Vor einem Jahr fuhr das frisch gegründete Rennrad-Frauen-Amateur-Team Velonistas Berlin eines der wenigen reinen Jedefraurennen – der Startschuss für eine mittlerweile 20 Beine zählende Spezialistinnen-Kombo.

Auf dem Rollfeld des ehemaligen Flughafens Gatow, heute Luftwaffenmuseum, sammelt sich 2013 eine gute Handvoll Frauen mit ihren Rennmaschinen zum Jedefraurennen Airport Race Kladow. Beeindruckt beobachtet eine der Einzelfahrerinnen, Maxie Rathmann, wie sich ein Team in den Trikots von Synergy Protraining zur Taktikbesprechung sammelt. Dana Skowrnowski, Reka Eszter Benics und Tina Heizmann wollen das Feld attackieren, um Cornelia Brückner den Rücken frei zu halten für eine frische Ziel-Attacke. Die Renndynamik entwickelt sich jedoch völlig anders: Tina Heizmann fährt einen souveränen Vorsprung heraus und legt einen lockeren Solosieg hin. Seither hat Dana die sportliche Leitung und Maxie fuhr in diesem Jahr im Synergy-Trikot nach einem langwierigen Ausreisser-Zweikampf auf den zweiten Podiumsplatz.

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Ebenfalls unter den 15 Teilnehmerinnen 2013 in Kladow: Zwei Frauen aus Dresden, die sich die seltene Chance eines reinen Jedefraurennens nicht entgehen lassen wollten und nun im Z-Team des Dresdner SC 1898 in der Frauen-Bundesliga fahren.

Die Berliner Velonistas bestehen mittlerweile aus 10 Spezialistinnen (Reka Eszter Bénics, Tina Heizmann, Janine Döhring, Rosa Genth, Maxie Rathman, Taidé Marquéz-Geng, Cornelia Brückner, Dana Skowrnowski, Sabine Lengert und Yvonne Dippel) im Alter von 20 bis 46 Jahren. Triathlon, Mountainbike, Bergspezialistin, leidenschaftliche Allrounderin, Sprinterin, Bahnradpezialistin, Fixie-Fraktion und zwei Nachwuchsfahrerinnen, für die die Velonistas eher Durchlauferhitzer als Wärmetauscher sein dürften. Zusammengehalten wird der bunte Haufen durch die Begeisterung für das Fahrrad als technischem und ästhetischem Gegenstand, den Spaß am Fahren, die gegenseitige Motivation im Team und die daraus entstehende Atmosphäre körperlichen und mentalen Wohlbefindens. Eines der Gründungsmotive war die Diagnose Brustkrebs bei einer der Velonistas.

Auf der Suche nach der besseren Version des Selbst

Jenseits des Radrenn-Hochleistungssports, gebeutelt von Dopingskandalen und mit viel zu geringen Preisgeldern für Frauen-Profis, hegen und pflegen die Velonistas ihr eigenes Biotop. In einer Nische zwischen Breitensport und Lizenz-Elite finden sich beste Bedingungen für ein stimulierendes Maß an Wettkampfgeist. Im Radsport heisst das Zauberwort “Jedermann-Sparte“, paradoxerweise hat dort auch der Frauen-Amateur-Radsport seine Heimat. So lange reine Frauenrennen im Breiten-Radsport Seltenheitswert haben, fällt es schwer, von Jedefraurennen zu sprechen.

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Beispiel Airport Race Kladow. Die Jugendrennen finden gemischtgeschlechtlich statt und es lässt sich deutlich beobachten, was Cornelia Brückner so beschreibt: “In einem Rennen mit den Männern wird relativ schnell zu Beginn klar, in welcher Gruppe ich fahren kann. Dann gilt es lediglich, diese Gruppe zu halten. Da gibt es keinerlei taktische Gestaltungsmöglichkeiten. Ausserdem fällt es schwer, die eigene Positionierung zu erkennen: als Frau fährst Du nie als Rennsieger über die Ziellinie, da waren immer schon welche vor dir fertig und die Aufmerksamkeit des Publikums ist weg. Bei einem reinen Frauenrennen gibt es wesentlich mehr taktische Interaktion, es gilt, die Gegnerinnen gut einzuschätzen und zu beobachten.“

In Kladow fährt die Jugend-Klasse 15 Runden à 2 Kilometer. Von Runde zu Runde fallen einzelne Mädchen aus dem Peloton und können nichts anderes mehr machen, als das Rennen lediglich zu absolvieren. Völlig ohne Aussicht auf eine Platzierung, denn die Preise werden pro Altersklasse ausgelobt. Dabei darf das schon als Fortschritt gelten. Noch in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts konnte eine Frau, die Radsport betreiben wollte, allenfalls verwundertes Kopfschütteln ernten, wenn nicht gar unverhohlenen Spott.

