Rose_Hipster
Seit vergangenen Freitag gibt es einen weiteren guten Grund sein eigenes Magazin zu machen: Die erste Ausgabe des neuen Frankfurter Allgemeine Magazins erschien. Und es ist… eher schwierig.

 

Das Beste an der Erstausgabe des neuen Frankfurter Allgemeine Magazins ist die Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Und da muss ich schon zweimal zucken beim Schreiben. Denn erstens sind Anzeigen (wenn auch notwendig) in der Regel nicht schön und die INSM auch nicht gerade mein Freund. Aber das Anzeigenmotiv mit Merkel und Obama im Stil der alten Obama Kampagnenmotive zusammen mit der forschen Headline „TTIP is Hope“ ist wenigstens mal mutig, auf den Punkt, visuell irgendwie spannend und ne klare Ansage.

obamerkel

Obamerkel: Inhaltlich wohl quatsch aber dennoch das Highlight der Erstausgabe des Frankfurter Allgemeine Magazins.

Und all das ist das Magazin leider nicht. Was schade ist, denn ich hatte mich gefreut. Ein neues Wochenmagazin aus der Redaktion einer Tageszeitung, die ich sehr schätze. Es hätte so schön sein können, den SZ Magazin Freitags-Kaffee einfach um einen weiteren Kaffee zu verlängern, um noch ein Magazin zu lesen. Aber nein, so wird das leider nichts.

Beim Blättern denke ich ans Zahnarztwartezimmer

Schon das haptische Erlebnis löst bei mir die Assoziation aus, wie ich mich im Wartezimmer meines Zahnarztes an etwas zum Blättern festhalte, in das mich nichts hineinzieht außer der Angst vor der Wurzelbehandlung. Außen bisschen glänzend speckig, innen einfach nur dünn.

Und dann der erste visuelle Eindruck: Ich stolpere über einen Audi in ein Magazin-Intro, das von den üblich verdächtigen Anzeigen zerhackt ist und auch auf Seite 13 hab ich noch nicht verstanden, was mir die Art Direktion sagen will. Es wirkt als hätte jemand Texte, Fotos und Anzeigen in einen Karton gelegt, alles ordentlich durchgerüttelt und dann einfach ausgeschüttet und sinnlos aneinander gereiht.

Auf Seite 14 dann schöpfe ich Hoffnung: Ein Beitrag über 500 Jahre Reinheitsgebot und Craft-Bier. Doch auch hier wirft sich meinem Interesse sofort ein über die Doppelseite geheftete Werbekarte für ein Abo eben jenes Magazins in den Weg. Was übrig bleibt ist ein guter Text, dessen Inhalt man allerdings in den vergangenen sechs Monaten schon zehn Mal gelesen hat, zusammen mit Fotos auf dem Niveau regionaler Tageszeitungen.

Schmalspur-Hybrid aus Stern, Spiegel & Focus

Damit wären wir beim Inhalt. Der wirkt so, als ob die Redaktion tagesaktuelle Themen noch einmal nacherzählt, bloß irgendwie anders. Dieses „irgendwie anders“ könnte der Knaller sein, wenn es zu meinungsstarken langen Essays führt, Ich-Perspektive, beeindruckenden Bildern, oder guten Interviews, die den Leser mal aus der klickgetriebenen Fakten und Standard-Meinungen nacherzählenden Berichterstattung unserer Tage entführt. Wenn ich freitags noch mal alle Themen serviert bekomme, die ich montags bis donnerstags schon gelesen, erforscht und durchdacht habe, dann will ich doch etwas neues erwarten, Einblicke und Sichtweisen gewinnen.

Erwartungen, ja. Ich hatte etwas wie das SZ Magazin oder das Zeit Magazin erwartet. Magazine, die vom Tagesgeschehen einigermaßen losgelöste Themen behandeln. Zeitlos gute Stories, Interviews und Bilder. Das Frankfurter Allgemeine Magazin wirkt eher wie ein Schmalspur-Hybrid aus Stern, Spiegel und Focus. Und warum soll ich sowas lesen? Was ist der Mehrwert davon?

FAZ Verlagschef Thomas Lindner sagte in einem Interview mit Meedia er denke, dass es eine von „Wochenmagazinen vernachlässigte Leserschaft mit einer bürgerlichen, eher liberal-konservativen Grundeinstellung gibt.“ Aha. Das mag ja sein. Aber auch die wird man nicht mit einem Magazin abholen können, das total 1999 ist. Konservativ meint hier ja wohl eher eine Geisteshaltung und weniger die Seh- und Lesegewohnheiten vielfliegender Unternehmensberater und Juristen oder saturierter schwarz-grüner badischer Wohlfühl-Bürger.

Es gibt in diesen Tagen so viele wundervolle neue Magazine, die nicht selten so wie ROSEGARDEN, irgendetwas zwischen Hobby und Mini-Business sind. Kater Demons zum Beispiel, die gerade in diesen Tagen eine wundervolle Ausgabe zum Thema „Arbeit“ auf den Markt gebracht haben. Oder Die Epilog, mit ihrer grandiosen aktuellen Ausgabe zum Thema „Leben im Konjunktiv“. Magazine, denen man ansieht, dass über jeden Beitrag, jedes Foto und jede Illustration nachgedacht und gestritten wird, bis am Ende etwas steht, das Lust auf Magazine macht. Etwas das mit Leidenschaft Leidenschaft wecken will.

Ein Magazin als Endprodukt von Fokusgruppen-Irrsinn?

Das Frankfurter Allgemeine Magazin wirkt wie das Ergebnis ewiger Arbeit mit Fokusgruppen. Es tut niemanden weh und interessiert deshalb auch vermutlich keinen mehr so wirklich, weil es vieles will und nur wenig davon schafft. Doppelt traurig, wenn ich bedenke wie viel Sachverstand und finanzielle Ressourcen den Machern vermutlich zur Verfügung stehen.

Aber es ist wie eingangs geschrieben auch Ansporn: Ansporn ein eigenes Magazin zu machen, das anders ist. Schöner, intensiver, interessanter. Zumindest ist das unser Anspruch und wir geben unser Bestes ihn einzulösen.

In meiner Enttäuschung lege ich das Heft mit dem Cover nach unten auf den Schreibtisch. Was bleibt, ist mein Blick auf eine Anzeige von Rolex: „Hinter jedem großen Künstler steht ein großes Vorbild.“ Hm, liebe Magazinmacher: Hinter jedem großen Magazin stehen große Magazinvorbilder. Schaut euch doch noch mal um, ihr könnt das ganz bestimmt besser.

1 Kommentar

  1. Pingback: Carta — Neues FAZ Magazin: Warum tun die das?! - Carta

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top