Rose IdeeChristiane Hoffmann hat vor kurzem den Blog „Weniger ist mehr Leben“ gestartet. Dort geht sie der Frage nach, wie wir Abfall und alles andere Überflüssige in unserem Leben vermeiden können. Für die Umwelt und für uns selbst. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Du hast vor kurzem den Blog „Weniger ist mehr Leben“ gegründet. Worum geht es in dem Blog?

Vordergründig geht es um Müll. Im Kern geht es aber um unser Konsumverhalten, um unsere Wegwerfgesellschaft, darum, wie wir einkaufen und leben wollen.

Denn normalerweise sieht es ja so aus: Wir gehen shoppen, freuen uns über unsere Einkäufe, packen sie in Tüten und schleppen sie nach Hause. Und dann? Die Tüte landet im Gelben Sack, genauso die Unmengen an Verpackung, in denen fast alles vom Apfel über die Geburtstagskarte für die Oma bis zur Zahnpastatube eingepackt ist. Die Lebensmittel werden dann hoffentlich genossen, die Haushaltswaren verbraucht. Aber die Unmengen an Umverpackung landen wiederum im Gelben Sack oder im Altpapier.

Und weil auch die allermeisten Dinge für unsere Verhältnisse furchtbar billig sind – Jeans, und Shirts genauso wie Haushaltwaren oder Lebensmittel – gehen wir auch nicht achtsam damit um. Wir kaufen mehr Lebensmittel als wir essen können – und alles jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums landet auf dem Müll. Wir haben viel mehr Klamotten im Schrank als wir anziehen können – und kaufen trotzdem immer wieder was Neues, weil es so schön aussieht.

Bei mir war irgendwann ein Punkt erreicht, wo ich das in der Form nicht mehr wollte und nach Alternativen für mich gesucht habe. Und ich war erstaunt, wie einfach vieles ist. Wie viel Abfall ich ganz einfach vermeiden kann. Diese Erkenntnisse wollte ich irgendwann teilen und habe den Blog „Weniger ist mehr Leben“ gestartet.

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Christiane Hoffmann. Foto: Privat

Wie bist du auf das Thema Abfallvermeidung gekommen?

Als erstes bin ich auf die Problematik von Plastik gestoßen. Ich las den Spruch, dass es – sinngemäß – ganz schön irre ist, dass wir lieber Öl aus dem Boden pumpen, es rund um die Welt schicken in Raffinerien, es in Plastik umwandeln und daraus für unseren Kaffee einen Plastiklöffel formen, den wir nach dem Umrühren wegwerfen – anstatt einfach einen Metalllöffel zu nutzen und ihn danach abzuwaschen. Da sah ich mich in Gedanken mit meinem Starbucks-Chai Latte im To-Go-Becher samt Plastikbecher und Strohhalm und es hat Klick gemacht in meinem Kopf.

Daraufhin habe ich angefangen, mehr über Plastik zu lesen. Das Material gibt es noch gar nicht so lange, unsere Großmütter kannten das Zeug nicht. Jetzt ist es omnipräsent und das Problem ist: Plastik ist nicht biologisch abbaubar! Es zerfällt in immer kleinere Teile, aber das war es dann auch. Ein Teil des Plastiks wird recycelt. Besser als nix. Ein Teil wird „thermisch verwertet“, das heißt verbrannt. Damit wird immerhin die Energie des Erdöls darin noch genutzt, ok. Und der Rest? Der landet auf der Müllhalde und sondert langsam alle mehr oder weniger giftigen Bestandteile ab. Oder er liegt in der Landschaft rum und wird von Vögeln zum Nestbau verwendet. Oder er landet im Meer, wird immer kleiner und irgendwann von Fischen mit Plankton verwechselt und aufgefressen.

Als mir das alles klar war, habe ich versucht, Plastik bei mir zu Hause soweit als möglich zu reduzieren. Von dort war der Weg nicht weit, auch alle anderen Abfälle, die zu Hause anfallen, genauer zu hinterfragen. Und das eigene Konsumverhalten.

Water Pollution with Trash Disposal of Waste at the Garbage Beach, epSos.de, 2011. https://flic.kr/p/9i8pgW

Water Pollution with Trash Disposal of Waste at the Garbage Beach, epSos.de, 2011. https://flic.kr/p/9i8pgW

Schaut man als Mutter von zwei kleinen Kindern noch mal mit einer besonders sensiblen Brille auf so ein Thema?

Ja klar, alles andere wäre seltsam. Zum einen will ich natürlich meinen Kindern irgendwann mal eine soweit möglich intakte Welt hinterlassen. Aber ich möchte ihnen auch beibringen, sich im Kleinen verantwortlich zu fühlen, auch wenn es scheinbar im Großen keinen Unterschied macht. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb versuche ich sie dafür zu sensibilisieren, dass sie sich zwar ein paar Minuten über die bunte Mini-Geburtstagstüte aus Plastik freuen, diese aber länger auf der Erde bleiben als sie leben werden. Und dass es Alternativen gibt, die genauso viel Spaß machen.

