Rose ContributorenEin Gespräch mit der Autorin Ivy Pochoda über das Verschwinden und ihr wunderbares Buch Visitation Street.

Man liest ja eigentlich immer irgendwas. Gute Bücher, weniger gute Bücher. Artikel, Kommentare, Tweets und Posts. Was  von dem bleibt aber in Erinnerung? Welche Szenen? Welche Figuren? Welche pointierten Aussagen? Also, außer die Beiträge in ROSEGARDEN natürlich!

Die Menge dessen, was man so aufnimmt, steht in krassem Gegensatz zu dem, was davon bleibt. Was bei mir seit Monaten bleibt, sind Figuren und Szenen aus dem Roman „Visitation Street“ von Ivy Pochoda. Die Geschichte von dem Verschwinden eines jungen Mädchens in Red Hook – einem Stadtteil von Brooklyn, der mitten im Wandel ist und in dem die Menschen auf verschiedenste Weise mit diesem Verschwinden umgehen.

Ivy Pochoda wuchs in Brooklyn auf, zog nach Amsterdam, war Profi-Squash-Spielerin und lebt heute in Los Angeles. Irgendwann war klar, dass sie in den Rosengarten muss.

Und so erscheint Ivy Pochoda dann via Skype auf meinem Bildschirm. Bei ihr in Los Angeles ist es früher Morgen. In der Nacht gab es dort ein Erdbeben der Stärke 5,1. „Oh really?!“ ist ihre Reaktion auf meinen Hinweis auf die unerwünschte Erschütterung. Sie entschuldigt sich kurz dafür noch im Aufwachmodus zu sein. Ich frage mich nach den ersten Minuten, wie es möglich ist noch lebendigere und wachere Antworten zu geben.

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Foto: Dennis Lehane Books

Ivy, was war dein Antrieb für Visitation Street? Ging es dir um eine soziologische Studie oder darum eine Story zu erzählen?

Am Ende des Tages ging es darum, die verschiedenen Aspekte von Red Hook zu zeigen. Ich bin in Cobble Hill Brooklyn, also ganz in der Nähe von Red Hook, aufgewachsen und war dann sieben Jahre lang in Amsterdam. Als ich zurück kam, habe ich Teile meiner Heimat nicht mehr wiedererkannt. Über diese Veränderung und meine Beobachtungen wollte ich schreiben.

Du beschreibst in deinem Buch viele einzelne Communities, die irgendwie nebeneinander her existieren. Gibt es aus deiner Sicht in Red Hook auch so etwas wie eine große kollektive Community oder Schnittmengen?

Ja, zu einem gewissen Grad gibt es diese Schnittstellen. Die künstlerischen Neuankömmlinge, die alt eingesessenen Hafenarbeiter, die Fischer… oder anders gesagt: Die gewachsene Arbeiterschicht, die neuen Künstler und ein paar Leute von den Sozialwohnungen treffen sich. Und zwar unter anderem in der Bar, die in Visitation Street eine wichtige Rolle spielt. Aber der tatsächliche Gemeinschaftsaspekt ist, dass Red Hook irgendwie von der Aussenwelt abgeschnitten ist durch den Brooklyn Expressway und es wirklich nicht leicht ist dorthin zu gelangen. Es gibt keine U-Bahn, die dort hält. Sogar die Busverbindungen haben sie reduziert. Sprich: Ein großer Teil des Gemeinschaftsgefühls kommt von der gemeinsam wahrgenommenen Isolation – sozusagen geographisch bestimmt. Alle, die hier leben, leben an einem Ort, der für andere nicht wirklich leicht zugänglich ist. Absurderweise gibt es mittlerweile einen Ikea mit einer Fährverbindung von Manhattan.

Video: Ivy Pochoda am Schauplatz ihres Romans:

In Visitation Street wimmelt es nur so von eingängigen Charakteren und Szenen. Wie viel der Story ist reine Fiktion und was sind Szenen und Personen, die du vor Ort wirklich erlebt hast?

