Rose FrageÜber den seltsamen Umgang mit dem Tod in den „Sozialen Medien“ und was das über unsere Fähigkeit zur Trauer aussagt.

Die vergangenen Monate standen unter keinem günstigen Stern. Der Lauf des Lebens hat uns in einer selten da gewesenen Dichte prominente Menschen genommen: Helmut Schmidt, Günter Grass, Lemmy Kilmister, David Bowie, Roger Willemsen, Harper Lee, Peter Lustig.

In meiner ganz persönlichen Social Media Filter-Bubble wurden diese Tode nach dem immer gleichen Muster betrauert: Auf das entsetzte Teilen erster Ticker-Meldungen folgten der Post eines Bildes des jeweiligen Idols, oft ergänzt durch den Austausch des eigenen Profilbildes mit dem des Verstorbenen. Nicht selten garniert mit einer persönlichen Anekdote aus unserem Leben, die wir mit dem uns persönlich unbekannten aber doch bedeutenden Idol verbinden. Ich habe da teilweise auch mitgemacht, habe meine kleine Wut und die etwas größere Trauer über die Ungerechtigkeit der natürlichsten Sache der Welt immer mal wieder in Worte und Bilder gepackt und sie in den digitalen Raum geschossen.

Als mein Großvater Ende vergangenen Jahres mit 93 Jahren starb, da hatte er auf mein Leben einen größeren Einfluss genommen als Lemmy, Bowie und Peter Lustig zusammen. Meine Wut und meine Trauer waren groß. Aber darüber hab ich in den sozialen Medien kein Wort verloren und kein Bild. Warum auch? Der Tod ist Privatsache. Vielleicht die letzte Privatsache, die wir haben.

Aber warum gibt es da dieses seltsame Missverhältnis? Warum überbieten wir uns mit Trauerbekundungen und öffentlichen Erinnerungen bis zum Geht-Nicht-Mehr beim Ableben öffentlicher Personen, und wenn es um den Tod von Menschen geht, die wir wirklich kannten, dann schweigen wir? Wenn wir einen Menschen verlieren, den wir lieben, dann hält uns unser merkwürdig verkrampfter und tabuisierter Umgang mit dem Tod in Schranken. Unsere emotionale Zwangsjacke macht uns stumm. Wir wissen nicht wie man trauert, weil es jeder im Verborgenen tut. Es scheint, als bricht all die persönliche Trauer, die in uns steckt und die wir nie ausleben durften, aus uns heraus, wenn eine prominente Person stirbt, die uns was bedeutet. Als könnten wir alle Trauer, die wir in uns tragen für all die verstorbenen Eltern, Großeltern, Freunde und Kinder auf eine andere Person projizieren. Stellvertreter Trauer, wenn man so will. Kollektive Trauerkanalisierung. Trauer Light. Pop Trauer.

Ich vermute, das ist sehr menschlich. Und dennoch irritierend.

Um meine eigene Irritation ein wenig zu korrigieren, ist das Titelbild dieses Beitrags eine der letzten Fotoaufnahmen von meinem Großvater bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen: Mit einem Glas Wein in der Spätsommer-Sonne des Rheingaus sitzen. Mein Großvater verehrte übrigens Helmut Schmidt und las Günter Grass. Er kannte all die Garten- und Handwerkertricks, die Peter Lustig auch kannte. Er wusste nicht wer Lemmy oder David Bowie war. Aber ein Held war er bestimmt für mehr als einen Tag.

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Martin Münster bei seiner Lieblingsbeschäftigung. (Foto: Mario Münster)

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