Trainiert von den Velonistas Berlin

Die Rechnung der Velonistas enthält die Faktoren Solidarität und Achtsamkeit, die das Team zu etwas Größerem machen als die Summe seiner Einzelteile. Es geht nicht darum, sich höher, schneller, weiter, härter auf die Siegertreppchen der Welt zu fahren. Obwohl die Siege sich bereits jetzt nach einem Jahr sehen lassen können. Vielmehr geht es darum, das eigene Wohlbefinden im sportlichen Wettkampf gemeinsam zu pflegen. Und weiterzugeben.

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Foto: © Gerald Steffen, Velonistas 2014

Im monatlichen Rhythmus führen die Velonistas den offenen Women’s Training Ride durch, eine lockere Ausfahrt zwischen 50 und 70 Kilometern ausgehend vom Kronprinzessinnenweg. Training, Teambuilding, Rennvorbereitung und Motivation für andere Rennradfahrerinnen, der gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen. Idealerweise finden sie vor einem Rennen statt. Nochmal schön die Beine lockern bei einem Schnitt zwischen 27 und 28 km/h, gemeinsam in gepflegten Zweier-Reihen im Peloton über die Landstrassen – Gäste sind gern gesehen, auch männliche. Allerdings beträgt die Männerquote strikt bis zu 33%. Im munteren Plauderton pedaliert es sich flüssig durch das Berliner Umland, die Führung wechselt diszipliniert durch die ganze Gruppe, wobei zwei Velonistas hinten bleiben, damit niemand verlorengeht. Ab und an überholen ein paar Männergruppen freundlich grüßend oder folgen eine Weile im Windschatten, hier und da kommt mal einer auf einen Plausch vorgefahren, bis sich die Wege wieder trennen.

Für die Velonistas geht es beim Women’s Training Ride nicht nur darum, anderen Frauen den Spaß an gemeinsamen Ausfahrten zu vermitteln und eine sportlich anregende Atmosphäre zu erzeugen. Am Tag vor dem Rennen wird so die Nervosität aus Kopf und Beinen geschüttelt. Der nächste Termin wird am 13.7.2014 stattfinden und auf der Facebook-Seite der Velonistas bekanntgegeben – diesmal ein Wadenlockern nach dem Rennen.

Renn-Ergebnisse der Velonistas 2014:

Reka Eszter Bénics:
Ungarische Nationalmeisterschaften, Kriterium: Platz 5
Ungarische Nationalmeisterschaften Berg Platz 3

Sabine Lengert (Mountainbike):
XV. INTERNATIONAL MTB MARATHON MALEVIL CUP Platz 11 (Altersklasse 3)
Hermsdorfer Forst Platz 1
Altenau, Harz Platz 4 (Altersklasse 1)
Dasseln, Platz 4 (Altersklasse 2)

Janine Döhring:
Rad Race Berlin 1. Platz

Im Team:
Ascheffel und Giro Nortdorf (internationales Frauen Elite Rennen): Top 20 Platzierungen (Dana, Yvonne, Conny)
MOL Cup (Gesamtwertung): Conny 1, Maxie 2, Dana 4, Reka 5, Yvonne 10, Janine 14
Obergurig (Frauen Elite Rennen): Conny 2, Yvonne 7
Mannschaftszeitfahren Rossau: Platz 1 für den Velonistas 4er (Dana, Conny, Yvonne und Chrissi [Gastfahrerin])
Berliner Landesmeisterschaften Zeitfahren: Rosa 3, Conny 2, Yvonne 4
Brandenburger LVM: Dana 4
Klettwitz Mannschaftszeitfahren: Platz 1 für den Velonistas 4er (Dana, Reka, Conny, Yvonne)
Elbaurennen Klöden: Maxie 1 und Reka 2
Frauen-Elite Kriterium in Borsum: Rosa 3, Maxie 6
Lausitz-Cup Gesamt: Dana 2, Reka 3

4 Kommentare

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