Rose Interview MikrofonGescheitert wurde schon immer, aber dass öffentlich soviel darüber geredet wird, ist neu. Mir jedenfalls. Im letzten Jahr begegnete mir das Thema häufiger – in meinem Twitterstream und in Zeitungsartikeln. Oft heißt es dort, wir haben in Deutschland keine Fehlerkultur und keine Kultur des Scheiterns. In den USA gehört Scheitern dazu, hilft zu Wachsen.

Scheitern will niemand. Aber wenn man sich mit dem Thema freiwillig oder unfreiwillig beschäftigt, stellt man fest, dass man in guter Gesellschaft ist. Zum Beispiel mit Regine Heidorn, die selbst schon gescheitert ist, und das Thema Scheitern zu einem ihrer Lebensthemen gemacht hat. Gemeinsam mit drei anderen hat sie die Odyssey of Failure ins Leben gerufen. Ein Barcamp des Scheiterns.

Wenn man mit ihr spricht, möchte man eigentlich gar nicht mehr aufhören. Nicht weil Scheitern so viel Spaß macht, sondern die Auseinandersetzung mit dem Thema eine Tiefe hat, die man sonst nur in besonderen Situationen mit guten Freunden und einem Glas Wein erreicht. Es ist ein Gespräch über die Seele und Intuition. Wann habt ihr das zuletzt geführt?

 

Regine, das Thema Scheitern ist kein einfaches. Sicher schreien nicht gleich alle „Yay!“, wenn es auf die Agenda kommt. Wie bist du dazu gekommen, dich mit dem Thema zu beschäftigen?

Regine Heidorn: Ich habe mich selbst, aus einer tiefen Krise heraus, mit dem Thema Scheitern beschäftigt. Dabei habe ich in der bestehenden Ratgeber-Literatur nur Mist gefunden. Alle nach dem Motto ,gescheiter scheitern‘ oder ,fail fast fail better‘. Alles darin ist so positiv und auf Glück orientiert. Aber ich wollte gar nicht glücklich sein. Mir ging es einfach Scheiße! Mich stört, dass man nicht unglücklich sein darf. Es existiert ja ein regelrechter Glückszwang. Es gibt auch keine allgemeingültigen Regeln, denn es gibt kein Maß für die Seele. Ich wollte die Phase des Scheiterns intensiv durchlaufen, um meine eigene Intuition zu schärfen.

head_scratch_by_Eberhard Schorr

Regine Heidorn, Foto: Eberhard Schorr

Scheitern tut unglaublich weh, man hat keinen Halt, es ist ein bodenloses Fallen in die Leere, eine Sinnkrise. Niemand will diesen Zustand. Anders als ein Fehler, markiert Scheitern einen unumkehrbaren Endpunkt, zum Beispiel in einer Beziehung oder in einer Arbeitssituation. Man kann nicht mehr zurück. Es ist o.k. mal keinen Halt zu haben und einfach zu fallen. Aber man muss sich dafür die richtige Umgebung suchen, beispielsweise aus Freunden und Psychologen. Wachsam wahrgenommenes Scheitern hilft wie gesagt, die Intuition zu schärfen, man entwickelt mentale Navigations- und Überlebensskills. Ich als Programmiererin verstehe Scheitern auch als ,failure-driven debugging of intuition‘ (mehr dazu hier).

 

Wie ist die Idee zum Barcamp des Scheiterns entstanden?

Regine Heidorn: Ich hatte auf Twitter mit Jörg Blumtritt eine Konversation über das Thema. Es kam die Frage auf, ob es eigentlich einen Schutzheiligen fürs Scheitern gäbe. Tatsächlich stießen wir auf St. Brendan the Navigator. Eigentlich ein Schutzheiliger für Schiffbruch. Aber das passte. Es gibt zwar einige Schutzheilige für Schiffbruch, das ist auch ein Scheitern. Aber ich finde es nicht vergleichbar mit dem individuell verorteten persönlichen Scheitern in einer neoliberalen Informationsgesellschaft. St. Brendan the Navigator ist bekannt für eine Odyssee, in der irischen Ausformung auch Immram genannt. Die Erzählung einer Odyssee passt schon eher auf eine biographische Reise und lässt mehr Raum für die Assoziation persönlicher Scheitern-Erlebnisse. Und es gibt erstaunliche Parallelen zur „modernen“ Erfahrungswelt, beispielsweise einen literarischen Topos in der Erzählung einer Odyssee, nach der Reisende erst beim dritten Besuch desselben Ortes den Zugang zum Paradies finden. Da wurde also schon zweimal gescheitert, bevor die Lösung kam. Das korrespondiert sehr gut damit, dass Erlebnisse für uns wertvoll werden, wenn wir sie uns auch erarbeiten können. Das Gute ist ja schließlich dadurch gekennzeichnet, dass es selten ist. Oder das Beispiel von Computerspielen mit eingebautem Scheitern. Die Frage, was ein Spiel spannend machte, ergab, dass ein Spielfluss ohne Scheitern als langweilig empfunden wurde. Ziemlich genau zweimaliges Scheitern macht ein Spiel spannend. Mehr Scheitern ist Überforderung, weniger ist langweilig.

