihr Bruder sind im Publikum. Sie selbst ist aufgekratzt, beinahe albern. Auf den ersten Blick scheint das alles nicht zu passen. Die üblen Geschichten ihrer Songs und zwischen den Stücken diese dem Überschnappen nahe kleine Frau mit den schwarzen Haaren. Aber vielleicht sind die Geschichten dieser Songs nun auch alle Geschichte. Dann ist das hier die Party der Befreiung.

Die Höhepunkte des Abends sind neben den zwei genannten Stücken zweifellos das brutale „Your love is killing me“, das ins überirdisch driftende „Tarifa“ und „Serpents“, das Juwel des Vorgängeralbums.

Ein denkwürdiges Konzert an dessen Ende Sharon van Etten noch auf der Bühne in die Arme ihres Bären artigen Bassisten sinkt, für eine Umarmung, die nicht enden will.
Befreiung oder Erschöpfung?
Trost oder gemeinsame Freude?
Sie wird es wissen.

Titelfoto: © Mario Münster.

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