Denn gerade gegenüber den Kindern gilt für mich: Es geht nicht um Selbstkasteiung und Verzicht, sondern darum, Spaß dabei zu haben! Die sinnlosen Geburtstagstüten verbiete ich ihnen daher nicht, bastle und bemale aber an ihren Geburtstagen eigene Tüten aus Butterbrotbeuteln. Anstatt unterwegs Wasser in Plastikflaschen zu kaufen, nehme ich Trinken von zu Hause mit. Und wenn ich es vergessen habe, setzen wir uns lieber irgendwo rein und trinken in Ruhe etwas. Kekse muss ich nicht im Supermarkt kaufen, sondern backe sie mit ihnen zusammen. Nicht immer ist Zeit dafür, aber oft.

Wir reagieren denn deine Freunde und deine Familie auf dein neues Lieblingsthema? Verstecken die ihre Verpackungen vor dir?

Ich hoffe doch sehr, dass keiner Verpackungen vor mir versteckt! Aber die meisten sind zum Glück sehr aufgeschlossen. Bei meinen Freunden reicht die Spanne von „aha, nett“ bis hin zu sehr großem Interesse und vielen Nachfragen. Manche erzählen mir, was sie jetzt selber umgestellt haben, was bei ihnen gut funktioniert und was nicht. Da kann ich viel lernen.

Mein Mann, den es ja am meisten betrifft, macht mit, wofür ich ihm unendlich dankbar bin. Wir probieren gemeinsam aus, was für uns funktioniert und was nicht. Manchmal sind wir auch unterschiedlicher Meinung: Ich nutze nur noch Stofftaschentücher, er mag nicht auf seine Papiertaschentücher verzichten. Also nutzt jetzt jeder seine. Am besten gefällt ihm aber, dass bei uns deutlich weniger Zeug rumliegt als früher und es viel aufgeräumter ist. Da ich von Natur aus nicht sehr ordentlich bin, hat er da viele Jahre drauf gewartet.

Für alle, die hier jetzt spontan Lust bekommen haben, auch weniger Müll zu produzieren – hast du so was wie 3 Tipps für den Anfänger?

Der einfachste und beste Tipp ist immer noch „Jute statt Plastik“. Wer wirklich immer einen Beutel bei sich hat, nicht nur beim Einkaufen im Supermarkt, sondern auch in der Apotheke, beim Bäcker, im Kaufhaus, der hat schon richtig viel bewirkt.

Der zweite große Schritt sind Mehrwegflaschen, am besten aus Glas. Für Saft und Wasser, aber auch für Milch oder Joghurt. Für unterwegs eine schöne Edelstahl-Flasche und ein Coffee-to-go Becher aus Porzellan. Das macht sich sofort im Gelben Sack bemerkbar.

Der dritte Schritt ist der Umstieg auf unverpackte Lebensmittel, wo es möglich ist. Ein paar Beispiele: die Brötchen frisch vom Bäcker (in den mitgebrachten Stoffbeutel) statt abgepackt im Supermarkt; die Gurke ohne Plastiküberzieher; überhaupt Gemüse einfach lose kaufen statt vorkonfektioniert; Fleisch vom Metzger anstatt dreifach verpackt aus der Supermarktkühlung…

Wer diesen Weg geht, landet in der Regel eher auf dem Wochenmarkt und in kleinen Läden als im Supermarkt, denn dessen Konzept ist ja Convenience. Wie machbar und einfach das ist, hängt leider viel davon ab, wo man wohnt und wie da das Angebot ist. Der eine Metzger packt alles problemlos in mitgebrachte Dosen und wünscht sich, das würden mehr Kunden machen, der andere weigert sich. Da muss jeder seine eigenen Lösungen finden.

Der andere Punkt sind die persönlichen Arbeitszeiten: Wer Vollzeit arbeitet, schafft es einfach sehr schwer auf den Wochenmarkt und kleine Läden machen oftmals früher zu. Wer wie ich freiberuflich unterwegs ist, hat es da natürlich viel einfacher.

Aber ich glaube an die Kraft der Masse. Wenn immer mehr Menschen nachfragen und unsinnige Verpackung ablehnen bzw. lieber zu den Alternativen greifen, dann wird sich auch die Industrie bewegen. Die wollen ihre Sachen ja schließlich verkaufen.

 

Titelbild: Water Pollution with Trash Disposal of Waste at the Garbage Beach, epSos.de, 2011. https://flic.kr/p/9i8pgW

 

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