Rose IdeeAus aktuellem Anlass veröffentlichen wir einen Beitrag aus unserem Print-Magazin, das es hier zu kaufen gibt. Es ist die Geschichte des Syrers Ziad Adwan und Teil unserer Suche nach der Antwort auf die Frage „Was ist Zuhause?“.

Irgendwann platzte Ziad Adwan einfach der Kragen. Das Haus in Damaskus, in dem er mit einigen Freunden wohnt, liegt genau an der Frontlinie, an der sich die Soldaten des Assad-Regimes und die Freie Syrische Armee seit Tagen einen Häuserkampf um jeden Meter Terrain liefern. Ziad und seine Freunde lehnen an den Fensterbänken und blicken hinab auf einen Bürgerkrieg, den sie merkwürdig distanzlos kommentieren: „Oh schau, der Panzer zielt auf das Nachbarhaus.“ „Da drüben wurde gerade jemand erschossen …“ „Wie viel steht es?“ Sie lachen. Es ist, als ob sie ein Fußballspiel von einer Tribüne aus verfolgen. Doch jetzt reicht es Ziad. Er ist genervt. Er findet diesen Krieg absurd. Er hat schon zu viel erlebt in diesem Krieg. Also öffnet er das Fenster und schreit die unter ihm versammelten Armeen aus Leibeskräften an: „Ihr da! Ihr hört jetzt sofort auf mit dem Scheiß. Ich hab die Schnauze voll. Ihr geht in euren Teil der Stadt. Und ihr geht in den anderen Teil der Stadt. Ab nach Hause mit euch. Es reicht!“

Niemand ging darauf hin nach Hause. Niemand hört auf zu schießen und zu töten. Es hörte auch keiner auf zu foltern. Bis heute nicht. Aber Ziad hatte seinen Punkt klar gemacht. Das war im Jahr 2012.

Foto: Tabea Mathern

Foto: Tabea Mathern

Die Geschichte von Ziad Adwan ist ein Dokument unserer Zeit. In all ihren Extremen. Es ist die Geschichte von jemanden, der sich noch vor einigen Jahren freiwillig für ein Leben ohne festes Zuhause entschied. Der als Schauspieler und Theater-Regisseur mal in Paris, mal in Kanada lebte. Der in Hollywood in Produktionen von Steven Spielberg kleinere Rollen spielte. Überall gab es Orte, an denen er bleiben konnte: Freunde, Kollegen … Sein Zuhause war im Hier und Jetzt. Ohne jede Homebase im Sinne einer Wohnung oder gar eines Hauses. Ziad Adwan genoss diese Zeit. Noch heute drückt sein Gesicht eine entfesselte Freiheit aus, wenn er über diese Zeit spricht.

Heute ist der promovierte Theaterwissenschaftler mit einem Abschluss an der Royal Holloway University of London ein Exilant. Einer der 5.000 Syrer, die die Bundesregierung als Reaktion auf den Bürgerkrieg in dem Land aufgenommen hat. Wenn man so will, wieder ohne ein Zuhause. Bloß diesmal unter völlig anderen Vorzeichen.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine Lebensgeschichte, in der Ziad Adwan seinen Vater und seine Mutter verliert, in der er in Syrien für die Revolution demonstriert, in der er verhaftet und geschlagen wird, und in der er sich für einen Betrag von 1.500 Dollar die Chance erkauft, sich selbst aus dem Land zu schmuggeln, ehe ihn die Armee einzieht. Es ist eine Geschichte, die sich am besten anhand von Szenen beschreiben lässt und die einen Mann zurücklässt, der sich heute mehr denn je die Frage stellt: „Was ist Zuhause?“

Yes, I can.

