Rose KurzgeschichteEin Magazin für die Urbane Bohème. Wer ist das eigentlich? Gibt es die überhaupt? Ein Versuch, sich dem Lebensgefühl des Teils einer Generation anzunähern.

Leipzig, Moskau, Berlin, Alicante, Madrid, Berlin. Das ist keine Reiseroute, das sind Orte eines Lebens. Nein, kein 70-Jähriger, der zurückblickt, sondern eine 33-Jährige. Sie ist nur ein Beispiel von vielen. An jedem Ort sprechen wir unterschiedliche Sprachen, erleben neue Menschen und entdecken neue Möglichkeiten, finden uns irgendwie in die Kultur dieser Orte ein. So sind wir groß geworden: anpassungsfähig, flexibel, wandelbar, ehrgeizig. Wir würden es mal schwer auf dem Arbeitsmarkt haben – sagte man uns. Also haben wir uns angestrengt und keine Fragen gestellt. Mit Mitte 30 verfügen wir über eine Art Patchwork-Identität: Wir haben eine Ausbildung, die es uns erlaubt, in etwa 50 verschiedenen Berufen zu arbeiten.

Wir sind irgendwie links und grün und auch ein bisschen konservativ mit mancher Neigung zum Liberalismus. Stadt ist super, sowieso. Aber oft raus aufs Land, in der Stadt hält es ja keiner aus. Wir essen sonntags gerne wie wir es in Spanien gelernt haben, im Winter helfen uns die Erfahrungen aus Russland und auf dem Amt erwarten wir deutsche Präzision.

Diese Vielfalt prägt unsere Identität und unser Leben. Darin verlieren wir uns und darin finden uns wieder. Noch nie war so vieles möglich. Aber auch nie war es so schwer anzukommen, sich zu entscheiden.

 

Wir könnten als goldene
Generation in die
Geschichte eingehen

 

An jedem Ort, an dem wir waren, lassen wir etwas zurück – Familie, Freunde, das Lieblingscafé und je nachdem das gute Wetter. Facebook, Skype und Billig-Airlines sind Retter unserer langfristigen Bindungen und helfen uns, räumliche Distanzen zu überwinden. Statt zusammen am Abendbrottisch sitzen wir am Rechner oder im Flieger.

Es gibt viele spannende Lebensphasen. Einige der spannendsten liegen zwischen Anfang 20 und Mitte 40. Nie mehr sonst trifft man so viele Richtungsentscheidungen über Beruf, Familiengründung, Wohnort oder Lebensform. Alles gewinnen oder alles in den Sand setzen. Dabei gab es wohl noch nie so viele Freiheiten und Optionen. Und genau das wird oft zu einem Problem. Denn wer theoretisch alles kann, ist auch schnell mal überfordert.

Unser Berufsleben beginnt mit schlechter Bezahlung, vielen Überstunden und befristeten Arbeitsverhältnissen. Die typischen Arbeitsformen der vorherigen Generation weichen flexibleren Modellen: weniger lebenslange Arbeitsplätze im Büro mit Zimmerpflanze, mehr Projekte mit Laptop und Co-Working. Arbeit und Freizeit verschwimmen zeitlich –erleichtert durch mobile Endgeräte. Das ganze Büro ist immer und überall im Zugriff. Aber die Entgrenzung schlägt uns aufs Gemüt, sagen Experten. Wir sind doppelt so lange aus psychischen Gründen arbeitsunfähig als noch vor 15 Jahren. Jeder und jede kennt jemanden mit Burnout. Und was auch zu dieser Wahrheit gehört: 58 Prozent der unter 25-Jährigen arbeiten in Deutschland zu Niedriglöhnen, Arbeitsverträge sind in der Regel befristet, von einem Betriebsrat hat der eine oder die andere mal was gehört. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlter Urlaub – für Projektnomaden ist das eine Geschichte aus einem Land vor unserer Zeit.

In den großen Städten wird die Lage dieses Teils unserer Generation besonders deutlich. Denn hier sind die verschiedenen Lebensoptionen eng nebeneinander sichtbar, hier werden sie gelebt, ausprobiert und verworfen. Und sie werden beeinflusst von weiteren Faktoren: steigenden Mieten, Integrationsproblemen, Städten im Wandel, fehlender Kinderbetreuung und Zielkonflikten zwischen verschiedenen Interessengruppen.

