Rose_ZitatDer Reflex, den Wahlsieg von Trump, den BREXIT und die AfD zur Schuld alter weißer Männer zu verklären, ist falsch. Auch wir tragen Verantwortung. Denn wir haben uns dazu entschieden, unsere kleinen Komfortzonen nicht mehr zu verlassen, wenn es politisch wird.

(Der Beitrag erschien zuerst bei Carta.)

Anders gesagt: Wir verweigern uns zunehmend dem Dialog mit Andersdenkenden, ziehen uns in unsere urbanen, nachhaltigen, postnationalen Biotope zurück und prosten uns gegenseitig für unsere klugen Statements zu. Bei Facebook oder bei Tisch. Wir sind so aufgeklärt, die anderen so alt, so weiß, so männlich. Cheers to that!

Wirklich klug und zielführend wäre es aber, das Gespräch mit denen zu suchen, deren Weltbild wir gerade so eklig finden. Oder noch mal anders gefragt: die meisten unserer Väter und Großväter sind alte weiße Männer. Und das sind ja wohl kaum alles sexistische, nationalistische, homophobe, carnivore Deppen?!

Mich verwirrt es, wenn selbst innerhalb meiner eigenen analogen und digitalen Blasen nach Ereignissen wie Trump und BREXIT Leute mit kunstvollen politischen Statements auftauchen, die sich sonst zu fein sind fürs Politische, und allem ernsthaft Etabliertem nur mit ironischer Distanz begegnen können. Wenn dann Politik für ein paar Tage sexy ist, wird halt mitgemacht. Hier was aufschnappen, da was nachplappern, fertig ist der Post, der Tweet, das Bild. Anschließend geht es zurück in die eigene Welt der Patchwork-Moral, in der man sich in der Lederjacke ’nen veganen Kaffee bestellt und online erst den Ökostrom und anschließend den Flug nach Neuseeland bucht. Ob angesichts dessen ausgerechnet wir diejenigen sind, die die Welt verstanden haben, könnte man da schon mal in Frage stellen.

Dass alte weiße Männer Wahlen entscheiden, ist zunächst mal ein statistischer Befund mit geringem Neuigkeitswert. Es ist noch lange keine Erklärung. Ebenso wie der Hinweis, dass die Wahl in den USA und das BREXIT-Votum anders ausgegangen wären, wenn nur Leute unter 35 gewählt hätten. Das Problem ist nämlich, dass von denen nicht genug zur Wahl gehen und das die Jugend verlernt hat, ihre Position außerhalb ihrer Peer-Group zu erklären und zu verteidigen. Und vor allem deshalb sind die alten weißen Männer nun so entscheidend: Weil wir so diskursunfähig, so zögerlich, so bequem, so exklusiv sind in unserer avantgardistischen Weltgewandtheit, mit der wir alles tolerieren außer Leute mit aus unserer Sicht weniger fortschrittlichen Haltungen. Schön an dieser Stelle der Hinweis in Richard Meng’s Beitrag „Unsere Schuld“ auf die immer selten werdende Zumutung „…sich hin und wieder aus Anlass von Geburten, Hochzeiten oder Trauerfeiern mit den so ganz anderen Gefühlswelten in der eigenen Sippschaft in ihrer ganzen kulturellen (oder auch kulturlosen) Breite auseinandersetzen zu müssen…“

Ich meine das auch extrem selbstkritisch. Wie oft höre ich irgendeinen Scheiß und ich denke mir: mein Gott, darauf gehe ich jetzt echt nicht ein. Leider ist das eine ziemlich bequeme Haltung mit potenziell unbequemen Folgen. Gute Zeiten haben wollen erfordert Widerspruch, wenn sich Meinungen regen, die diesen guten Zeiten im Weg stehen. Das müssen viele von uns erst wieder lernen. Ich fürchte, ich auch.

Unsere westliche Industrienationen-Welt kennt zunehmend nur noch zwei gesellschaftliche Gruppen: Eine kleine Gruppe, die in der Lage ist, sich jeder wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderung anzupassen und diese für sich zu nutzen. Und eine große Gruppe, die diese Anpassungsfähigkeit nicht hat oder nicht haben will. Weil sie zu arm, zu krank, zu ungebildet, zu ländlich, zu wenig mobil ist. Die Gründe sind vielschichtig, das Resultat ist identisch: wir eilen davon, andere bleiben zurück. Wir sind denen suspekt, und die sind uns suspekt. Weil wir denen zu schnell und zu „post“ und die uns zu langsam und zu „pre“ sind.

Diesen Graben schließen wir nur, wenn wir unsere intellektuelle und ökonomische Mobilität und Flexibilität nutzen, um mit denen, die sich abgehängt fühlen, das Gespräch zu suchen. Dazu müssen wir keine exotischen Reisen in entlegene gesellschaftliche Milieus unternehmen. Wir können vor der Haustür damit anfangen. Dann klappt es vielleicht auch wieder mit den alten weißen Männern und einer besseren Welt.