Es ist der 5. November 2008. Ziad Adwan wacht in der Wohnung eines Freundes in London auf. Es ist der Morgen nach der Nacht, in der Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Zu diesem Zeitpunkt lebt Ziad bereits seit neun Jahren in London, wo er an allem arbeitet, was mit Theater zu tun hat. In diesem Jahr schloss er seine Promotion ab. Er weiß bis heute nicht, was ihn dazu brachte, aber er erwacht an diesem Morgen mit einem Entschluss: „Ich muss zurück nach Syrien und dort eine Weile arbeiten.“ Er hat das Land samt seiner dort lebenden Mutter lange gemieden. Das Land, weil es ihn einschüchterte mit seiner Korruption und Vetternwirtschaft. Und die Mutter, weil sie nur noch in einer angespannten Wut lebte. Vielleicht war auch sie eingeschüchtert?

Aber wenn man ein Gefühl hat, dann hat man ein Gefühl. Ziad Adwan verlässt London, die Stadt, in der er heimisch geworden ist, und kehrt nach Syrien zurück. Dort widmet er sich verschiedenen Projekten. Er managet ein Interaktions-Theaterprojekt und tourt mit ihm durch das Land. In Damaskus macht er mit einer bunten Truppe Straßentheater. Sie spielen pantomimische Stücke oder Molière. Er hält es eine ganze Weile aus. Als er langsam merkt, dass er hier doch nicht glücklich werden kann, beginnen im März 2011 die friedlichen Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad. Die nächste Knospe des Arabischen Frühlings – dachte die Welt. Und dachte Ziad Adwan. Also entschied er sich zu bleiben. Die paar Monate, die es vielleicht dauern würde, auch in Syrien einen Regimewechsel durch Proteste herbeizuführen, die wollte er gerne in Damaskus verbringen. Dabei sein, wenn Geschichte passiert, einen kleinen Anteil daran haben. Sein Straßentheater wurde verboten. Öffentliche Versammlungen sind im Ausnahmezustand nicht erlaubt.

Foto: Tabea Mathern

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Way down 
in the 
hole

Während die Befreiung Syriens auf sich warten lässt, hat Ziad Adwan, ein Mann der Szenen und des Schauspiels, eine Lieblingsbeschäftigung. Nachts fährt er mit seinem VW-Käfer, der im Marienkäfer-Look lackiert ist, durch Damaskus und hört dabei laut Tom Waits. Die dröhnende, kaputte und doch so lebendige Stimme des großen Tom Waits wird für ihn zum Soundtrack des beginnenden Bürgerkrieges. Er macht sich einen Spaß daraus, an die vom Assad Regime bewachten Check-Points zu fahren und mit den Soldaten Zigaretten zu rauchen. Sie in Gespräche zu verwickeln. Sein ganzer Auftritt wirkt so bizarr, dass er auf niemanden verdächtig, geschweige denn gefährlich wirkt. Ein erwachsener Mann in einem fahrbaren Marienkäfer, aus dem heraus sich jemand die Seele von den Stimmbändern hobelt. So was haben Assads Leute noch nicht gesehen – und gehört.

Währenddessen wird aus der friedlichen Revolution ein Bürgerkrieg, ein bis jetzt nicht entschiedener Kampf um die Zukunft Syriens. Bisher starben dabei über 220.000 Menschen, 2,6 Millionen Syrier sind aus dem Land geflohen, etwa neun Millionen sind im Land selbst auf der Flucht. Während aus dem Arabischen Frühling in Syrien die größte Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda wird, bleibt Ziad Adwan in Damaskus. Was er aus dieser Zeit berichtet, hat nicht nur etwas mit einer Hölle zu tun, die man als Außenstehender vermutet. Im Gegenteil: In Damaskus liegen der Alltag und das öffentliche Leben brach. Alles ist on hold. Die Menschen versammeln sich, rücken näher zusammen, helfen einander, sitzen bis tief in die Nächte hinein zusammen. Es ist, so grotesk das klingen mag, eine Zeit des Müßiggangs. Ziad Adwan vermisst die Intimität, das Miteinander dieser Zeit bis heute.

