Rose Interview MikrofonEs gibt ein neues Album von Johnny Cash. Wirklich.

Man kann die sehr bürgerliche Stadt Wiesbaden über die Ausfahrt Mainzer Straße verlassen, wenn man über die Autobahn 66 in Richtung der Dörfer des Rheingaus fährt. So wie ich es tat am 14. September 2003. Ich war auf dem Beschleunigungsstreifen als der Radiomoderator berichtete, dass Johnny Cash am Tag zuvor in Nashville starb. Mir ist bis heute nicht klar warum, aber ich schlug aus irgendeiner Verzweiflung heraus zweimal heftig mit der Handfläche auf das Lenkrad.

Foto: Universal Music 2010

Foto: Universal Music 2010

Igitt! Nine Inch Nails!

2003 – das war in der Johnny Cash Zeitrechnung schon eine merkwürdige Phase. Leute, die sich angewidert die Ohren zuhalten würden, wenn man ihnen das Album „The downward spiral“ von Nine Inch Nails vorspielen würde und gleichzeitig einen versonnen karaokesken Träumerblick aufsetzen, wenn Johnny Cash „Hurt“ singt. Aber das sind vermutlich auch Menschen, die Che Guevara für den Sänger von Rage Against the Machine halten. Man kann Rick Rubin dafür keinen Vorwurf machen. Er hat einem schwarzen Mann street cerdibility verliehen und niemand wird ein schlechterer Mensch, bloß weil er Johnny Cash zuhört.

Aber ich schweife verdammt weit ab. Denn eigentlich geht es hier nur darum: Es gibt ein neues Johnny Cash Album. Elf Jahre nach seinem Ableben. Mit unveröffentlichten Aufnahmen des Meisters aus den 1980er Jahren. Ich war da sehr skeptisch. Erst recht, nachdem ich die Werbeanzeigen für die Platte in den Feuilletons bildungsbürgerlicher Gazetten fand. Ich habe mich dennoch getraut „Out among the stars“ zu hören. Nicht zuletzt, weil sich mein aktuelles Bandprojekt als verkappte Country-Combo herausstellt und ich die Finger nicht von der Slidegitarre lassen kann (Yeehaaw!).

Und was soll ich sagen: Es dauert vier Takte und man hat das Gefühl nach Hause zu kommen. Die Cash-Dampflock stampft, die Gitarren dengeln und über allem liegt diese unwahrscheinliche Melancholie. Nur um im nächsten Song von einer ebenso unwahrscheinlichen Lebensbejahung abgelöst zu werden. Johnny is still alive. Es dauert bis zum dritten Stück auf dem Album, bis sich Johnny Cash ein weiteres Mal unsterblich macht: „She used to love me a lot“ ist so zeitlos gut, dass man allen Justin Vernons und Lumineers den vorgezogenen Ruhestand nahelegen möchte. Übertrieben? Vielleicht ein wenig. Aber egal, wir reden hier über ein Stück Geschichte.

„Out among the stars“ ist ein wunderbares Album, um die Autobahn 66 entlang zu fahren. Richtung egal. Hauptsache der Sound stimmt. Danke, Johnny.

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