Rose KommentarUnsere Zeiten verlangen Einmischen und Bekenntnis auch jenseits der Komfortzone. Egal, welcher Generation wir angehören. Unsere Montagskommentar von Wiebke Elbe.

Letzten Montag hat Christian Neuner-Duttenhofer an dieser Stelle vollkommen zu Recht von seiner Generation, die auch die meine ist, mehr politische Kante gefordert. Er tat dies unter anderem mit dem Verweis darauf, dass nach uns die „abgeklärte Alles-Checker-Generation Y“ käme, bei der er kaum Veränderungswillen vermutet. Nach uns, so impliziert dies, wird es nicht besser.

 

Foto: CC BY-SA 2.0 by John Englart (Takver), https://flic.kr/p/fhpYur

Foto: CC BY-SA 2.0 by John Englart (Takver), https://flic.kr/p/fhpYur

 

Schuldgefühle einer Generation

Christians Charakterisierung weiter Teile meiner Generation, mich eingeschlossen, unterschreibe ich nicht ohne Schuldgefühle. Ich könnte mehr tun. Ich müsste mehr tun. Viele Mitmenschen meines Alters in meinem Lebensumfeld sehen das für sich durchaus ähnlich. Wir haben, wie jede Generation, die verdammte Aufgabe, uns gesellschaftlich und politisch einzubringen. Wir müssen Position beziehen, auch jenseits der Kreise ähnlich denkender Freundinnen und Freunde, in denen es trotz der Kälte der Themen eben doch kuschelig warm bleibt, wenn wir über Neoliberalismus diskutieren oder den alten neuen Rassismus im eigenen Land sezieren. Wir müssen raus aus unseren wohlfeil eingerichteten Rückzugsräumen. Wie wir das jeweils tun, kann sehr vielfältig sein. Sicher ist, dass deutlich mehr geht.

Generation Y engagiert sich – nicht nur in eigener Sache

Etwas schwerer tue ich mich mit dem Urteil über die Generation nach uns, egal wie man sie auch nennen mag. In der Tat: Viele Vertreterinnen und Vertreter jener Generation kommen recht abgeklärt daher. Sie sind orientiert und auch fokussiert. Ich begegne zunehmend Menschen, die mit Anfang, Mitte 20 weitaus reflektierter und gezielter agieren als ich in ihrem Alter. Ebenso orientiert, reflektiert und fokussiert agieren sie für jene Dinge, die ihnen am Herzen liegen. Und das ist eben nicht nur die ganz persönliche Karriereplanung. Viele Vertreter der „Alles-Checker-Generation Y“ bringen sich gesellschaftlich ein. Sie absolvieren Freiwillige Soziale oder Freiwillige Ökologische Jahre. Sie gehen für ihre Themen auf die Straße. Die Shell-Jugendstudie 2015 hält fest, dass jeder Vierte der Befragten im Alter von 12 bis 25 Jahren nach eigenen Angaben bereits an einer Demonstration teilgenommen hat. Jeder zehnte von ihnen engagiert sich nach eigenen Angaben in einer Bürgerinitiative. Sie vernetzen sich. Nach Jahren, in denen das politische Interesse in jener Altersgruppe stetig abnahm, steigen die Werte wieder merklich.

Diese Generation zieht es möglicherweise nicht mehr in die Jugendorganisationen der Parteien. Das liegt aber nicht zwangsläufig an den Jugendlichen selbst oder ist per se gleichbedeutend mit politischem Desinteresse. Beim Berliner #ClimateMarch gestern war der Altersschnitt nach meinem Empfinden jünger als noch 2011 bei den großen Protesten rund um den Atomausstieg. Beim Campact-Kongress letztes Jahr habe ich sehr viele junge Gesichter gesehen. Sie sind da. Sie mischen sich ein. „Unsere Generation“ begegnet ihnen möglicherweise nur nicht. Warum, müssen eher wir selbst uns fragen.

Wir müssen unsererseits nicht deshalb endlich mehr aus dem Quark kommen, weil die Generationen vor oder nach uns es nicht gebacken kriegen und es jetzt an uns hängt. So vermessen sollten wir nicht sein. Aber wenn wir uns jetzt nicht mehr einbringen, um mitzugestalten, dürfen wir uns auch nicht darüber beschweren, dass und wie andere es an unserer Stelle dann tun – egal welcher Generation.

 

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