Rose DrinksWenn Zeitgeschichte auf Alkohol trifft. Am Abend vor dem Machtwechsel in Griechenland saß unser Autor bei Ouzo und Gyros beim Griechen – und machte sich so seine Gedanken.

Es gibt Momente, in denen Zeitgeschehen und Lebensalltag auf wundersame Weise verschmelzen. Am Samstagabend folgte ich dem Alkohol schwangeren Ruf guter Freunde in ein groteskes griechisches Restaurant in Berlin. Das Konzept ist einfach: Man bezahlt für das Essen, während die Kellner ununterbrochen Bier und Ouzo auf Kosten des Hauses nachschenken. Nach dem dritten Ouzo kam mir zum ersten Mal der Begriff „Austerität“ in den Sinn.

Während also Brüsseler Sparkommissare, das konservative Europa und die Notenbanken an diesem Samstagabend Stoßgebete in Richtung Athen schickten, standen die Menschen vor der Tür Schlange, um einen Tisch in diesem Tempel der Maßlosigkeit zu ergattern. Da war es praktisch, dass man bereits beim Warten mit Ouzo versorgt wird. So konnte man zunehmend benommen den Blick von Tisch zu Tisch schweifen lassen.

Wer waren all diese Menschen? Exil-Griechen? Umland-Berliner, die ihrem letzten Korfu-Aufenthalt nachtrauerten und den Schmerz mit Gyros und Tzatziki betäuben müssen? Einer meiner Begleiter meinte dann irgendwann zu mir: „Du, ich glaube hier sind auch Menschen, die, anders als wir, völlig ironiefrei hierher kommen…“ Ach?!

Buzuki, Bazooka? Opa!

Heißt aber, dass sich die Menge nicht für ein politisches Statement versammelt hat. Oder weil es es in dem Laden so surreal ist. Ach übrigens: Ich vergaß zu erwähnen, dass es Live-Musik gab. Opa! Ein vitaler älterer Grieche mit einer Buzuki, der dazu pausenlos sang. Interessanter war sein Begleiter. Ein total phlegmatischer Typ in Anglerweste, der weit zurückgelehnt auf einem Stuhl vor einem Keyboard saß und abwesend einzelne Tasten drückte. Er wirkte in etwa so wie der späte Brian Wilson. Vielleicht war er auch der einzige, der einen Machtwechsel in Athen befürchtete.

Während links und rechts Essen an die Tische gebracht wurde, überladene Teller mit Produkten möglichst günstiger Herkunft, dachte ich an den supergesunden Smoothie, den ich noch am Nachmittag hatte, an meine Umwege auf der Suche nach guten Lebensmitteln, an meine Angst vor Industriefetten, Geschmacksverstärkern und unglücklichem Fleisch gequälter Tiere… und noch ehe ich den Begriff Slow-Food denken konnte, stand vor meiner Nase dieser Teller mit kulinarischer Rücksichtslosigkeit. Da war Athen noch 24 Stunden von dem Machtwechsel entfernt.

Irgendwann stellte ich mir vor, dass die Bundesregierung einen Betriebsausflug in dieses Restaurant macht. Und in Gedanken sah ich ich Wolfgang Schäuble hinten links in der Ecke bei der Kasse mit dem Besitzer diskutieren, Angela Merkel machte Selfies mit den Gästen, Sigmar Gabriel langte ordentlich beim Souvlaki zu, Ursula von der Leyen saß vor einem grünen Salat und Andrea Nahles tanzte Sirtaki mit Hermann Gröhe…

Wachtelinsel! Da hilft nur noch Mythologie.

Das Restaurant heißt übrigens Asteria. Natürlich nach einer Figur aus der griechischen Mythologie. Asteria wird von Zeus in eine Wachtel verwandelt und diese ins Meer gestürzt, da sie seine Annäherungen zurückweist. Aus ihr entsteht die schwimmende „Wachtelinsel“ Ortygia.

Ich war zu reizüberflutet, um mir darauf noch einen Reim im Kontext der Wahlen in Griechenland zu machen. Aber ich bin mit sicher, es gibt ihn. Yia Mas!

PS: Nach Fertigstellung des Beitrags verstarb Demis Roussos. Die Götter müssen verrückt sein!

 

Titelfoto: © Sascha Kohlmann, Athens № 10 Sheep Butcher – Central Market. Via: https://flic.kr/p/mq9drN is licensed under a Ceative Commons license CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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