Rose KommentarMit den Anschlägen von Paris verliert unsere Generation ihre Unschuld. Unser Leben wird sich ändern und bekommt eine zentrale Aufgabe: Die Verteidigung unseres Lebensstils und unserer Werte.

 

Natürlich haben wir gesehen, dass die Einschläge näher kamen. Aber wir konnten uns immer noch irgendwie versichern, sie hätten keinen Einfluss auf unser Leben. Beirut, russische Flugzeuge, ein tunesischer Strand… Wir redeten uns ein, das alles sei weit weg von uns. Naiv, natürlich. Aber es funktionierte.

Seit Freitagnacht ist klar, wir sind gemeint!
Unsere Art zu leben.
Unsere Art zu lieben.
Unsere Toleranz und Weltoffenheit.
Unseren Hunger auf die Welt.
Unsere Orte, unsere Freunde. Unsere Bands!
Unsere Art den Freitagabend zu genießen.
Unsere Ideen, unsere Mobilität, unsere Lebensfreude.

Wir verlieren unsere Unschuld

In der kommenden Woche wollten wir einen langen Beitrag über die Food-Szene in Paris veröffentlichen. Ertrunkene und erschmeckte Recherchen der vergangenen Monate mit euch teilen. Fast alle Läden dieses Beitrags liegen in den Straßen, in denen Freitagnacht der Terror wütete. Einer davon nur zwei Häuser neben einer der Bars, in der am Freitag 18 Menschen starben.

Die Anschläge trafen eine Gegend, in der Menschen wie wir tagtäglich unterwegs sind. Kleine Bars, Kaffees, Gallerien, Hinterhöfe, Streetlife, Mode.

Wer Mitte zwanzig bis Mitte vierzig ist, in den reichen Nationen Europas lebt und aufgewachsen ist, wird in diesen Tagen erstmals erleben, wie es ist, wenn Tod, Zerstörung und Terror in das eigene Lebensumfeld eindringen. Wenn sie nicht mehr nur als abstrakte Bedrohung über die Bildschirme flimmert oder in den Geschichten der Großeltern heraufbeschworen wird.

Einige von uns haben zum ersten Mal erlebt, nach einer solchen Nachricht zum Telefon zu greifen und Freunden die Frage zu stellen, wo sie sind und ob es ihnen gut geht. Viele von uns werden in ihrer Facebook-Timeline erstmals gesehen haben, wie ihre Freunde über Statusmeldungen mitteilen, dass sie OK sind. Ein Gefühl, das viele unserer amerikanischen, israelischen oder syrischen Freunde kennen. Für uns ist es neu.

Wir haben einen Traum

Und jetzt? Jetzt sollten wir einen Traum, eine Vision haben. Dass die Kinder, die wir schon haben oder bald in die Welt setzen werden, die Freiheit, wie wir sie erleben, nicht nur aus den Geschichtsbüchern kennen werden. Dass sie unser Privileg, diese Welt, wann immer wir wollen, umarmen und erkunden zu können, erleben dürfen. Dass sie die Haltung, mit der wir einen Fremden immer für einen potentiellen Freund halten, übernehmen dürfen. Und dass stattdessen der Terror etwas ist, das sie nur aus den Geschichtsbüchern kennen.

Wir haben Freiheit und Unschuld, die uns geschenkt wurden, konsumiert. Haben uns in warmen Nächten daran besoffen bis es hell wurde. Völlig zurecht. Dafür ist dieses Leben da.

Nun müssen wir unsere Art zu leben verteidigen. Und unsere Werte. Und machen wir uns nichts vor: Ihre Verteidigung wird uns nicht nur von denen erschwert, die sie mit Waffen terrorisieren. Sie wird uns auch dort schwer gemacht, wo Hass und Intoleranz mit Hass und Intoleranz bekämpft werden. Was uns diesbezüglich in den kommenden Wochen bevorsteht ist absehbar.

Ob und wie wir es schaffen unsere Art zu leben zu verteidigen, wissen wir heute noch nicht genau. Aber die Rettung der freien Welt ist nun unsere Aufgabe. Nicht die unserer Eltern, Merkel oder Obama. Nicht die von Philosophen und Leitartiklern.

Wir lassen uns das Lachen nicht nehmen

Der Kampf für unseren Traum beginnt heute. In den Bars, in die wir trotzdem gehen. Auf den Konzerten, die wir dennoch besuchen. Mit dem Handschlag, mit dem wir einen Fremden begrüßen. Mit der Ansage, der wir allen AfD-Pegida-Hass-Treibern machen. Mit dem Lachen, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Nicht von Arschlöchern.

 

Titelbild: CC BY-NC-ND 2.0 by looking4poetry, flickr: https://flic.kr/p/ArmPJT

1 Kommentar

  1. Su | ApropoSmedia Antworten 16. November 2015 at 11:39

    Lieber Mario,
    damit ist alles gesagt.
    Danke
    Su

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