rose denkblaseLetzten Sonntag wurde in drei Bundesländern gewählt. Mit einem strahlenden Grinsen ist die AfD aus den Wahlen gegangen. Aber wer hat diese Partei gewählt? Und was ist eigentlich Haram? Der Blick auf die Dinge von Lena Baseler.

24,2 Prozent. Fast jeder vierte aktive Wähler aus Sachsen-Anhalt hat seine Stimme für die AfD abgegeben. Der Anblick dieser Zahl erinnert mich an etwas. Nämlich an das Ekelgefühl beim Bild von Tieren, die von Autos überfahren wurden. Nur mit dem Unterschied, dass man an den zerquetschten Tieren vorbeifährt und sie nicht wiedersieht. Das ist bei der „Alternative“ für Deutschland anders. Wir müssen jetzt hinsehen, mehr denn je. Auch wenn der Ekel da ist.

Und da geht es jetzt nicht nur um die Partei an sich. Hätten die sich nur untereinander gewählt, wären nicht 24,2 Prozent als Endergebnis herausgekommen. Der Landesverband der AfD Sachsen-Anhalt zählt süße 300 Mitglieder. Die fast 25 Prozent Wählerstimmen sind andere. Es sind ängstliche Fremdenhasser, denen NPD wählen zu krass ist. Also die AfD – eine Partei, die ihren Wahlerfolg alibimäßig auch auf „landespolitischer“ Arbeit begründet, nicht nur auf ihre Hetze gegen anderes. Haha.

Was man jetzt seit Sonntag hört ist Empörung, Entsetzen. Laute Diskussionen und Aufschreie wie es denn überhaupt zu dieser Deklassierung der anderen etablierten Parteien kommen konnte. Alle sind ganz verwundert, aber keiner will sein Kreuzchen bei der AfD gesetzt haben. Auch im Umfeld kenne man ja „solche“ Leute nicht, die die AfD wählen würden.

In den Wahlanalysen der öffentlichen Fernsehsender und überregionaler Zeitungen – also kurz im AfD-Jargon: der Lügenpresse – wird viel von „rechts“ und „rechter Rand“ gesprochen. Was bedeutet das denn jetzt? Rechts gleich konservativ, oder rechts gleich national, oder rechts gleich rassistisch? Irgendwie wabert man bei der Definition schon so lange herum, dass die AfDler es geschafft haben, in die gesellschaftliche Mitte vorzudringen. Was einst als schmuddelig rechtsextrem galt, ist heute angeblich reflexive Kritik am System.

Aber über wen reden wir wirklich? Wer hat die AfD denn jetzt gewählt? Wir unterhalten uns über Rassisten, so hart es klingt. Vor allem in Deutschland schreckt man aufgrund unserer Vergangenheit bei diesem Wort ein bisschen zusammen. Denkt an die NS-Zeit, damit habe man doch aber heute „wirklich gar nichts mehr zu tun“.

Wir reden über Mitbürger, die vielen im ersten Moment gar nicht als Rassisten vorkommen, denn „sie hätten ja die ehemalige APO AfD gewählt, weil es auch noch viele andere relevante Themen, nicht nur die Flüchtlingskrise, gebe.“ Da kommt einem eine ehemalige Grünen-Wählerin bei „Hart aber fair“ am Montagabend niedlich vor. Sie bekennt sich öffentlich zur AfD-Wahl, aber sagt, sie hätte aus Protest gewählt. Ein Kreuz bei einer Partei aus Protest gegen die allgemeine politische Situation zu setzen und dabei die rechtsextremen Parolen der AfD zu verdrängen. Das ist zu einfach.

Viele Menschen wissen nicht, was Rassismus eigentlich ist, der Alltag macht es möglich. Theoretische Definitionen sind oftmals zu weit weg vom Hier und Jetzt. Hier eine Floskel, dort ein kleiner schelmischer Witz. „War doch gar nicht so gemeint! Da ist die Maus halt mal eben ausgerutscht!“ Nette Versuche der Dekodierung von Fremdenhass und Rassismus. Denn die AfD sei ja auch gar keine Partei, die am rechten Rand fischt. Sie biete den Wütenden doch nur eine Alternative.

Dazu kommt noch die Flüchtlingskrise. Die unsichere Zukunft. Die Angst. Angst um die eigene, die deutsche, Identität. Wir sind doch das Volk. Nicht „die“, die da von weit weg nach Deutschland wollen. Hier kommen die Parolen der AfD super an. Wie der nette neoliberale Wolf im Schafspelz: „Man [AfD] wolle ja den Menschen helfen, bloß vor Ort.“  Keiner solle leiden. Aber nun gut, anscheinend leiden doch schon einige Millionen. Das sollen sie dann aber bitte nicht in Deutschland machen. Das deutsche saftige Schnitzel wird nicht geteilt.

Deutsch ist deutsch und davon lässt man sich nicht abbringen. Politische Solidarität Deutschlands, nachdem man geopolitisch schon bei soviel Müll mitgewirkt hat, muss nun wirklich nicht sein. Wenn es nach AfDlern geht, muss man das ja wohl noch einmal sagen dürfen. Schließlich traue sich das Establishment dies nicht. Hier hat die AfD viele politische Verlorene letzten Sonntag abgeholt. So paradox es auch klingen mag: Die AfD bietet vielen eine Heimat, ein Willkommensein im übertragenen Sinne. Aber nur den Deutschen. Denen, die ihre Heimat wahrhaftig verloren haben, verweigert sie sich.

Diese Partei ist jedoch keinesfalls eine Alternative für Deutschland. Ich würde eher sagen, sie ist Haram für Deutschland. Sie verhindert das, was wachsen kann und muss. Eine multikulturelle, offene Gesellschaft in der Lisa und Mohammed gleiche Voraussetzungen erfahren.

Letzte Woche habe ich behauptet, und da stehe ich noch immer hinter, dass wir jungen Menschen nicht unpolitisch sind. Wir können die Geschicke unseres Landes immer noch lenken, kraft unserer demokratischen Voraussetzungen. Und das bedeutet auf kurze Sicht bei kommenden Bundestags-, Landtags- und Abgeordnetenhauswahlen nicht für die AfD zu stimmen. Auf lange Sicht bedeutet das eine bessere Bildungspolitik der Parteien, die sich jetzt ihre Wählerstimmen von der AfD wiederholen müssen. Schon in der Grundschule muss damit begonnen werden, das Verurteilen des Andersartigen nicht zur deutschen Identitätsklausel werden zu lassen. Es muss bewusster mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit umgegangen werden, sodass die Landtagswahlen im März 2016 zwar Geschichte schreiben werden, der salonfähige Rassismus im Tweedsakko aber der Vergangenheit angehört.

„Haram“ ist übrigens arabisch und heißt auf deutsch soviel wie Tabu.

 

Titelfoto: © Metropolico.org, AfD Neujahrsempfang Augsburg 12.02.2016. Via: https://flic.kr/p/D9ZoYw is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top