Rose DrinksDer Sommer 2015 ist ein Monster. Seit Wochen begleiten mich die Grooves der großartig fiebrigen Serie „Treme“, tropische Nächte, kalte Biere, Mezcal und Kaffee. Um mich herum scheint die Welt aus den Fugen zu bersten wie lange nicht mehr. Im Großen und Kleinen. Schnappschüsse:

Russland. Vladimir Putin lässt Lebensmittel vernichten.

Ich lese einen Beitrag einer syrischen Bloggerin. Es geht um Scharfschützen, die in Aleppo gezielt auf Kinder schießen. Über 300 Opfer bisher.

In Bayern werden Flüchtlinge durch die Bearbeitungsstraße geschickt.

Im Zug von Berlin nach Stuttgart. Vierköpfige französische Familie mit schwarzafrikanischen Wurzeln im Waggon. Schönes warmes Französisch. Lebendige Kinder. Großes Hallo. Obligatorisches Scheiß-Kinder-Pöbeln von einem frustrierten Vielfahrer. Die Kleinste singt plötzlich lauthals in akzentfreiem Deutsch: „Atemlos. Durch. Die. Nacht.“ Amen.

In Ostdeutschland brennen wieder Flüchtlingsunterkünfte. Im Westen auch.

Claus Kleber zeigt Gefühle.

Anja Reschke traut sich.

Berlin. Es ist beinahe Mitternacht. 30 Grad. Ich lese in der Hängematte The Flamethrowers von Rachel Kushner und will nach New York. Kaltes Bier. Mezcal.

In Afrika wird ein Löwe getötet.

Die SPD will vielleicht keinen Kanzlerkandidaten. Darauf einen Mittelfinger.

Der hässliche Deutsche ist angeblich zurück. Als ob der weg war…

Berlin Kreuzberg gehört den Touristen. Es stinkt.

Im Görli wird mal wieder jemand abgestochen.

In einem Park wird ein Hund erschossen. Die Volksseele siedet.

Distrikt Coffee, Bergstraße, Berlin. Nur ich, mein Laptop und Kaffee. Ein Paradies.

Ich sitze an der Südküste Siziliens. Blicke aufs Meer. Frage mich wie weit von hier gerade Flüchtlinge in kleinen Booten nach Europa unterwegs sind.

Restaurant YARD, Paris, 11er Bezirk. Grüne Bohnen mit Sardellenbutter. Die Köche hören in der offenen Küche hinter der Bar laut Madonna und trinken Bier aus Dosen. Paradies II.

Berlin. Es ist 10.30. Ich tausche zum ersten mal an dem Tag meine durchschwitzten Kleider.

Ich sitze in einer Kreuzberger Bar auf der Geburtstagsfeier eines syrischen Freundes. 34 Grad. Bestimmt. Er feiert mit einer Freundin, die am selben Tag geboren wurde. Sie kommt frisch aus Beirut. Ein arabischer Tisch. Ein gemischter Tisch. Mein Freund blickt mitten im Gespräch verblüfft an den arabischen Tisch. „Is this Ahmed?!“, fragt er seine Sitznachbarin? Er ist es. Er hat ihn das letzte Mal vor über einen Jahr in Damaskus gesehen. Jetzt ist er plötzlich auf seiner Geburtstagsfeier – als Gast seiner Mitgastgeberin. Sie fallen sich in die Arme. Ich versinke in dem aufgekratzten Klang des Arabischen und trinke mein Bier.

Dr. Dre. veröffentlicht ein neues Album.

Google heißt jetzt Alphabet.

Ich fülle die Bewerbungsunterlagen für einen Medien-Inkubator aus. Frage 6: „Tell us about something amazing you built…“

Ich stehe bei 37 Grad auf dem Parkplatz von Ikea in Berlin Lichtenberg in meiner Badeshort mit Hummer-Aufdruck und warte auf den ADAC. Autobatterie entladen.  Amazing.

Neukölln. Das Hipster-Mädchen mit Tattoos und dem Sidecut holt das alte Billy Regal ab, das eine Freundin via Ebay verschenkt. Hipster-Mädchen zieht jetzt weg von der Hermannstraße. „Zu viele unfreundliche Ausländer“. Sagt sie wörtlich. Als sie weg ist, beschimpfen wir sie in Abwesenheit. Wenigstens das.

Ein Sonntag. Gegen ein Uhr morgens. Drei Jungs. Ein Grill. Vier Flaschen Wein. Darunter ein Grand Cru Riesling aus dem Elsass und ein Brunello di Montalcino von 2008. Zum Dessert gibt es Underberg und eine Marlboro Menthol. Amen II.

In meinem Stamm Coffee-Shop reduziert sich der Smalltalk auf das Wesentliche. „How are you?“ „Melting…“ „Jep…“.

Klunkerkranich, Neukölln. Wir sitzen am Rand der Dachterasse. Ein Senior stellt sich 50 cm neben meinen Freund, blickt auf Berlins Skyline und furzt.

Es ist der 16. August. Ich habe mich für zwei Nächte in mein hessisches Heimatdorf geflüchtet. 17 Grad. Mein acht Monate alter Neffe quiekt zufrieden. Ausatmen. Einatmen. Morgen geht der Sommer weiter. Ich bin auf alles gefasst.

Foto: © gezett

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