Und dennoch sollten wir nicht meckern: Unsere Freunde in Florenz und Barcelona haben gar keine Arbeit und wohnen wieder bei ihren Eltern. Sie zählen zu einer Menge gut ausgebildeter Arbeitsloser, deren Zukunft dem von Europa empfohlenen Sparkurs zum Opfer gefallen ist. Haushalt saniert, Jugend perspektivlos. Eins zu Null für ein Paradigma, in dem Markt und Mensch nicht zusammen gedacht werden.

Das Gold dieser Situation bergen

Es ist erstaunlich, welche Kräfte der Ideen und des Engagements sich in diesem Kontext entfalten. Das Ergebnis sind Musik, Literatur und andere Kunstformen. Aber auch urbane Gärten, Pop-Up-Bakeries, Open Source Programmier-Workshops und Guerilla-Restaurants. Unternehmer finden kluge und faire Geschäftskonzepte, die mit dem Teilen von Dingen und ehrlichem Engagement gleichzeitig Gewinn erwirtschaften – Stichworte: Social Business und Share Economy. Organisationen und Institutionen arbeiten an besseren Möglichkeiten der politischen Partizipation über digitale Kanäle. Und auch das Private kommt in Bewegung: Viele Menschen nähren die Trends des nachhaltigen Konsums und der Rückbesinnung auf Traditionen, sie bauen ihr eigenes Obst und Gemüse an, bereiten ihr Essen bewusst und genussvoll zu und lernen wieder Handarbeiten wie Stricken und Nähen.

 

Mit Mitte Dreißig
verfügen wir über eine Art
Patchwork-Identität.

 

Und hier kommen wir zu dem, was wir Urbane Bohème nennen wollen. So streitbar der Begriff und seine Eingrenzung auch sind und so sehr wir erkennen, dass unser Verständnis dieses Begriffs von unserem Wohnort Berlin geprägt ist: All die Menschen, die ihr Schaffen in den Dienst von Ideen und inspirierenden Projekten stellen, sind eigentlich Helden. Sie entflammen sich selbst und verleihen ihren Städten ein solches Strahlen, dass wir schon beim Gedanken daran, sie zu verlassen, einen Phantomschmerz spüren. Eine wirkliche Dividende gibt es für diese Helden oft nicht, aber sie bringen die Städte zum Leuchten.

Was ist nun das Fazit?

Die Lage ist eher gut als schlecht. Eindeutig. Aber wir hadern. Mit uns und den Umständen. Das ist verständlich, aber auch eine peinliche Klage einer im Wachstum groß gewordenen Generation.

Wir haben viele Freiheiten. Aber wir müssen lernen, uns zu entscheiden.Wer einmal akzeptiert hat, dass eine Biographie nicht linear sein muss, kann mit erheblich mehr Entspanntheit unterschiedliche Lebens- und Berufsmodelle aneinanderreihen.

 

Uns sollte es so gut
gehen wie noch nie.

 

Und bei aller Selbstzentriertheit sollten wir die Hoffnung nicht verlieren, auch etwas an den Umständen zu ändern: Die G8-Proteste des vergangenen Jahrzehnts und die Occupy- Bewegung sind zwar irgendwie Geschichte. Aber am Ende hilft es vielleicht, wenn jeder Einzelne es nicht als gegeben hinnimmt, dass Frauen schlechter bezahlt werden, dass Überstunden selbstverständlich sind, dass Stadtentwicklung von Investoren geprägt wird und immer weniger Kinder die Chance zum Aufstieg durch Bildung haben.

Die eigene Freiheit als Geschenk begreifen, von der Energie unserer Zeit zehren und immer mal wieder etwas dafür tun, dass diese Welt besser wird. Wir könnten als goldene Generation in die Geschichte eingehen.

Autoren: Maren Heltsche und Mario Münster

Maren Heltsche ist Mitgründerin und Herausgeberin von ROSEGARDEN. Sie ist Digital Media- und DIY-Enthusiastin und produziert gerne Dinge, beispielsweise durch Stricken, Drucken oder Zeichnen – aber auch Programmieren. Sie ist ein Teammensch und fest davon überzeugt: Zusammen geht es immer besser als alleine. Deshalb engagiert sie sich unter anderem bei den Digital Media Women. Ihr Geld verdient sie als freiberufliche Daten-Analystin und Beraterin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Erfolgsmessung von Kommunikation. Mehr: about.me/maren.heltsche

Mario Münster ist Mit-Gründer und Chefredaktuer von ROSEGARDEN. Weil ihm das nicht genug ist, arbeitet er als unabhängiger Kommunikationsberater und Weinhändler in Berlin. Er liebt das geschliffene Wort und die amerikanische Zuspitzung in Argumentation und Metapher.

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