Rose KurzgeschichteDas Beständigste unserer Tage sind Krisen und der Kampf für Wandel. Was fehlt sind links-liberale globale Charismatiker, die voranschreiten.

Jede Zeit hat ihre Kriege, ihre Krisen, ihre Kämpfe für Veränderung, ihr Aufbegehren gegen unhaltbare Zustände. Jede Zeit hat ihre Ideen und Visionen für etwas Besseres. Und doch wirken unsere Tage wie ein Ausnahmezustand. Vielleicht auch, weil wir sie in Echtzeit erleben und nicht im Rückblick, wie die Ausnahmezustände zurückliegender Epochen. Das vergangene Jahrhundert hat aus diesen Ausnahmezuständen heraus globale Symbolfiguren geboren. Personen, die zwar in der Regel bloß für ein konkretes Thema standen, schnell aber zur Projektionsfläche für viele Wünsche ganzer Personengruppen wurden. Martin Luther King. Mahatma Gandhi. Nelson Mandela. Und meinetwegen auch Willy Brandt. Und in den umwälzenden 1960er/70er Jahren auch Menschen wie Jim Morrison, Bob Dylan, Janis Joplin.

Wo sind die Kings, die Joplins und Mandelas unserer Tage?

Wo sind die Symbolfiguren, die voranschreiten, die Orientierung bieten, die den Guten ein Gesicht, eine Projektionsfläche bieten? Die die Massen anziehen. Die reden und zuspitzen können. Die dem Establishment die Stirn bieten. Deren Fotos um die Welt gehen. Deren Reden auf Facebook geteilt werden und zwar nicht nur von den intellektuellen Zehntausend. Und bitte, ich will jetzt nicht den Namen Bob Geldorf hören und auch nicht Bono „Ich schenk dir mein neues Album“ Vox!

Die Hollywood-Stars Emma Watson und Leonardo DiCaprio gingen in diesen Tagen als Sprachrohre für konkrete Themen, um die Welt. Vor dem Karren der UN. Daran gibt es nichts zu kritisieren. Aber die Antwort kann das auch nicht sein.

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Martin Luther King bei einer Rede 1964. Repository: Duke University Archives. Durham, North Carolina, USA. library.duke.edu/uarchives

Dabei gibt es so unendlich viele Themen und Konflikte, die große Menschenmassen bewegen. Um nur mal in die jüngste Vergangenheit zu blicken: Der so genannte Arabische Frühling, die Demonstrationen auf dem Taksim-Platz in Istanbul, die Demonstranten auf dem Maidan in Kiew, die Studenten in Hong-Kong, die Occupy-Bewegung in Manhattan oder Frankfurt am Main, der Kampf für Demokratie und Meinungsfreiheit in Russland, die Demonstrationen zehntausender arbeitsloser Jugendlicher in Spanien. Und weiter geht es mit den Megathemen: Dem täglichen Rassismus – sei es nun in Ferguson oder Brandenburg. Dem Klimawandel. Der neuen Flüchtlingswelle in Europa. Dem täglichen Sexismus. Der täglichen Ausbeutung. Und natürlich die Kriege: In Syrien, in Gaza, in der Ukraine, in Somalia, in Mali, im Sudan.

All diese Themen geistern in der irren und undurchschaubaren Aufmerksamkeits-Konjunktur unserer Tage durch die Informationsmedien. Und sie verhallen schnell wieder, verdrängt von dem nächsten großen Knall. Dass diese Themen wichtig bis existenziell sind, beweisen die Massen, die sich zu ihrem Zweck versammeln. Aber diese Themen haben selten Gesichter. Und meiner Meinung nach wären solche Gesichter nötig, um all diese Themen zu verankern und zu verstetigen.

Veränderung braucht Führung

Es ist sicherlich nicht das Schlechteste, wenn in der links-liberalen Hälfte unserer Generation jede Form von Personenkult irgendwie kritisch gesehen wird. Wenn Netzwerke, Graswurzel-Aktivismus und digitale Medien eine eigene Kraft entfalten, bei der stets die Sache im Vordergrund steht und nicht ein Anführer. Dennoch bin ich überzeugt: Jede Bewegung, jede Veränderung braucht Führung – symbolisch und organisatorisch. Eine Person, die Sprachrohr ist und Richtung vorgibt, die Vorbild ist, die mit möglichst viel Authentizität für die Themen steht, um die es geht.

2008 stand ich mit 200.000 anderen Menschen an der Berliner Siegessäule und hörte einem gewissen Barack Obama zu. Am Ende des Tages ist dieser Obama heute auch nur der Oberbefehlshaber der größten Armee dieses Planeten. Aber in den Tagen bevor den Menschen das klar wurde, wurde deutlich, wie groß die Sehnsucht nach einem Anführer der Guten ist, einer links-liberalen globalen Symbolfigur.

Vielleicht kommt sie ja noch.

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