Rose Kranich ReiseIm portugiesischen Ericeira fanden die ersten afghanischen Surfmeisterschaften statt. Eine kleine Sensation und das nicht nur weil Afghanistan keinen Zugang zum Meer hat. David Peroz, 25, hat teilgenommen und wurde der erste afghanische Vizemeister im Surfen.

Gibt man Afghanistan bei Google ein, so erscheinen unter den ersten Vorschlägen die Begriffe „Krieg“ und „Bundeswehr“. Was fällt einem im ersten Moment ein zu dem Land am Hindukusch, das seit 2002 nicht aus den Negativschlagzeilen kommt? Afghanistan, wie die jüngsten Geschehnisse in Kabul zeigen, ist immer noch kein Land der Sicherheit und gewissen Zukunft. Afghanistan ist aber dennoch ein Land, das so reich an Freude und Kultur ist, dass es schade wäre, ihm für immer den Stempel des Kriegslandes aufzudrücken. Junge Afghanen haben nun ein Projekt auf die Beine gestellt welches zeigt, dass Afghanistan vielmehr zu bieten hat als traurige Nachrichten.

Im portugiesischen Ericeira fanden im Mai die ersten afghanischen Surfmeisterschaften statt. Afghanistan besitzt keinen Zugang zum Meer, ausgewiesene Könner des Surfens findet man eher selten. Und doch gibt es den afghanischen Surfverband Wave Riders Association of Afghanistan (WRAA), der von Afridun Amu mit Freunden gegründet wurde. Amu engagiert sich für seine Heimat. Er will Gutes tun für das Land seiner Vorfahren,  für das Normalität eine Besonderheit ist. Die notwendige und logische Konsequenz war für ihn daher WRAA. Bereits vor drei Jahren manifestierte sich die Idee eines afghanischen Surfverbandes, das ganze Projekt gewann aber erst 2014 an Fahrtwind, nachdem die International Surf Association (ISA) und die afghanische Regierung WRAA offiziell anerkannte. WRAA will den Menschen zeigen, dass Afghanistan eben nicht nur aus Fundamentalisten besteht und mit den nächsten Meisterschaften dem Land ihrer Vorfahren helfen, einen Gegenpol zur negativen Berichterstattung zu schaffen. Mittlerweile hat der Verband über 20 Mitglieder. David Peroz ist eines von ihnen und nun amtierender afghanischer Vizemeister im Surfen.

Foto: David Lohmüller, WRAA. Ericeira 2015.

Foto: David Lohmüller, WRAA. Ericeira 2015.

David Peroz und Afridun Amu sind seit 2008 Freunde. Beide studieren Jura, beide haben afghanische Wurzeln. 2010 nimmt Amu, bereits passionierter Surfer, Peroz mit nach Bali. Und dann surft Peroz das erste Mal in seinem Leben.  Peroz verpasst damals sogar seinen Rückflug nach Deutschland.  Er war im Wasser und ritt seine erste richtige Welle, als er eigentlich die Landebahn mit dem Flieger in Richtung Deutschland verlassen sollte. Jeder, der schon einmal auf einem Surfbrett die erste Welle seines Lebens stand, wird wissen welcher selige Ausdruck sich aus der Explosion von Endorphinen im eigenen Gesicht einstellt. Peroz: „Die Leidenschaft des Surfens hat ja beinahe schon fast einen philosophischen Ansatz. Der Moment, wenn du als Mensch auf dieser einen Welle stehst, in der sich die Energie der Naturgewalt entlädt und du Teil dieser bist. Es ist ein schlichtweg unbeschreiblich erhabenes Gefühl.“

Fast ein ganzes Jahr planten die Mitglieder von WRAA die Meisterschaft, die in Portugal stattfand. Auch andere Länder ohne Meereszugang, wie Österreich, halten dort ihre Surfmeisterschaften ab. Voraussetzung für die Teilnahme sind afghanische Wurzeln. David Peroz Vater kommt aus Afghanistan, er besitzt aber nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Ungefähr 50 Verwandte aus Afghanistan hat Peroz in Berlin, die afghanische Diaspora in Deutschland ist groß. Er selbst fühlt sich in jedem Falle afghanisch, obwohl er bis jetzt noch nie in Afghanistan war.

David Ericeira

Foto: © Gloria Buss Cardenas. David Peroz (rechts). Afghanischer Vizemeister im Surfen. Ericeira 2015.

Fünf Tage ging die afghanische Meisterschaft, bei der Afridun Amu Meister und David Peroz Vizemeister unter den Männern wurden. In diesen fünf Tagen lag der Fokus jedoch nicht nur beim Surfen. Das Event, mit seinen Besuchern und Mitreisenden aus Deutschland, bot den Rahmen für einen viel tiefer gehendes Anliegen. Die Assoziationen, die man mit Afghanistan verbindet, sollen ein Stück an Normalität gewinnen. Afghanistan soll nicht nur Krieg und Terror bedeuten. Dies wird dem Land mit seiner reichhaltigen Geschichte und Kultur nicht gerecht. Koch- und Sprachkurse, Tanzunterricht und Drachen bauen. All das war Teil der ersten Meisterschaft mit seinen zwanzig Wettbewerbsteilnehmern und zahlreichen Besuchern, die größtenteils aus Deutschland, aber auch aus Kanada angereist sind. Es war ein großes Miteinander und man sah sich eher als Botschafter der afghanischen Seele, nicht so sehr als Sportler im Wettbewerb.

Foto: David Lohmüller. WRAA, Ericeira 2015.

Foto: © David Lohmüller, WRAA. Ericeira 2015.

Wie Afghanistan wirklich ist, weiß man in Deutschland eben nicht. Viele Westeuropäer haben das Bild von afghanischen Frauen mit Schador. Die Verschleierungspflicht bestand als die Taliban noch herrschten, diese gilt aber de facto nicht mehr.  So werden Geschlechterbilder und andere Vorurteile im westlichen Diskurs verfestigt, ohne dass ein Hinterfragen stattfindet. WRAA will genau diese eingefahrenen Vorstellungen durchbrechen. Sohal Behmanesh ist nun die erste weibliche afghanische Surfmeisterin und sie trägt offene Haare. Auch sie fährt genauso wie Amu und Peroz im Juni 2016 zur Surfweltmeisterschaft der ISA.

Viel wichtiger als der Titel ist für David Peroz aber: „Unser Ziel ist es bei der nächsten Meisterschaft einem Afghanen, der nicht in Deutschland oder Kanada lebt, das Meer zu zeigen. Es gibt keine Grenzen, es bedarf nur eines Startmoments und den haben wir bereits gezündet.“ Für ihn ist klar, dass für Afghanistan einer ewigen Surfgeschichte von nun an nichts im Wege steht. Vielleicht ist dann in ein paar Jahren auch der erste Erweiterungsvorschlag beim Eintippen von Afghanistan in Google nicht mehr „Krieg“, sondern „Surfmeisterschaft“. Der Anfang dafür ist auf jeden Fall getan.

Foto: David Lohmüller, WRAA. Ericeria 2015.

Foto: © David Lohmüller, WRAA. Ericeira 2015.

Titelfoto: © Gloria Buss Cardenas. David Peroz (rechts). Afghanischer Vizemeister im Surfen. Ericeira 2015.

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