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… Wir müssen nicht mehr fremdbestimmt einer Schicksalsspur folgen

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald, Foto: rheingold Institut

Stephan Grünewald ist Psychologe, Marktforscher und Managing Partner beim rheingold Institut in Köln. Er hat einige Bücher über den psychischen Zustand der Deutschen geschrieben. Sein neuestes Buch heißt „Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss.“ Wir haben ihn gefragt, was Multioptionalität mit dieser Erschöpfung zu tun hat. Er selbst genoss gerade für drei Monate die Vorzüge des multioptionalen Arbeitslebens in San Francisco und bezieht seine Erkenntnisse aus den zahlreichen Studien, die sein Institut jährlich durchführt. Er muss es wissen.

Sie diagnostizieren eine erschöpfte Gesellschaft. Wie kommen sie darauf und was sind ihre Erkenntnisse?

Das rheingold Institut führt jährlich etwa 200 Studien durch. Ich schaue mir die Ergebnisse an und mache eine Zusammenfassung auf Metaebene. Dadurch entsteht so etwas wie ein Psychogramm der Gesellschaft. Dabei zeigt sich: Wir befinden uns in einem Hamsterrad und werden darin immer atemloser. Wenn wir zur Ruhe kommen, stellt sich auf einmal die Sinnfrage. Bin ich mit meiner Situation zufrieden? Wo will ich hin?

Wenn wir zur Besinnung kommen, ist es uns unheimlich, deshalb steigen wir lieber wieder ins Hamsterrad ein und schalten die Fragen ab.

Ist das Gefühl der Erschöpfung, die sie konstatieren für alle gleich? Für Männer und Frauen, junge und alte Menschen?

Gemeinsam haben alle das Gefühl der Erschöpftheit. Aber diese hat unterschiedliche Quellen. Beispielsweise mehr Leistung, höhere Anforderungen und weniger Pausen bei Berufstätigen, ein Vitalitätsdiktat bei Älteren und bei Frauen die Vereinbarung zwischen Beruf und Familie.

Die Frage, die ich mir stelle ist: Warum geht niemand auf die Barikaden? Ich erkläre es mir damit, dass es eine Art „Erschöpfungsstolz“ gibt. Die persönliche Erschöpfung ist der Gradmesser der eigenen Produktivität. Man hat lieber einen Burnout statt eine Depression.

Und was hat die Multioptionalität damit zu tun?

Wir werden nicht mehr fremdbestimmt in die Schicksalsspur gesetzt. Früher waren die Lebenswege und die Rollenverteilung viel klarer. Jetzt kann man viel mehr Optionen ergreifen. Dafür sind aber auch mehr Informationen nötig. Die Crux ist: Alle Optionen, die man ergreift, haben den Anspruch auf Perfektion; es findet keine Priorisierung statt. Die Optionen bekommen eine zwanghafte Dringlichkeit, wer sie nicht aufgreift, scheint etwas zu verpassen.

Sie beschreiben Träumen als Königsweg raus aus der Situation. Wie soll das funktionieren?

In Träumen hat die Seele eine ästhetische Narrenfreiheit. Ein Traum kann aus den Warum geht niemand auf die Barrikaden? vielen Erfahrungen etwas herausheben, was als Leitlinie gelten kann, er legt den Finger in die Tageswunde. Die Intuition wird am Tage zugeschüttet, der Traum serviert sie uns auf dem Silbertablett.

Haben Sie sonst noch Ratschläge für Multioptions-Geplagte und Erschöpfte?

Wir brauchen einen Alltag, der nicht von Effizienz geprägt ist. Unsere Tage brauchen Dehnungsfugen, die man schaffen kann, indem man morgens beispielsweise noch eine Viertelstunde liegen bleibt, nachdem der Wecker klingelt. Oder indem man ausgiebig duscht – hier lösen sich manche Probleme von selbst. Wir sollten häufiger die Gefangenschaft in der eigenen Gedankenwelt aufbrechen und zum Beispiel beim Bahnfahren andere Leute und Perspektiven kennen lernen, statt die ganze Zeit auf den Bildschirm oder das Smartphone zu starren.

Änderungen und Kreativität entstehen nie in Betriebsamkeit. Deshalb sollten wir uns häufiger mal nichts vornehmen und spüren, wohin es uns treibt. Das ist zwar riskant und ein ungewisser Übergangszustand ist schwerer zu ertragen als im Hamsterrad, aber es lohnt sich.

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