Rose Interview Mikrofon

Zwei Stunden, zwei Bier, ein Wolkenbruch, ein Geständnis unterm Schirm. Mit Sophie Auster – Musikerin und Tochter der Literaturweltstars Siri Hustvedt und Paul Auster – sprach ich über Tom Waits, Rotlicht-Fieber und Männer, die wie Hunde sind.

Um das gleich vorwegzunehmen: Sophie Auster sitzt in der Bar, in der wir am späten Nachmittag verabredet sind, vor einem großen Glas Summer Pale Ale von der Bronx Brewery und neben ihr auf der Bank liegt ein abgegriffenes Exemplar des aktuellen Romans ihrer Mutter Siri Hustvedt. Damit hat sich mein ringen mit der Frage, ob ich die Sache mit den Eltern irgendwie anspreche, in Luft aufgelöst. Und es fühlt sich befreiend an. Denn nun, da der pinke Elefant in Form eines Romans mit uns am Tisch sitzt, wäre es absurd, ihn nicht zu thematisieren. Aber dazu später…

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Foto: Aaron Stern

Sophie Auster hat vor kurzem die Arbeiten an ihrem dritten Album beendet. „Dogs and men“ wird es heißen und vermutlich im Laufe des nächsten halben Jahres erscheinen. Ihre Andeutungen zu dem Albumtitel und ihr Geständnis von einem eigenen Comedy-Programm zu träumen, das ihre Dating-Geschichte thematisiert, versprechen inhaltlich eine ganz interessante Platte.

Superfluous peripheral dumbshit

Die Musikerin Sophie Auster kennen zu wenige. Und das ist ein Drama. Denn sie hat eine Stimme, in die man sich hineinlegen möchte. Eine sehr tiefe, sehr warme Stimme. Und sie ist eine leidenschaftliche Musikerin, die wie so viele andere junge Singer-Songwriter jede Kollaboration, jede passende Chance zur Performance nutzt, um ihr Baby zum fliegen zu bringen. Denn bloß, weil man die Tochter von Paul Auster und Siri Hustvedt ist, bekommt man keinen Mega-Deal bei einem großen Label oder eine landesweite Tour in vollen Hallen. Sophie Auster bringt das recht nüchtern auf den Punkt: „Der Name meiner Eltern hilft mir bei Dingen, die mir nicht wichtig sind. Bei den Dingen, die mir wichtig sind, hilft er mir überhaupt nicht.“ Und so muss sie damit leben ob ihres berühmten Namens und ihrer umwerfenden Erscheinung zu New Yorker Fashion-Partys und Dinner-Events eingeladen zu werden („superfluous peripheral dumbshit“ nennt sie das übrigens sehr erfrischend) und gleichzeitig den mühsamen Weg aller Independent Künstler gehen. Es gibt schlechtere Schicksale.  Das weiß auch sie.

Ein Leben wie Tom Waits

Ihr Wunschschicksal sieht sie im Modell von Tom Waits: Eine erfolgreiche Musikerin und Geschichtenerzählerin sein, die nebenbei durch ikonische Filmauftritte unsterblich wird. Ihre frühen Ausflüge in die Welt der Filme hat sie beendet und konzentriert sich nun ganz auf die Musik. Jede ihrer drei bisherigen Platten sei ein Dokument ihrer jeweiligen Lebensphase, zu dem sie heute das klassische Verhältnis aller Kreativen zu ihren vollendeten Werken hat: Sie würde es so nicht mehr machen, weil sie mittlerweile weiter und gewachsen ist. Als sie 2006 mit 16 ihre erste Platte aufnahm, bestand ein Großteil der Songs aus Texten französischer Surrealisten und das Brooklyn Girl gab eher die Pariser Mademoiselle. Da tut etwas Distanz sicher gut.  Erst sechs Jahre später erschien 2012 mit Red Weather eine ziemlich reale und ziemlich gute weitere Platte.

Sophie Auster liebt die Bühne und den Auftritt. Dafür scheint sie gemacht. Was sie weniger liebt, ist die Aufnahme-Situation. Sie nennt es Rotlicht-Fieber. Selbst wenn sie alleine in ihrem New Yorker Apartment Fragmente für Songideen aufnimmt, überfällt sie das Fieber und lässt die Finger zittrig, die Stimme unsicher werden.

Dann kommen der Regen und mein Kettensägen-Charme

Als ich meine spärlich vorbereiteten Fragen abgearbeitet habe, setzt der kräftige Regen ein, vor dem der Radiomoderator während meiner Taxifahrt nach Williamsburg warnte. Das sei in fünf Minuten vorbei, behauptet Sophie Auster. Ich solle ihr vertrauen, sie habe bei so etwas immer recht. Exakt nach diesen fünf Minuten droht die Welt in einem Wolkenbruch unterzugehen. Es ist ausgeschlossen diese Bar zu verlassen. Das mag dramatisch klingen, hat in dem Moment aber nur Gutes. Erstens die Erkenntnis, dass Sophie Auster nicht hellsehen kann und nicht immer recht hat. Und zweitens eine weitere Runde Bier mit ihr ohne das lächerliche Korsett eines Interviews.

Während das Bier aus der Bronx weiterhin schmeckt und draußen der Regen tobt, hält mir Sophie Auster ihr Telefon, das gerade vibrierte, unter die Nase und zeigt mir einen Handyschnappschuss von einer Frau in der U-Bahn, die gerade ein Buch von Siri Hustvedt liest. Sie habe da diese Freundin, die ihr immer Bilder von Menschen schickt, die ein Buch von ihrer Mutter lesen. Ihre ausgelassene, warmherzige und spontane Freude darüber – man kann es nicht anders sagen – ist sehr sympathisch.

Nach einer Stunde erlaubt der Regen uns, die Bar zu verlassen. Als wir unter dem Schirm, den sie spontan bei einem Großstadt-Krämer an der Ecke kauft, zur Bahn laufen, fällt mir dann die wahnsinnig dämliche Bemerkung ein: „Du bist viel kleiner, als ich dachte.“ (Meine Mitmenschen kennen meine gemeingefährlichen Komplimente, die in Form von Beleidigungen daherkommen.)

Mit etwas Abstand wird mir klar, dass diese Bemerkung durchaus auch im übertragenen Sinn stimmt. Und es ist wunderbar, dass es so ist. Sophie Auster ist eine von zahllosen leidenschaftlichen und talentierten Künstlerinnen Mitte zwanzig, die ihren Weg finden wird. Ohne überirdische Kräfte. Toll.

Titelfoto: © Aaron Stern.

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