gescheitertes-leben_by_Regine_Heidorn

Gescheitertes Leben, Foto: Regine Heidorn

Zurück zu St. Brendan: In Irland steht eine Skulptur von ihm. Wir hatten zunächst die Idee, eine Pilgerfahrt dorthin zu machen. Zusammen mit anderen, die sich mit dem Thema Scheitern beschäftigen. Das wurde dann aber etwas zu kompliziert und das Ganze sollte nicht so esoterisch werden. Deshalb haben wir uns entschieden, daraus ein Barcamp zu machen. Was von St. Brendan the Navigator blieb, war der Name „Odyssey of Failure“ und das Datum zu Allerheiligen. Der Herbst, das Scheitern der Natur und insbesondere die im November zuverlässig einsetzende Deutsche Herbstdepression sind ein hervorragender Zeitpunkt für eine solche Veranstaltung. Vielleicht ist das Scheitern in der Deutschen Kultur in der tiefen und zerrissenen Kultur der DichterInnen und DenkerInnen verankert, das Hadern mit den zwei Herzen in der Brust. Und das Scheitern von Mephisto, der stets das Böse will und doch das Gute schafft. Eine bessere Personifikation für scheitern-getriebenes Debugging gibt es nicht. Und Allerheiligen ist ein Feiertag, zu dem auch der Heiligen gedacht werden soll, von denen noch niemand weiss, daß sie heilig sind. Sehr praktisch, wenn man auf der Suche nach einem Schutzheiligen ist, den es noch gar nicht gibt.

Als Ort haben wir uns für Berlin entschieden, weil hier die Scheiterszene einfach schon da ist. Es gibt hier so eine großartige Scheiter-Infrastruktur. Angefangen bei Copy-Shops, die auch nachts noch ausdrucken und binden, wenn man es mal wieder im letzten Moment zu einem Abgabetermin schaffen muss, bis hin zum Berliner Krisendienst.

Die erste „Odyssey of Failure“ fand 2013 statt. Jetzt folgt am 1./2. November das zweite Barcamp.

 

Odyssey of Failure Trikot

Odyssey of Failure Trikot, Foto: Philipp Zimmerman

Wer soll zur „Odyssey of Failure“ kommen? Was erwartet uns dort?

Regine Heidorn: Hinkommen sollen alle, die sich für das Thema Scheitern interessieren. Es gibt Sessions mit Selbsthilfetouch, aber auch philosophische, künstlerische und psychologische Auseinandersetzungen mit dem Thema. Im letzten Jahr gab es beispielsweise Sessions zu den Themen „Depression & Scheitern“, „Sofia Coppola“, „Scheitern im Business“, „Sexuelles Scheitern“  oder das „Impostor Syndrom“. Auch dieses Jahr wird es wieder eine Scheitern-Edition des allseits beliebten Filmquiz Fang den Film geben. Was das Barcamp in diesem Jahr für konkrete Themen bringt, wissen wir noch nicht, das ist ja auch der Sinn eines Barcamps. Prinzipiell geht es aber darum, im Unverständnis gemeinsam zu sein. Der Lohn des Scheiterns ist Empathie. Und das merkte man im letzten Jahr auch am Zusammenhalt in der Gruppe und den Gesprächen, die oft sehr sensibel waren. Gemeinsam mit den anderen Organisatoren freue ich mich schon sehr auf die #fail14, auf spannende Themen und bekannte und neue Gesichter.

 

Alle Details zum Barcamp „Odyssey of Failure“

Datum: 1./2. November 2014

Zeit: Samstag ab 9 Uhr/Sonntag ab 9.30h Aufwachen bei Kaffee und Frühstück

Ort: Funkhaus Nalepastraße, Nalepastrasse 18-50, 12459 Berlin

Stand der Planungen: http://www.odyssey-of-failure.info/fail14

Die Teilnahme am Barcamp ist kostenlos und durch Sponsoren finanziert. Ihr könnt euch durch den Kauf eines T-Shirts beteiligen: http://de.dawanda.com/shop/OOF

3 Kommentare

  1. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

  2. Pingback: Stolz 2014 - Regine Heidorn

  3. Pingback: Regine Heidorn

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Go top