Rose_2Nah am Abgrund tanzen, ohne alle Klischees. Ein paar dringend notwendige Worte über den Tango.

Versuchsanordnung

Nehmen wir gleich zu Anfang alles weg, was auf Tango schließen lässt. Die Klischees und Übertreibungen, die Vorurteile, die Missverständnisse. All der Kitsch. Die Machoführung also, mit Hut und Bärtchen, das Folgepferdchen, mit schlanken Fesseln und spitzem Tritt. Ein Mann und eine Frau. Bedingungsloser Gehorsam vorausgesetzt, ein Körper, der einen anderen verführt, bestimmt, beherrscht. Die strikte Verteilung der Abhängigkeiten und Verantwortungen, die Pose, die Show, der Sex. Dieser Mythos.

Möglich ist das, alles. Aber lassen wir das. Das ist es nicht.

Tango ist Augenblick und Improvisation. Tango ist das Wagnis von Bewegung in Begegnung, in Umarmung. Tango ist jetzt. Ist der Moment, der auf Gelingen hofft und sich dabei den Möglichkeiten ergibt. Auch und immer wieder der Möglichkeit des Scheiterns.

Tango ist Leben, ist also Versagen, Vergehen. Tango ist Sehnsucht, nicht Sex. Tango ist Lust und Verbrechen. Tango ist die Gelegenheit. Denn Tango entlockt dem Dreck der Straße seine Schönheit, wie ein Dieb.

Erklärversuch

Tango besteht aus einem Repertoire, auf das man sich – während des Tanzens – in Sekundenschnelle einigt. Je größer dieses Repertoire, desto größer die Möglichkeiten, die Verwirrung auch. Tango ist etwas, das man kennt oder zu kennen glaubt, sich in der Umsetzung aber ständig gezwungen sieht, es abzuändern, neu zu sortieren oder gar neu zu erfinden. Und sei es nur, um eine verunglückte Wendung doch noch zurechtzudrehen, irgendwie, damit es weitergeht.

Tango ist gemeinsames Gehen zu Musik. Von da aus in alle Himmel, mehr ist es nicht.

Dennoch: Wer Tango tanzen will, sollte Tango tanzen lernen. Bei aller Freiheit der Gestaltung, es gibt fixe Formen und Figuren von höchster Komplexität. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Basis.

Tango bietet traditionell eine Vielzahl von Möglichkeiten, die aus nahezu jeder Situation heraus begehbar sind. Um den nötigen Raum dafür zu schaffen, gibt es auf Milongas sogar eine Tanzrichtung und weitere Übereinkünfte, die z. B. die Navigation auf der Tanzfläche regeln. Das ist höchst notwendig, denn Tangotanzveranstaltungen können ausgesprochen gut besucht sein.

Es gibt außerdem zwei zu besetzende Positionen, eine folgende und eine führende, es tanzen also zwei Menschen miteinander. (Größtenteils.) Diese zwei Positionen unterschieden sich von Grund auf: die folgende bewegt sich rückwärts, die führende hingegen vorwärts. (Meistens.) Das bedingt, dass aus der führenden Position heraus bestimmt wird, wo es langgeht. (Auf den ersten Blick.) Für die strategischen Planungen im zur Verfügung stehenden Tanzraum ist es überaus hilfreich, vorausschauen zu können. Gesprochen wird beim Tango nicht, alle Konzentration ist anderweitig ausgerichtet. (Bestenfalls.) Zeichen und Hinweise werden mit dem Körper gegeben, niemals verbal. (Nie!) Und es sind keine Befehle, kein Zwang. Es handelt sich vielmehr um Einladungen, kaum sichtbar womöglich, aber doch möglichst eindeutig formuliert. Wie eine Frage, auf die der andere Körper antwortet, angemessen. Wenn alles gut geht. (Bestmöglich zumindest.)

Auf nichts ist Verlass im Tango, nichts ist vertraut oder wird es jemals werden. Und doch ist alles Vertrauen. (Grundlos.)

Tango, verqueer

Bleiben wir nicht stehen, gehen wir weiter. Fragen wir: Wie sind die Positionen verteilt, die Rollen, die Aufgaben? Wie läuft die Kommunikation, in welche Richtung, unter welchen Vorzeichen? Wo geht der Mann, wer ist die Frau? Und warum eigentlich?

Was, wenn all das außer Kraft gesetzt ist? Auch das ist eine Möglichkeit, eine weitere in dem Spiel. (Welches Spiel?)

Bereits in der traditionellen Aufstellung ist Tango vielschichtig angelegt. Um bestmöglich in eine möglichst vollendete Form zu finden, müssen die möglichen Positionen möglichst von vorn herein aufgeweicht, verwischt werden. Ein Führender, der die Signale der Folgenden grundsätzlich missachtet, wird in seiner Schrittfolge steckenbleiben. Irgendwann. Eine Folgende, die auf präzise Instruktionen angewiesen ist, die sich nicht aufs Verweigern, aufs Verzögern zumindest oder auf Eigenmächtigkeiten versteht, wird schnell langweilig.

Wer so zu spielen versucht, spielt falsch. Tango funktioniert nicht in derartigen Abwicklungen von zuvor vereinbarten Formenfolgen. Auf die Art wird Tango verhindert.

Wer mehr will als das, noch mehr, geht am besten zum Queertango, wo losgelöst von der geschlechtlichen Determination gelehrt und getanzt wird. Wo die führende und die folgende Rolle nicht genetisch fixiert sind. Wo alle alles tanzen, ganz wie es beliebt und selbst definiert. So ist das erste, was in jeder Begegnung geschieht, ein Austausch über die Gegebenheiten, eine Abklärung der Möglichkeiten. Führen oder folgen? Für jetzt, für diesen Augenblick. Für eine Tanzfolge vielleicht, drei Lieder. Oder mehr?

Dann wieder wechseln, von Tanda zu Tanda, von Partnerin zu Partner. Besser gesagt: Partner*in. Und als Krönung des ganzen: Rollenwechsel mitten im Tanz. Auf freier Fläche, nah am Abgrund. Tanzen.

Warum nicht auch das? Es ist möglich. Es ist Tango.

 

Titelfoto: Susanne Englmayer

3 Kommentare

  1. Bernice Antworten 29. Juli 2016 at 12:40

    Tango ist großartig. Der krampfige Text, der wie mühsam zusammengestöpselt wirkt, leider nicht. Schade, ausgerechnet bei diesem schönen Thema.

    • Mario Münster Antworten 1. August 2016 at 8:57

      Danke für dein Feedback und schade, dass dir der Text nicht gefallen hat.

  2. Pingback: engljetzt » Blog-Archiv » die möglichkeit von tango

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