Rose Contributoren

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde auf der Facebook-Seite der Gruppe „Döbeln wehrt sich – Meine Stimme gegen Überfremdung“ ein Video veröffentlicht. Es zeigt den Einstiegsbereich eines Reisebusses, in dem mehrere Frauen und Kinder zu sehen sind, die offensichtlich aus dem Bus aussteigen sollen. Vor dem Bus skandiert eine Menge „Wir sind das Volk. Wir sind das Volk…“ Die Kinder und Frauen im Bus weinen, zwei Jungen werden von einem männlichen Begleiter verängstigt hinausbegleitet. Über dem Bus prangt in Leuchtschrift das Wort: Reisegenuss.

20 Sekunen nur ist das Video lang, bricht irgendwann einfach ab. Doch es ist verstörend und erschreckend. Vor allem untätig mit anzusehen, wie Menschen, die wegen Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen mussten, die auf Hilfe und Mitleid anderer Menschen und Länder angewiesen sind und nun mit derart erbarmungsloser Feindseligkeit empfangen werden. Es ist ein Bild, wie wir es an vielen Orten derzeit in Deutschland erleben. (Darüber hinaus finde ich besonders krass, dass das Video voller Stolz von eben jener Gruppe veröffentlicht wurde, die selbst drohend vor dem Bus steht. Aber das soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.)

Vor dem Hintergrund der Deutschen Geschichte, einer Geschichte von Migration und Ausgrenzung, die zum Holocaust, zur Ermordung von rund sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland und seine Verbündeten führte, ist es besonders ekelhaft, dass wir Menschen in Not die Hilfe verweigern und sie auch noch bedrohen. Wenn wir ihnen nicht die Obhut gewähren, die sie benötigen, um vor Verfolgung und Krieg Schutz zu finden. Um nach der  Flucht endlich durchzuatmen und neue Perspektiven entwickeln zu können. Haben wir denn nichts gelernt?

Darüber hinaus ist schätzungsweise jeder Zweite von uns selbst Kind oder Kindeskind von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen, von Gastarbeitern, von Einwanderern aus Ost, West, Süd oder Nord. Aber dieses Erbe scheint nicht viel zu bedeuten. Im Angesicht der Flüchtenden  verleugnen wir unsere eigene Herkunft, wie wir von irgendwo her hierher geführt gekommen sind. Und wir führen es nicht zusammen mit dem, was vor unseren Augen passiert, mit der Tatsache, dass Ab- und Zuwanderung nicht nur nicht aufhaltbar, sondern auch ein selbstverständlicher Teil unserer persönlichen Geschichte sind.

Wir sollten stolz darauf sein

Als ich 1988 zum Schüleraustausch nach Kanada ging, wurde ich von den Jugendlichen meiner „Gastschule“ freundlich, ja sogar begeistert empfangen. Sie fanden mich, ein Mädchen aus der „alten Welt“, spannend und viele von ihnen hatten Wurzeln in Europa, oder kannten Orte in Deutschland (die selbst ich nicht kannte), weil dort einer ihrer Elternteile zur Welt kam, als die Großeltern dort in der US-Armee stationiert waren. Sie waren stolz darauf, mit mir diesen Teil ihrer Herkunft zu teilen, bemühten sich mehr über ihre Beziehung zu Europa herauszufinden, um mir später von weiteren Details ihrer europäischen Vergangenheit zu berichten. Als meine kanadische Austauschpartnerin schließlich in meine Schule kam, hätte das Desinteresse meiner Mitschüler nicht größer sein können.

Natürlich is das ein persönliches Erlebnis und andere werden andere Erfahrungen gemacht haben. Aber darum geht es mir, dass wir persönlich werden, dass wir darüber sprechen, wer wir sind und wo wir herkommen, dass wir Skandierern vor Augen halten, dass die Deutsche Geschichte auch eine Geschichte der Immigration war, ist und bleiben wird.

„Ich bin ein Migrantenkind.“

Meine Vorfahren beispielsweise stammen aus Dänemark – zumindest ein nicht unbedeutender Teil. Meine Mutter wurde dort geboren und verbrachte in Kopenhagen Teile ihrer Kindheit bevor sie in den 1950er Jahren nach Deutschland kam. Erst  Hamburg, dann in die Nähe von Stuttgart. Sie war eine hübsche Frau, groß gewachsen, blond mit strahlend blauen Augen. Sie hatte (offensichtlich) optisch keine Probleme sich in Deutschland zu integrieren, war beliebt bei ihren Klassenkameradinnen und hatte viele Verehrer, bis mein Vater sie schließlich für sich gewinnen konnte. Und doch hatte sie sich nie wirklich als Deutsche gefühlt. Vielleicht lag es an ihrer Mutter, die Zeit ihres Lebens nach Dänemark zurückkehren wollte, das Land, das ihr nach dem zweiten Weltkrieg sogar die Staatsbürgerschaft aberkannte, weil sie während des Krieges einen deutschen Mann geheiratet hatte.

