Rose KurzgeschichteBei Facebook gibt es den Button „Anstupsen“. Meine Schwester hatte mich damals „angestupst“ und ich empfand ein Gefühl der Freude und auch Wichtigkeit. Ich gebe zu: Damals, das war vor einigen Jahren und ich war noch Schüler. Und dennoch stupsten wir uns an, erinnerten uns gegenseitig, dass wir noch existent waren. Jeder stupste jeden. Mal war es der Beginn eines Flirts, mal war es einfach eine Erinnerung oder die Langeweile, die uns antrieben. Die Entwicklung von Emotionen war der Anschub für derlei Verhalten. Wir stupsten uns in ungeahnte Höhen, einfach weil alle es taten. Heute wird immer noch gestupst – auch bei Facebook. Aber heute wird weltpolitisch angestupst. Von oben nach unten. Vom Machtinhaber zum Volk. Nur mit dem Unterschied, dass wir nicht zurück stupsen.

 

Foto: CC BY 2.0 by jetheriot, Flickr https://flic.kr/p/8veMJd

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„Nudging“ ist das neue Stupsen. Das englische Wort lässt sich mit schubsen oder anstupsen ins Deutsche übersetzen. Es ist kein mächtiges Wort. Kein Wort, das mit Freiheit, Macht oder Liebe mithalten kann. Schubsen oder anstupsen sind schwache Verben. Schubsen ist ein Bagatelldelikt. Anstupsen eine nette Geste. Die beiden US-Ökonomen Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein geben mit „nudging“ der Macht ihre wahre Stärke. Nudging führt zur Macht und die Macht nährt sich aus nudging.

 

Die Regierungen fragen sich, wie mit einer solchen Gesellschaft umgegangen werden soll.

 

In ihrem 2008 veröffentlichten Buch „Nudge“ wird die Verhaltenstheorie auf 400 Seiten heruntergebrochen. Ihr Fazit: Der angebliche Homo oeconomicus ist lediglich ein Wesen von Gefühlen, Wünschen, gelernten Bedürfnissen und nur begrenzt von Rationalität geprägt. Entscheidungen gehen weniger nach reinen Kosten-Nutzen-Erwägungen, sondern werden vom automatischen und nicht steuerbaren Unterbewusstsein gesteuert.

Schon der berühmte Psychologe Daniel Kahneman fand heraus, dass die Menschen nicht besonders gut darin sind, vernünftige eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie geben sich spontanen Vergnügungen hin, statt für ihren Ruhestand zu sparen, verschwenden Strom und Wasser, essen Schokoriegel statt Obst oder nehmen Drogen, obwohl sie gar nicht wollen. Mündigkeit sucht man hier vergebens. Und die Regierungen fragen sich, wie mit einer solchen Gesellschaft umgegangen werden soll.

„Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ (dt. Übersetzung) fasst hier Fuß. Laut Amazon ist es das Konzept, was „bereits viele Entscheidungsträger überzeugt hat, darunter US-Präsidenten Barack Obama.“.

2014 hat auch die deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel die Thematik des Anstupsen für sich entdeckt. Die Bewerbungsfrist als Anstupser im Kanzleramt ist am 12. September ausgelaufen. Angela Merkel sucht Personal. Personal, das mit ein paar Psychotricks die Schnittstelle zwischen Regierung und dem Volk herstellen soll. Es sollen kluge Entscheidungen angestoßen werden. Wie man kluge Entscheidungen anstößt, dass will jeder wissen, auch Angela Merkel. Denn es ist der Schlüssel zur Macht sowie zur Machtumsetzung. So sollen die Bürger sanft und effektiv mit neuen Kommunikationsmitteln in die richtige Richtung geleitet werden. Die richtige Richtung liegt aber bekanntlich im Auge des Betrachters. Klug und richtig werden in diesem Falle vom Machtinhaber gesetzt. Man könnte es auch drastisch beschreiben: Manipulation.

Obama und Merkel sind nicht die ersten Regierungsinhaber, die nun auf ein solches Konzept setzen. In Großbritannien, Dänemark und Frankreich wird die Methode des Anstupsens seit einiger Zeit konsequent genutzt. Es ist ein neuer Typus von Sozialingenieuren, der hier sein Werk verrichtet.

