Rose KommentarTTIP, Netzneutralität und andere Themen sind in aller Munde. Worum es genau geht, wissen wir nicht immer, sondern schließen uns einfach der Meinung unserer Freunde an – meint Christian Neuner-Duttenhofer in unserem heutigen Montagskommentar.

Dass wir selbst im Schlaf die Vorteile von Carsharing runter beten können und den besten Espresso der Stadt kennen … Keine Frage.

Dass wir von den wesentlichen Dingen wie Liebe und Psychologie keine Ahnung haben, ist ziemlich offensichtlich.

Dass wir uns meistens um die falschen Dinge Sorgen machen und „wir uns vor dem Falschen fürchten“, wissen wir auch nicht erst seit Ortwin Renn.

Dass wir uns ein wenig schämen, keinen blassen Schimmer vom Thema Altersvorsorge zu haben und trotzdem nichts an unserem Wissensstand ändern, weil wir bei unangenehmen Finanzfragen immer Schweißausbrüche bekommen. Ja doch.

Es ist so komplex… aber die Netzneutralität ist tot. Sagen die…

Wie sehr gilt diese Ahnungslosigkeit erst für aktuelle Themen wie TTIP, Vorratsdatenspeicherung und Netzneutralität? Die sind ja nicht ganz unwesentlich. Aber halt auch so komplex.

Vergangene Woche hat das EU Parlament, so ist zu lesen, die Netzneutralität beerdigt und Telekom-Chef Timotheus Höttges outete sich unmittelbar danach mit seinen „Spezialdiensten“ als „Dr. Evil“.

Ehrlich: ich verstehe kaum etwas von diesen Themen. Wie soll ich dann eine Meinung dazu haben? Da hilft mir dann natürlich irgendwie meine Peergroup. Ich treibe mit denen im Meinungsschwarm und lasse los. Spiele zur Abwechslung toter Mann. Was meine in diesen Fragen politisch oder von Berufswegen aktiven Freunde und Bekannten so meinen, fließt dann in meine grobe Idee ein.

Würde mich aber jemand fragen: was ist das, TTIP? Ich könnte keine Antwort gebe, keine Geschichte erzählen, die ich und mein Gegenüber verstehen. Ich könnte nur etwas sagen zu pausenloser Campaignerei, Hysterie, Demonstrationen und endlosen Aufrufen zu Online-Petitionen. Anstrengend. Vielleicht hätte ich da noch das Chlorhuhn auf Lager. Oder bei der Vorratsdatenspeicherung den Selbstversuch von Malte Spitz. Den Rest verstehe ich nicht, die Fakten sind mir zu kompliziert und ich kann es mir nicht merken.

Woran liegt das?

Ich will Geschichten. Keine Märchen.

In der Auseinandersetzung geht es darum, wer Recht hat. Alles wird herangezogen und rausgehauen: Fakten, Zahlen, Grafiken, Botschaften, Appelle, Zitate von Meinungsführern und Expertinnen und für die Emotionen gibt es hier ein Weltuntergangszenario und dort eine Auferstehungshymne. Persuasive Kommunikation wird das genannt. Ihr Ziel ist es,  bei mir Einstellungsänderungen zu erreichen. Ich soll überredet werden. Um Verständigung, Verständnis oder Informationsaustausch geht es ihr bzw. ihren Sendern nicht.

Also leider alles nur Telling aber keine Story. Nur selten werden Geschichten erzählt, die ich aufnehmen kann. Und deshalb erreicht mich das alles kaum. Der Mensch ist und bleibt ein Story Telling Animal. Und es ist eigentlich weder besonders neu noch eine Zauberkunst, begreifbare und erzählbare Geschichten zu nutzen, um Fakten zu vermitteln und Aufklärung zu betreiben. Es gibt jede Menge Kurse dazu, Literatur, Apps und Beispiele.

Ich möchte gerne verstehen und eine Meinung entwickeln. Also erzählt mir keine Märchen, sondern gute Geschichten.

Truth; Foto: CC0 1.0, PDPics

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