Nichts in dem Buch ist wirklich wahr, nichts davon ist wirklich passiert. Viele Szenen und Anekdoten sind aber inspiriert von Dingen, die ich beobachtet oder erlebt habe. Einige Charaktere basieren auf Menschen, die ich in Red Hook kenne. Meine Freunde in Red Hook haben natürlich versucht herauszufinden, wer wer ist. Alle wissen irgendwie auf wem die Figur von Jonathan (eine der Hauptfiguren) basiert. Da ich all diese Menschen zwar persönlich kenne, aber nicht wirklich intim, musste ich mir natürlich ausdenken, wie sie wirklich ticken und das ist dann das Ergebnis meiner Fantasie.

Für mich ist Visitation Street eigentlich ein modernes Märchen. Hast du über deine Story jemals als Märchen nachgedacht?

Ich habe das nicht als Märchen gesehen. Aber, sorry, das klingt jetzt sehr elitär: Ich habe auf dem College und an der Universität klassische griechische Geschichte studiert und ich habe seitdem ich zwölf bin auf griechisch und Latein gelesen. Als ich einen ersten Entwurf des Buches hatte, da dachte ich: Es fehlt irgendwas – etwas wie eine klassische Grundlage. Ich habe dann an Geschichten aus der Unterwelt und an Mythen gedacht. An Orpheus und Eurydike – also Jonathan der Musiklehrer, der das Mädchen aus dem Wasser zieht und vor dem Tod rettet. Es war eher die Mythologie, die mich beschäftigt hat.

„Verschwinden kreiert
ein schwarzes Loch“

Was du da in Red Hook beschreibst – der Wandel eines Stadtteils – passiert an vielen Orten. Nicht zuletzt hier in Berlin. Um das böse Wort zu nennen: Gentrifizierung. Ist deine Geschichte für dich übertragbar auf andere Städte oder ist sie auf einzigartige Weise mit Red Hook verbunden?

Die Gentrifizierung in Red Hook verläuft etwas anders, aufgrund der beschriebenen Isolation des Stadtteils. Ich sage immer: Red Hook wird nie gentrifiziert. Aber weißt du was? Ich war gerade erst wieder da und es passiert. Aber was es hier wirklich speziell macht, ist dieser starke Sinn für Gemeinschaft und Nachbarschafts-Identität . Ich glaube, Gentrifizierung macht Sachen uniformer und ich sehe das nicht in Red Hook. Natürlich machen da jetzt auch die teuren Coffeshops auf und kleine Rum-Manufakturen. Aber über allem liegt dann auch das Bekenntnis zu einem Ort der wirklich weit ab vom Schuss liegt… Aber ja klar, grundsätzlich passiert das überall.

Letzte Frage: Ich gestehe, ich habe dein erstes Buch „The Art of disappearing“ nicht gelesen, aber ich weiß grob, worum es geht – da verschwinden Leute. Und in Visitation Street ist das Verschwinden von einem jungen Mädchen Kern der Story. Ist Verschwinden für dich ein Thema? Eine Sache vor der du Angst hast? Oder die dich fasziniert?

Ich war ja für lange Zeit eine professionelle Squash-Spielerin und bin deshalb quer durch die Welt gereist. Ich war viel in Europa unterwegs.  Bevor das mit den Mobiltelefonen so selbstverständlich war… ich war auf dem Weg von Amsterdam nach Regensburg mit dem Zug und ich dachte: Verdammt ich bin hier im Nirgendwo, keine Menschen Seele weiß, wo ich bin. Das war ein ziemlich merkwürdiges Gefühl. Später dann habe ich darüber nachgedacht, das es in der modernen Welt immer schwerer und schwerer wird einfach zu verschwinden. Aber ich liebe das Gefühl an einem Bahnsteig zu stehen und zu denken: Toll, niemand weiß wo du bist. Das sind rare Momente, es ist großartig. Natürlich würde es mir Angst machen, wenn ich wirklich verschwinden würde. Aber für einen Moment darüber nachzudenken ist befreiend. Verschwinden ist aber auch eine interessante Sache. Wenn jemand stirbt, dann kann man darauf reagieren. Aber die Geschichte um ein Verschwinden kreiert so eine Art schwarzes Loch.

Was mir jetzt Sorgen bereitet ist, dass in meinem neuen Buch, an dem ich gerade arbeite, schon wieder jemand verschwunden ist und ich glaube, ich sollte ihn besser schnell wieder finden…das scheint ein echtes Problem zu sein.

Was Ivy Pochoda über Williamsburg und den Brooklyn-Hype in Berlin denkt, könnt ihr hier nachlesen.

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