Rose_GedankenDer Fall Gina-Lisa Lohfink schlägt Wellen. Er ist ein Paradebeispiel für die Stellung der Frau in Deutschland und illustriert gut, wie wenig ein „Nein“ zählt.

Vier Buchstaben. Nein. Eigentlich sollte es leicht zu verstehen sein, steckt hinter diesem Wort doch nur eine einzige Bedeutungsrichtung, nämlich „Stopp. Gefällt mir nicht. Einfach Nein.“ Aber dieses Nein wird oftmals bei Frauen nicht ernst genommen.

Meistens ist es ja „nur“ ein flapsiges Kompliment, das Frauen über sich ergehen lassen müssen à la: „Schicker Rock, der schmeichelt deinen Beinen.“ oder „Schöner Lippenstift, da kommen deine Lippen erst richtig zur Geltung.“ Dazu ein frivoles Grinsen mit Zuwinkern. Nett? Nein. Sexistisch? Ja.

Aber wie äußert man dieses „Nein, lass´mich in Ruhe.“, auch zu vermeintlich alltäglichen Komplimenten als Frau in der deutschen Gesellschaft, in der so viele männlich konnotierte Abhängigkeiten bestehen und in der – wenn es um einen sexuellen Übergriff geht – den Schilderungen der Frau meist nicht geglaubt wird. Man solle sich doch nicht so haben, ist doch toll wenn frau attraktiv ist und noch Komplimente bekommen würde. Wohlgemerkt darf frau als Frau glücklich und dankbar sein, wenn der Mann als objektiver Prüfer der sexuellen Attraktivität ihr das bescheinigt.

Ein lautes Nein

Ein Nein zu vermeintlichen Komplimenten wie „Nicht nur hübsche Hülle, sondern auch was im Köpfchen hat sie.“ Ein Nein zu Arbeitsesseneinladungen, bei denen interessanterweise nur der Vorgesetzte zugegen ist. Ein Nein zu  scheinbar zufälligen Berührungen in der überfüllten U-Bahn. Ein Nein zu Situationen alltäglichem Sexismus, bei dem ein Gros unserer Gesellschaft betreten wegschaut. Nicht zuletzt ein lautes Nein zu sexuellen Übergriffen.

Dieses Nein muss Gewicht haben in einer Gesellschaft, bei der es eigentlich eine Gleichberechtigung von Frau und Mann gibt. Das weibliche Nein muss gehört und ernst genommen werden. Dieses Nein darf nicht als weibliche hysterische Fantasie abgetan und zu einem entwerteten Wort geraten, das Grenzen nicht mehr deutlich machen kann.

Wie können aber überhaupt die Themen Sexismus und sexuelle Übergriffe richtig besprochen werden, wenn einer Frau nicht geglaubt wird, der sexuelle Gewalt angetan wurde? Bei der diese sogar in einem Video festgehalten wurde. Es geht um Gina-Lisa Lohfink. Um ihren Fall, der mir als Frau die Haare zu Berge stehen lässt und Angst macht.  Es geht um jenes Video, das zwar von Pornhub gelöscht wurde, mir aber immer noch ohne große Suchanstrengungen zugänglich war.

In diesem Video sieht man Gina-Lisa Lohfink und zwei Männer. Beide setzen sich während der sexuellen Handlung über ihre deutlich vernehmbaren Imperative „Hör auf!“ hinweg. Machen immer weiter. Jeder kann die schrecklichen Szenen im Internet sehen. Ich habe das Video nicht zu Ende geschaut, weil das Aufgenommene Abgründe aufzeigt, die nicht nur Frauen schrecklich finden sollten.

Bei Facebook wird unter einschlägigen Artikeln zu dem Thema von Männern diskutiert, ob dies denn überhaupt eine Vergewaltigung sei. Dort sprechen sich einige Männer in wohlüberlegtem Deutsch dafür aus, dass das, was sie gesehen haben, keine Vergewaltigung sei. Gina-Lisa hätte doch am Anfang mitgemacht.

Selbst die deutsche Rechtssprechung sieht in dem Vorgang keine Vergewaltigung

Selbst die deutsche Rechtssprechung sieht in dem Vorgang keine Vergewaltigung. Mehr noch, sie unterstellt einer Frau, deren eigene Sicherheitszone durchbrochen und deren Meinung gewaltsam negiert wurde, dass sie lügen würde. Seit Anfang des Monats muss sich Gina-Lisa Lohfink wegen Falschverdächtigung vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten verantworten. Geht noch mehr Erniedrigung in einem Staat, in dem jede und jeder den rechtlichen Schutz erhalten sollte, der ihr oder ihm zusteht?