Harald Welzer kommt in seinem Buch „Selbst Denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ zum Schluss, dass man noch so viel Bildung für eine nachhaltige Entwicklung machen kann, die Veränderungen aber auf sich warten lassen. Sein Fazit: Wir befinden uns in einer Geschichte aus Fortschritt, Wettbewerb und Wachstum. In einer Welt des „alles immer“. Bevor wir etwas gegen diese Geschichte einwenden können, sind wir immer schon Teil von ihr. Wir sind de facto nicht Herr unseres Handelns. Aufklärung kommt hier an ihre Grenzen. Denn Aufklärung erreicht lediglich den kognitiven Teil unseres Orientungsapparates.

 

Anstatt zu verbieten, wird umsortiert. Der Schokopudding wird hinter das Obst gelegt und die Cola ist nicht mehr auf Augenhöge gestellt.

 

Thaler und Sunstein setzen genau hier an. Anstatt zu verbieten, wird umsortiert. „Libertärer Paternalismus“ nennen sie das. Sie verändern zwar das Verhalten der Menschen in eine Richtung, erhalten aber grundsätzlich immer die individuelle Entscheidungsfreiheit. Zigaretten werden also nicht verboten, sondern so hingestellt, dass sie nur mit größerem Aufwand zu erreichen sind. Der Schokopudding wird hinter das Obst gelegt und die Cola ist nicht mehr auf Augenhöge im Regal zu finden, sondern weit unten. Die US-Ökonomen wollen nichts verbieten, sie wollen lediglich zum besseren Leben anleiten. Eine Politik des Anstupsens, statt des Schubsens.

Nudging hat es mit diesem Ansatz bis an die Spitzen der Politik geschafft. Es ist die Pflichtlektüre eines jeden Politikers geworden. Wirksame Anreize, also Stupser, sollen zur Organspende führen, zur Zahlung von Steuern, zum ökologischen Bewusstsein. Psychotricks nennen das die einen. „Wirksam und vorausschauend regieren“ nennt das mittlerweile die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag.

Doch wer denkt, dass hier das Wohl der Bürger im Vordergrund steht, der irrt. Nudging ist lediglich die Optimierung der Entscheidungen seiner schlecht informierten Bürger. Erkläre dem Bürger, wie er sich richtig zu ernähren hat, so sparst du dir ein teures Gesundheitssystem.

Um zu verstehen, wo genau die vermeintlichen Wissenslücken beim Bürger sind, nähren sich die Stupser- Ingenieure aus Big Data. Nichts ist einfacher zu bekommen, als die Daten seiner Bürger. Vermeintlich kostenlose soziale Netzwerke oder Suchmaschinen ermöglichen ein perfides und gleichzeitig perfektes Bild des gläsernen Bürgers. Die Angst davor ist längst verflogen. Alle nutzen es und in der politischen Welt spielt das Thema kaum eine größere Rolle – die Piratenpartei lässt grüßen. Gleichzeitig treibt die Utopie einer perfekt zu managenden Gesellschaft Big Data an, noch größer und umfassender zu werden.

Das vermeintlich schwache Verb des „Anstupsens“ wird hier als unsichtbare und leitende Hand genutzt – genährt durch den gläsernen Bürger. Niemand mag geschubst werden, doch einer helfenden Hand kann sich kaum jemand verschließen. Der Bürger wird innerhalb eines Systems nett und gleichzeitig diskret geleitet – ganz dem Gentlemen entsprechend. Die nette Geste entpuppt sich aber als Entmündigung des Bürgers und endet nicht in der Aufklärung des Menschen, sondern erwirkt das komplette Gegenteil. Denn sie setzt auf eine Wissenschaft, die auf Algorithmen, Instinkten, inneren Werten und vielen weiteren Faktoren setzt. Sie setzt auf den gläsernen Bürger, der unfähig ist rational zu handeln. Oder wie Welzer sagt: „Wissen ist generell keine hinreichende Voraussetzung, um Verhältnisse zu verändern.“. Die Obamas und Merkels dieser Welt haben das verstanden.

Titelfoto:  ©J E Theriot, finger mobile 6. CC BY 2.0. Via: https://flic.kr/p/8veMJd.

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