Rose Musik SchlagzeugDas neue Interpol-Album „El Pintor“ klingt wie ein Interpol-Album. Ist das jetzt gut oder schlecht?!

Es gibt eines neues Interpol-Album. Das gute daran ist: Es klingt wie ein Interpol-Album. Das schlechte daran: Es klingt wie ein Interpol-Album. Gut, damit sind wir mitten in der grundlegenden Frage danach, was man von einer Band erwarten sollte: Erneuerung oder Beständigkeit? Abkehr von gewohnten Sounds und Stimmungen oder totale Verlässlichkeit?

Überrasch‘ mich, Schatz!

Für Interpol gilt: Wo Interpol drauf steht, ist auch Interpol drin. Die Frage ist ja auch, ob man etwas anderes wollen kann. Wenn man nach einer deutlich über zehnjährigen Beziehung zu seinem Partner sagt „überrasch‘ mich, Schatz“ und der dann mit neuer Frisur, neuem Outfit und der Anmeldung für einen Tango-Kurs nach Hause kommt, dann sehnt man sich plötzlich doch wieder nach der Beständigkeit von gestern. Und so ist es dann auch irgendwie mit Bands im Allgemeinen oder Interpol im Konkreten: Es wäre merkwürdig, die drei Herren aus New York mit Vollbart, Flanellhemd und Banjo zu sehen und zu hören, wie sie versuchen, auf einen bereits abgefahrenen Neo-Folk-Zug aufzuspringen. Yeehaaw—Hä?!

Ein Anagramm des eigenen Sounds

Nein, Interpol reiten im wahrsten Sinne des Wortes ihre Welle. „El Pintor“ ist der fünfte Anlauf der Band das Erbe des New Wave in die Gegenwart zu transportieren. Auf „Turn on the bright lights“ 2001 war das genial. Auf „El Pintor“ ist es stellenweise sehr schön, sehr oft aber leider überflüssig. „El Pintor“ ist ein Anagramm von Interpol. Eine semantische Spielerei. Aber auch eine weitere Interpretation ist möglich: Das Album reproduziert sich aus den ureigensten Bestandteilen der Band. Viel Innovation ermöglicht das nicht.

Wie gesagt: Man kann deshalb aufatmen oder entnervt aufstöhnen. Interpol hören ist auch auf „El Pintor“ wie nach Hause kommen. Man ist sofort daheim im Interpol-Universum, verirrt sich in den Hallschleifen der Gitarren, verfällt dem stampfenden Schlagzeug und lässt sich von Paul Banks Stimme ganz tief in die Nebenschauplätze eines tiefschwarzen nächtlichen New York ziehen. Bloß das Fehlen des ehemaligen Bassisten Carlos Dengler sorgt dafür, dass in diesem Zuhause etwas nicht stimmt.

Gleichwohl, das Gefühl der Vertrautheit kommt auch deshalb so schnell, weil mit „All the rage back home“ der beste Song das Album eröffnet. Es ist einer dieser Interpol-Songs, bei dem das Schlagzeug nicht wie ein Mühlstein alles im Zaum hält und die Musik gravitätisch in den Untergrund zerrt, sondern Bassdrum und Snare kompromisslos alles nach vorne treiben. Derart aufgeputscht fällt man dann in ein Loch, in dem man auf etwas wartet, das nicht kommt.

Richtige Enttäuschung gibt es nicht

Aber irgendwie will sich so richtige Enttäuschung nicht breit machen. Interpol schaffen es ein 90-minütiges Konzert nur mit Hits zu spielen. Das Füllmaterial aller Nachfolgeralben von „Turn on the bright lights“ spielt keine Rolle. Und so wird „El Pintor“ mit seinen wenigen Perlen das Ensemble der unsterblichen Interpol-Songs  punktuell bereichern. Und das ist mir immer noch lieber als mir Paul Banks und Daniel Kessler ohne Anzug mit Akustik-Gitarre am Lagerfeuer vorzustellen.

El Pintor ist am 8. Sepember 2014 bei Matador erschienen. Anfang 2015 ist die Band auf Tour in Deutschland.

Titelfoto: Jelle Wagenaar

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