Was bedeutet das für den Fortgang von Sexismus, Nötigung und sexueller Gewalt gegenüber Frauen in Deutschland? Sollen Frauen Gina-Lisas Schicksal als Präzedenzfall sehen und fortan Sexismus und Nötigungen ungeahndet im Raum stehen lassen, weil die Chance auf eine Anhörung und gerechte Strafe sowieso gen null tendiert? Weil leider ebenso das Problem besteht, dass viele unschuldige Männer diskursiv in eine Ecke gestellt werden? Weil das Thema Sex, wie die alte Floskel ja so schön sagt, die schönste Nebensache der Welt ist, und ihr so eine negative Komponente auferlegt wird?

Nein. Gina-Lisas Weg ist der einzig richtige: Kämpfen gegen Unrecht, kämpfen gegen eine Gesellschaft, die oftmals blind ist gegenüber sexueller Gewalt. Gina-Lisa ging in Berufung und focht die irrwitzige Geldstrafe an.

Soli-Demonstration „Unterstützung für Gina-Lisa Lohfink – Nein heißt Nein, nur Ja heißt Ja“

Der Kampf gegen Sexismus und sexuelle Gewalt darf nicht nur von Frauen gekämpft werden. Er muss ebenso von Männern ausgetragen werden, die aufgrund einer leider zu großen männlichen Gruppe genauso unter einen stigmatisierten Generalverdacht gestellt werden. Von jenen Männern, die Verbrechen gegen Frauen genauso verneinen wie Frauen selbst, denen aufgrund der Affektivität solcher Handlungen ebenso misstraut wird.

Ihr könnt Gina-Lisa helfen. Ihr könnt Frauen helfen. Ihr könnt uns helfen. Indem ihr zuhört, glaubt, einschreitet. Oder einfach, wie auch schon Margarete Stokowski auf Spiegel Online schrieb, nachts die Straßenseite wechselt, wenn ihr merkt, dass Frauen eure Schritte hinter ihnen Angst machen. Und indem ein deutlich geäußertes „Nein“ seiner Bedeutung, nämlich als absolute Absage, gerecht wird.

Am 27. Juni ist der nächste Prozesstag im Amtsgericht Tiergarten in Berlin angesetzt. Von 9.00 bis 14.00 Uhr ist die Soli-Demonstration „Unterstützung für Gina-Lisa Lohfink – Nein heißt Nein, nur Ja heißt Ja“ vor dem Gericht in der Turmstraße geplant. Bei Facebook gibt es bereits über 1.000 Menschen, die  der Veranstaltung zugesagt haben. ze.tt, Missy-Magazin, Straight und Rosegarden veröffentlichen unter der Aktion „Nein heißt nein“ verschiedene Inhalte rund um den Gina-Lisa -Lohfink-Prozess und der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen.

PS: In unserer aktuellen Printausgabe gibt es ein spannendes Interview zum Thema „Sexismus“. Maren Heltsche sprach dazu mit Teresa Bücker, Redaktionsleiterin bei Edition F, und mit der Netzaktivistin Anne Roth. Hier gibt’s das Heft!

Titelfoto: Workandpix. Via: https://pixabay.com/de/städtischen-verloren-ausblenden-998216/ is licensed under a Creative Commons license: CC0.

2 Kommentare

  1. Komplimentär Antworten 27. Juni 2016 at 14:33

    Die Sache mit dem Kompliment ist schon schwierig. Soll Mann gar keine Komplimente mehr geben? Darf nur der der-Frau-opportune Mann Komplimente geben?

    Vermute, dass das positive/negative Empfinden über Komplimente so dermassen individuell ist, dass es eigentlich aus dieser Problematik ausgekoppelt gehört – freue mich aber über bessere Ideen.

  2. Lena Baseler Antworten 27. Juni 2016 at 14:42

    Liebe_r Komplimentär,

    vielen Dank für die Anmerkung. Tatsächlich sind Komplimente und das Auffassen dieser ein sehr individueller Vorgang. Es muss dennoch angeführt werden, dass ein Kompliment, welches in die Richtung der Beurteilung des Äußeren der Frau geht, schon noch untersucht werden muss. Es gibt sehr wohl noch einen Unterschied zwischen einem wohlwollendem Kommentar und einem, dass das Machtgefälle zwischen Mann und Frau deutlich illustriert. Und das wiederum hat nicht viel mit „Frau-opportunen-Männern“ zu tun. Dennoch möchte ich nicht den Anschein erwecken, dass Komplimente per se etwas Schlechtes sind.

    Viele Grüße!

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