Rose Interview MikrofonKeith Jarrett in der Carnegie Hall, New York.

„Do you have a spare ticket?“ der grauhaarige Mann mit Nickelbrille und Baseballmütze mustert mich, als ich die Lobby der New Yorker Carnegie Hall betrete. Doch leider habe ich nur die eine Karte für Keith Jarretts „… only North American solo piano concert of the year“.

Das erste Mal gesehen habe ich den Ausnahmepianisten Mitte der neunziger Jahre auf einem Plattencover. Dort scheint er in Trance, hält den Kopf tief gesenkt, das Haar fällt ihm ins Gesicht. Ich war zum Essen bei einem Freund eingeladen, die Hitze des Tages hatte endlich nachgelassen und die Fenster waren weit geöffnet. Wir rauchten, tranken viel Wein und ließen unsere Unterhaltung durch die laue Sommernacht treiben. In seinem Esszimmer stand nicht viel mehr als der Tisch, an dem wir saßen und ein Regal mit zahlreichen Schallplatten, zu dem er von Zeit zu Zeit hinüberging, um neue Musik für uns auszusuchen. Irgendwann holte er das weiße Cover mit der Abbildung hervor. Ich fand The Köln Concert aus dem Jahr 1975 wundervoll. Mehr noch, die Musik erzeugte diesen besonderen Sog, der mir das Gefühl gab, gerade einen wirklich großen Moment zu erleben. 20 Jahre später besuche ich endlich eines seiner Konzerte. Vorbereitend habe ich einige Aufnahmen gehört, etliche Konzertkritiken gelesen und ich war gespannt, wie der Abend verlaufen wird. Wird jemand husten? Fotografieren? Wird Keith Jarrett das Publikum beschimpfen?

Please refrain from coughing

Pünktlich sitze ich auf meinem Sitz im Parkett und warte auf den Künstler. Aber der Saal ist nur mäßig gefüllt. Die New Yorker sind entspannt, lassen sich Zeit. In der Nähe unterhalten sich junge Menschen über das auf und ab der Börse, ein älteres Ehepaar macht noch eben eine Verabredung für das Wochenende klar, viele gehen nach vorne und fotografieren den Konzertflügel auf der sonst leeren Bühne. Dann ertönt die letzte Durchsage: „No Photos. And please refrain from coughing.“ Mit mehr als 40 Minuten Verspätung beginnt das Konzert.

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Mr. Jarrett, 69, sitzt am Klavier und beginnt zu spielen. Sein Oberkörper ist weit nach vorne gebeugt, der Kopf berührt beinahe die Tasten. Sein Rücken ist rund wie der einer Katze, dann streckt er ihn durch, steht auf, beugt sich weit über die Tasten, als wolle er gleich in den geöffneten Deckel steigen. Ein kehliger Laut mischt sich unter das spielerisch dahinfließende Klanggewebe. Zwischendurch stampft er mit den Füssen, mal im Takt mal dagegen, spürt den Tönen nach, treibt sie voran, die Musik schwillt an und verebbt wieder. Nicht immer kann ich der Richtung seiner Improvisationen folgen, sie sind mitunter verwirrend verstrickt, bis sie sich mir wieder zuwenden. Er sitzt wieder, sein Oberkörper lehnt sich zurück, die ausgestreckten Armen berühren gerade noch die Tastatur. Dann beginnt das Spiel von neuem, sein Körper tänzelt vor den Tasten.

Torrero und Katze

Zwischendurch unterbricht er sein Spiel, steht auf und geht zu einem Mikrofon, das für ihn bereit steht. Er sucht den Kontakt zum Publikum. „I have so many stories to tell, I don´t know where to start.“ Dann geht es weiter, er tanzt über die Tasten hinweg, schwermütig, leichtfüßig, mal Torrero, mal tänzelnde Katze. Er spricht über das Husten. Natürlich wird gehustet. Die Menschen hätten einen Sinn dafür im „richtigen“ Moment zu husten. Es wird gelacht. Er spielt weiter. Dann steht er wieder vor dem Mikrofon. „I wanted to thank you. Without you this would all not be possible. People think i hate my audience. I get emails from people saying: You hate your audience. But“ – er zeigt zu dem stummen Instrument „I dont play like this in my studio.“

Je länger er spielt, desto mehr dringt sein Spiel in mich ein, greift nach mir und treibt mich fort, mal hin zu einem Film aus den frühen 1960er Jahren, mal in die alte Heimat Berlin. Und dann bin ich wieder in dem kahlen Wohnzimmer vor 20 Jahren, höre The Köln Concert auf einer knisternden Schalplatte und denke: besser kann es eigentlich nicht werden.

 

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