Titelfoto: Gage Skidmore, https://www.flickr.com/photos/gageskidmore/ (CC BY-SA 2.0) 

1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 19. November 2016 at 18:12

    Mario Münster, Das ist wohl der Extrakt Ihres Artikels:

    „Unsere westliche Industrienationen-Welt kennt zunehmend nur noch zwei gesellschaftliche Gruppen: Eine kleine Gruppe, die in der Lage ist, sich jeder wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderung anzupassen und diese für sich zu nutzen. Und eine große Gruppe, die diese Anpassungsfähigkeit nicht hat oder nicht haben will. Weil sie zu arm, zu krank, zu ungebildet, zu ländlich, zu wenig mobil ist. Die Gründe sind vielschichtig, das Resultat ist identisch: wir eilen davon, andere bleiben zurück. Wir sind denen suspekt, und die sind uns suspekt. Weil wir denen zu schnell und zu „post“ und die uns zu langsam und zu „pre“ sind.“

    Wobei noch völlig ungeklärt bleibt, wer denn da nun „WIR“ ist, „WAS“ genau „Unsere westliche Industrienationen-Welt “ (und deren „Werte“) sein sollen, ob diese heimtückisch in fremden Länderen mit Drohnenschlägen „verteidigt“ oder zerstört werden dürfen, ob diese „WIR“ und „UNSERE“ nach dem Gustus eines kleinen sich permanent erhebenden Teils unserer Gesellschaft brachial auf den Rest der Menschen und Zivilisationen im eigenen wie in anderen Ländern verordnet werden kann, darf, und WIE dabei vor zu gehen sein sollte.

    Über die lange Distanz – soviel weiss inzwischen auch jeder „EXPERTE“ (wofür auch immer) – entsteht politisch nachhaltige Stabilität und damit Wohlstand nicht durch und mit den sich progressiv wähnenden und / oder wirtschaftlich satten Eliten, sondern ausschliesslich durch die permanente Teilhabe der Andersdenkenden und -Lebenden, der Minderheiten aller Art (auch der politischen – wir sind, in aller Bescheidenheit und Vielfalt, ALLE nur Minderheiten – je von wo aus man dies betrachtet).
    Und dass solches Handeln und Denken weder als gross-pädagogische Drahtseilaktion Aktion „Mutti sagt uns mal was gut für uns zu sein hat“ noch als Verordnung durch den Justizminister entsteht oder auch nur gefördert wird, haben nicht nur vergangene bundesrepublikanische oder DDR-Jahrzehnte dokumentiert, sondern auch die gesamte davor miss- und verratene Geschichte der Völker.
    Als Ursache dafür bekannt wurde das Synonym der „alten und weissen und Männer“, in dessen Fänge jede, aber auch wirklich jede einst noch so „pro“gressive Ideenvertretung geraten kann, wenn sie sich schon wieder zur „führenden Rolle“ verstehen – und so ergiebig einnisten! – möchte.
    Clinton-family lässt grüssen.
    Allein aus der Nähe der beherzten Dialoge der UNTERSCHIEDE kann das entstehen und wachsen, in der Bereitschaft, auf den zu zu gehen, der politisch am weitesten entfernt ist:
    Nur mit „Feinden“ kann man „Frieden schliessen“, mit Freunden geht das nicht, da teilt man nur die eigene Suppe ohne Effekt bei Anderen.

    WIR – das kann immer nur das GANZE sein – oder es ist eben kein WIR sondern nur ein Teil davon.

    Dies in Schmerzen erkennend, schuf eine auf Sklavenhalterei und Eigentum an Menschen erbaute Gesellschaft einst sich die innergesellschaftliche Koexistenz, die DEMOKRATIE zum friedlichen AUSGLEICH der inneren Widersprüche und Unterschiede und zugleich zu deren Sicherung als gesellschaftlichen Kraftquell der Stabilität, in der sogar die sozial unterste Minderheit der Sklaven verbriefte Rechte und Zuwendungen der eigenen Sicherstellung erhielten, die den heutigen Umgang mit den Sklaven der Neuzeit, den Wohnmiet-, Lohn- und Erziehungssklaven, als pure Vernachlässigung degradieren würden, trotz der Menschenrechtsbanner, die man darüber wehen lässt.

    Und ja, die „alten weissen Männer“ können heute gern auch mal farbige junge Männer oder weisse Frauen, oder alte „Linke“ oder junge „Liberale“ sein, wenn wir deren Auftreten wieder öffentlich korrekt bewerten würden, z.B. duch unsere inzwischen weit etablierten und vernisteten politischen Lückenmedien, die in der Sorge nicht schnell genug der angesagten weil von „Denkfabriken“ scheinbar vorgelutschten und versprühten Linien nach – oder vorauseilen zu können sich nicht mal mehr mühen, ihre diesbezüglichen Lücken zu stopfen.