Foto: Tabea Mathern

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Im Keller

Syriens Revolution kam zu Ziad Adwan nach Hause. An dem Tag, an dem sein Bruder in Damaskus verhaftet wurde. Seit diesem Tag war jedes Klopfen an der Tür Angst. Eine Verhaftung kann zu diesem Zeitpunkt alles bedeuten: Jemand verschwindet für immer, jemand wird getötet, gepeinigt oder wieder freigelassen. Ziad und seine Familie verbringen Tage in unwissender Angst.

Über die Grenzen von Unterstützern der Revolution und „Angestellten“ des Assad-Regimes hinweg gibt es in Syrien zwischenmenschliche Kontakte: Verwandte, Freunde von Freunden … Über diese Kanäle erhält die Familie bruchstückhaft Informationen über den Verbleib des Bruders. Sie lassen hoffen. Aber erst als nach einigen Tagen die Haustür aufgeht und der Bruder im Türrahmen steht, haben sie die Gewissheit, dass es diesmal gut gegangen ist.

Einige Wochen später spazieren Ziad, sein Bruder und einige Freunde durch das abendliche Damaskus, als sie von einem Trupp der Sicherheits-Polizei angehalten und verhaftet werden. Die weinenden Freundinnen werden von der Gruppe getrennt. Die Männer werden mit Gewalt in einen Bus verfrachtet. Im Inneren des Busses baut sich vor Ziad ein Schrank auf und schlägt ihm mit aller Kraft ins Gesicht – die rechte Seite, die linke Seite, wieder die rechte Seite … Ziads Kopf schlägt gegen die Kopflehnen des Sitzes, und er staunt.
Er staunt. Zu etwas anderem, sagt er, war er nicht fähig. Kein Schmerz, keine Wut, kein Weinen, keine Angst. Wenn er sich an die Szene erinnert, sieht er sich mit weit offenen Augen vor dem Mann stehen, der ihn prügelt, mit einem Gesichtsausdruck, der nur noch zu fragender Verwunderung fähig ist: What the fuck …?!

Die Männer werden gefesselt, mit verbundenen Augen durch die Stadt gefahren und in einen Keller gesperrt. Dort werden sie weiter geschlagen und verhört. Und Ziad weiß, was er schon bei der Verhaftung seines Bruders wusste: Entweder verschwinde ich für immer oder ich sterbe oder ich komme wieder frei. Er hofft auf schnellen Tod oder Freilassung. Wovor er wirklich Angst hat, ist Folter. Alles, nur das nicht. Nach einigen Stunden ist der Spuk vorbei. Die Männer werden freigelassen. Warum? Das weiß Ziad bis heute nicht. Er hat Vermutungen.

Foto: Tabea Mathern

Foto: Tabea Mathern

Dollar für die Freiheit

Für Ziad Adwan beginnt eine neue Zeitrechnung im Bürgerkrieg seines Heimatlandes. Einige Monate lang geht er nicht zu Demonstrationen. Aus Angst vor weiteren Verhaftungen. Er fällt, so nennt er es, in eine Art Koma. Die Tage ziehen an ihm vorbei, gleichförmig. Er ist wie gelähmt. In dieser Zeit will er spät abends Freunde in der Altstadt von Damaskus besuchen. Ein stockdunkler, verwinkelter Lebensraum. Er steigt aus seinem Marienkäfer aus. Außer ihm ist hier niemand. Dann gibt es eine Detonation. Nichts Ungewöhnliches an diesem Ort in diesen Tagen. Ein vertrauter Sound. Tausende Male gehört. Doch diesmal ist es anders. Der Knall kommt aus dem dunklen Nichts, die Steinmauern der Gebäude beben. Danach herrscht ohrenbetäubende Stille. Ziad bekommt Panik, steigt in sein Auto und donnert in Richtung Highway. Während er sich selbst ununterbrochen fragt: Wovor hast du Angst? Wovor fliehst du? Woher kommt deine Panik? Die Stille. Es ist die Stille, die ihn erschreckt.