Meine Mutter fühlte sich dennoch immer irgendwie fremd, als nicht vollwertiger Teil der deutschen Gesellschaft. Sie hatte kein Deutsch gesprochen, bevor sie in Hamburg eingeschult wurde und ihre beste Freundin wurde später ein Mädchen, das selbst aus Dänemark stammte und mit dem sie endlich einen nicht unwesentlichen Teil ihrer eigenen Herkunft teilen konnte. Als Erwachsene engagierte sie sich für die Integration ausländischer, meist türkischer Jugendlicher, weil sie, wie sie mir sagte, die Nöte dieser Kinder so gut nachvollziehen konnte. Auch lange Zeit danach besuchten diese inzwischen erwachsenen Menschen meine Mutter und bedankten sich bei ihr für ihre Hilfe. Aber auch als Hauptschullehrerin engagierte sie sich für ihre Schüler, die oft nur wegen ihrer (ausländischen) Herkunft nicht die Realschule oder sogar das Gymnasium besuchten. Das machte sie traurig, denn sie sah, wie das Potenzial dieser jungen Menschen verloren ging. Leider ist meine Mutter heute nicht mehr am Leben, aber sie war es noch Anfang der 1990er Jahre, die Zeit der Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und Wohnhäuser. Sie saß vor dem Fernseher und hat geweint.

Erzähl uns deine Geschichte

Die meisten von uns haben Vorfahren, die einst Einwanderer waren, vor Krieg und wirtschaftlicher Armut flohen und Heimat fanden in einem Land, das wir erst seit etwa 70 Jahren Deutschland nennen. Wer oder was berechtigt uns also, anderen Menschen in Not so niederträchtig zu begegnen?

Schreib in die Kommentare von deiner und der Geschichte deiner Eltern und Großeltern, um zu zeigen, welchen Migrationshintergrund die Deutschen haben. (by the way: unser Verständnis von Migrationshintergrund hört nicht vor 1945 auf!)
oder an: redaktion@rosegarden-mag.de, Betreff: Land der Immigranten.

2 Kommentare

  1. NADINE Antworten 19. Februar 2016 at 22:56

    So wie Ingrid damals vorm Fernseher weinte bei den Brandanschlägen…so weine ich heute vor Deinem Beitrag! Manchmal wenn ich solche Videos wie das von dem Bus sehe, wo Deutsche Mitbürger sich so danebenbenehmen und rufen „Wir sind das Volk“, da schäme ich mich richtig deutsch zu sein….und das macht mich traurig…ich wünsche mir: stolz sein zu können auf meine Herkunft, stolz auf ein Volk das barmherzig und weltoffen ist…ein Volk das sich nicht scheut zu helfen und zu teilen….wir alle sind Menschen. Fühl Dich umarmt für diesen Beitrag…er schenkt Hoffnung, das noch viele andere Deutsche ein großes Herz haben und anders denken als die Leute vor dem Bus!

  2. Maren Antworten 20. Februar 2016 at 13:17

    Mein Opa war Franzose und heiratete meine Oma, eine Deutsche. Eine schwierige Kombination nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie lebten zusammen in Deutschland und bekamen drei Kinder – eines davon meine Mutter. Ich hatte nie den Eindruck, dass sich mein Opa in Deutschland fremd fühlte, aber ich habe das auch nur durch die Brille eines Kindes gesehen. In seiner französischen Familie war das wohl schon eher ein Problem – eine Deutsche heiraten, in Deutschland wohnen und auch irgendwann die Perfektion in der Muttersprache verlernen …
    Von einem Fremdheitsgefühl berichten allerdings mein Mutter und ihre Brüder. Obwohl sie in Deutschland geboren wurden und niemals woanders lebten, waren sie lange französische Staatsbürger (meine Oma im Übrigen seit der Hochzeit auch). Erst als Teenager wurden sie für viel Geld „eingebürgert“. Mein Oma war bis zu ihrem Tod französische Staatsbürgerin, ohne jemals dort gelebt oder die Sprache gesprochen zu haben.

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top