    Da stellt sich der ehrwürdige Herr Ulrich Wickert im Kress-Interwiev hin und meint, kraft seiner Wassersuppe als Nachfolger bei den Tagesthemen die verbale Hinterlassenschaft des von ihm selbst gepriesenen „Mister Tagesthemen“ Hajo Friedrichs ins Gegenteil verschieben zu können – nur weil der sich nicht nicht mehr wehren kann, der da zur erforderlichen journalistischen Haltung meinte:
    “ Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen“ – Was grundsätzlich wohl das Gegenteil von politisch wertender Agitation und Propaganda sein soll, fern jeglicher vorauseilender Schamanerie.

    Kein Mensch kam bisher auf die Idee, den Eid des Hippokrates für die Ärzte mal ein wenig „bedarfsgerechter“ umzufummeln – aber Herr Wickert und einige andere (z.B. in ARD und ZDF) meinen, der Hajo Friedrichs hätte sich sehr wohl und auch heftig engagiert und gemein gemacht mit „Sachen“, zuletzt sogar noch in Persona und vor Ort und bei den Mitarbeitern für die Erhaltung des Deutschen Fernsehfunks der DDR nach dem Untergang dieses Staates, nur hat Hajo Friedrichs seine persönlichen Betroffenheiten und Engagements für was auch immer nie in seine journalistische Berichterstattung gewoben – das hat wohl der Herr Wickert und andere in ARD und ZDF, insbesondere auch im Vergabekreis des diesbezüglichen Journalistenpreises, geflissentlich übersehen.

    Dieser Hajo Friedrichs berühmte Satz, heute als Essenz des Neutralitäts-, Ausgewogenheits- und Wahrheitsgebotes der Journalisten, als deren „Eid“ in jeder Journalistenausbildung verabreicht, wurde in der Praxis inzwischen leider zu oft verquält in die entgegengesetze Richtung, die Prof. U. Teusch als „Lückenpresse – Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten “ bezeichnet (Westendverlag 2016) – was nicht nur „nicht unwesentlich“ sondern eher wesentlich zu diesem „Ruck“ der Spaltung in der Gesellschaft, nicht nur in D, beitrug: Politische Berichterstattung im Dienste der aktuellen Regierungspolitik mit weit vorauseilenden Scheren und Sieben mit grossen Löchern im Kopf.

    Da haben wir welche, solche „alten weissen Männer“, die gern auch mal als etwas to strong feministisch und betont antisemitisch und antirassistisch sich auch als Weiblichkeiten und auch jüngeren Alters zeigen, die ihre Mitteilungen an das Publikum in dieser ihren Richtung auf das ärgste populistisch strapazieren und nicht gewahr werden, welche Gefahr sie damit herbeibeschwören:
    Sie schaffen keine sachliche Interesse und keinen Dialog zur Sache sondern verhindern diesen durch Durchsetzung ihrer persönlichen Leidenschaften und Engagements, als wären sie selber DIE Politiker (die jedoch nie gewählt wurden!), versperren anderen (Andersdenkenden) so den Zugang zur Sache durch das Fehlen der rein faktenorientierten auf die Gesamtheit des Publikums zugeschnittenen journalistischen Darbietung.

    Selbst wohl als deutliches Gebaren der vom Autor hier erwähnten „kleineren überall gut zurechtkommenmden wohlhabenden Gruppe gut bestallter Minderheiten“ ist das gesamtgesellschaftlich betrachtet jedoch die öffentlich-rechtlich eben nicht vorgesehene Ausnutzung der journalistischen Monopolstellung DIESER Gruppe, anstelle den anderen Gruppen und Vorgängen gleichermassen Ausdruck und Teilhabe zu verschaffen.

    So haben damit (!) schliesslich alle TRUMPel dieser Welt gegen alle spendengeilen zwielichtigen oder selbstverliebten Politoligarchen grundsätzlich auf solchen journalistischen „Feuchtbiotopen“ leichtes Spiel, ja die Chance zum Durchrauschen fast ohne Zügel, scheinbar als einzige Chance, die beschriebene nicht als gemeinnützig wirkende Vernesterung aufzubrechen …
    Dazu muss man dann auf der einen wie auf der anderen Seite weder männlich, noch alt, noch weiss sein, sonder nur noch die Situation und die Bedrängnis grosser leichtfertig, teils schäbig abgehängter und verprellter Bevölkerungsteile erkennen – ohne diesen Zustand selber herbeigeführt zu haben oder ihn zu verantworten zu haben – was übrigens eine Reihe der US-amerikanischen einstigen und noch „Linken“, Alte wie Junge, Frauen eher als wie Männer, längst gleichermassen erkannten und sich zuvor mehr für Bernie interessierten

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