Die Tage dieser Lähmung sind auch Tage, in denen Ziad zu keiner Entscheidung fähig ist. Er muss weg aus Syrien. Aber er zögert den Entschluss immer wieder hinaus. Für 7.000 Dollar hat er nicht nur einen Pass bekommen, sondern auch dafür gesorgt, dass der Stichtag, zudem er von der Armee eingezogen wird, um sechs Monate verschoben wird. Dieses halbe Jahr reizt er aus. Bis kurz vor Schluss. Dann entschließt er sich zu gehen. Doch die Grenzposten wollen ihn nicht ausreisen lassen. Sie wissen, dass in wenigen Tagen seine teuer erkaufte Zeit abläuft. Sie wissen, dass er dann zur Armee muss. Und sie fürchten zurecht, dass Ziad, wenn er jetzt ausreist, nicht wiederkommen wird. In dieser Situation gibt es zwei Möglichkeiten: Die Polizei bringt ihn zum Militär oder es gelingt ihm, die Polizei davon zu überzeugen, dass er sich dort selbstständig meldet. Letzteres bezweifeln die Polizisten. Ziad, so erzählt er, wendet nun mit seiner Schauspielkunst alle Rollen an, von denen er glaubt, sie können seine Gegenüber überzeugen: Er droht, er bettelt, er argumentiert, er versucht es auf die Kumpel-Tour. Sie lassen ihn gehen.

Um dem Land zu entkommen, investiert er noch einmal 1.500 Dollar. Bestechungsgeld, das es ihm ermöglicht, sich selbst aus dem Land zu schmuggeln. Ihm gelingt so die Flucht nach Beirut und dann weiter nach Dubai, wo sein Bruder bereits seit einer Weile ist. In dieser Zeit geht es seiner Mutter immer schlechter. Auch sie ist in Dubai. Dann stirbt sie. Ziad und sein Bruder können nicht zurück nach Syrien. Der Sarg der Mutter fliegt alleine zurück in das Land des Krieges.

Foto: Tabea Mathern

Foto: Tabea Mathern

Berlin-München-Athen

Ziad Adwan kommt nach Berlin. Er kennt die Stadt aus früheren Aufenthalten. Er mag es hier. Sein Status regelt die Sonderregelung der Bundesregierung, die für 5.000 Syrer gilt. Er darf hier arbeiten, und er kann innerhalb der EU reisen. Als er in Berlin angekommen ist und durch die großen, breiten Straßen läuft, überfällt ihn ein Gefühl: Ich bin zurück.

Er fährt nach München, wo seine Freundin, ebenfalls eine Syrerin, mit ihrer Familie lebt. Er fällt ihr um den Hals und denkt: Endlich bin ich da. Zurück in Berlin stellt er fest, dass sein griechischer Mitbewohner aus Londoner Tagen auch in der Stadt lebt. Sie verabreden sich und laufen sich noch auf dem Weg zu ihrer Verabredung zufällig in die Arme. Er denkt: Wie vertraut das hier ist.

Der griechische Freund lädt ihn ein, mit zu seiner Familie nach Athen zu reisen. Er kennt die Familie seit Langem. Ziads Vater und der Vater seines griechischen Freundes haben am selben Tag Geburtstag. Er fliegt nach Athen. Die Familie seines Freundes begrüßt ihn wie einen Totgeglaubten. Er denkt: Endlich Zuhause.

Ziad Adwan hält inne, als er das erzählt. Dann blickt er auf, wie aus seinem eigenen Film gerissen, und sagt: „Ist das nicht komisch, dass ich nach allem in Athen bei der Familie meines Freundes das Gefühl habe, ich bin Zuhause?“

Ziads syrischer Pass ist abgelaufen. Auch nach allem was war, stellt er fest, dass er sich dadurch entwurzelt fühlt, ohne Zugehörigkeit.

Zuhause ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das wir an Orten haben, an denen wir Menschen versammeln, die uns etwas bedeuten. Aber manchmal ist es auch bloß die Entwertung eines Stück Papiers, die uns Heimatlosigkeit fühlen lässt.

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