Rose the WyeROSEGARDEN startet eine Serie über THE WYE – einem 2.000 Quadratmeter großen Ort für Kunst und Technologie in Berlin-Kreuzberg. Zum Auftakt ein paar Hintergründe über einen Ort, an dem zwei Frauen daran arbeiten, dass eine neue Industrie entsteht – mitten in einer Kunst- und Kreativenszene, die langsam erwachsen wird.

Es wird ja viel gesprochen und geschrieben über den besondern Spirit des Berlins dieser Tage. Einer der Orte, an denen vieles von dem zusammenkommt, ist THE WYE. Auf 2.000 Quadratmetern sitzen in der Skalitzer Straße in Berlin Kreuzberg Kreative aus den Bereichen Kunst und Technologie und arbeiten an Ideen und Innovationen. Die Vielfalt der Mitglieder ist begeisternd: Mode-Designer, Medien, Manufakturen, Technik. THE WYE ist dabei vieles auf einmal: Partnervermittlung, Ideenlabor, Wegbereiter.

thewyetitwl1

Dass THE WYE einen anderen Anspruch hat als viele ähnliche Orte, merkt man spätestens nach den ersten drei Minuten eines Gesprächs mit den beiden Gründerinnen Leah Stuhltrager und Inken Bornholdt. THE WYE hat eine klare Mission:

1. Kunst und Technologie als neue Kunstform zu verschmelzen.

2. Am Ort THE WYE die Berliner Kunst- und Kreativszene zu einem professionellen Business machen, ohne das besondere dieser Szene zu untergraben. Sie wollen der Zeit immer ein Stück voraus sein. Entwicklungen aufspüren und beeinflussen. Wege aufzeigen.

thewye2

Wen man so in der Lobby von THE WYE trifft… Foto: Mario Münster

Besonders spannend ist natürlich Punkt 2. Wie kann es gelingen, eine Industrie aufzubauen, die auf eigenen Beinen überlebensfähig ist, ohne das in Berlin gleich alles so werden muss wie in New York, wo Geld alles entscheidet? Für Leah und Inken ist das Thema ein zweischneidiges Schwert. Eine Gradwanderung auf Berlins Hassliebe mit dem Kapital . Weil es in Berlin Bewahrer und Veränderer gibt. Inken Bornholdt fasst es so zusammen: „Wir wollen mit THE WYE etwas machen, dass der Realität des Berlins 2014 in die Augen sieht.“ Heißt konkret: Klares Bekenntnis zum Community Gedanken. Ohne unnötige Folklore, sondern mit dem Ziel, eine Industrie zu etablieren.

#MatchmakerBringMeAMatch

Ein wichtiger Begriff für die Lösung dieser Aufgabe ist für Leah Stuhltrager der Begriff „Matchmaker“. Die richtigen Leute müssen mit den richtigen Ideen zusammengebracht werden. Damit Ideen immer besser werden und damit Menschen von ihren Ideen leben können. Damit Ideen Märkte finden und damit Unternehmen, die Ideen suchen, Menschen finden, die heute wissen, was morgen state of the Art ist. Dieser Ansatz ist so dermaßen unberlinerisch, dass man ihn gar nicht hoch genug einschätzen kann in seiner Wichtigkeit für die Zukunft des Standortes.

Leah Stuhltrager und Inken Bornholdt verkörpern in gewisser Weise das beschriebene Spannungsfeld durch ihre jeweils eigene Geschichte. Deshalb sind sie ein perfektes „Match“ für THE WYE.

leah

Leah Stuhltrager. Foto: Grant Kessler

Leah Stuhltrager kommt aus den USA. Sie erkämpfte sich aus einfachsten Verhältnissen heraus ein Kunst-Studium an der New School in New York. 1998 gründete sie in Williamsburg, Brooklyn die Galerie DAM STUHLTRAGER. 1998! Lange bevor Williamsburg der Hipster-Zoo wurde, der er heute ist. Seit diesen Tagen kuratiert sie Kunstprojekte für einige der international relevantesten Orte und Events – vom Lincoln Center in New York bis zum Coachella Festival in der kalifornischen Wüste, vom Oriental Pearl Tower in Shanghai bis zum Hermitage Museum in St. Petersburg. Für so jemanden ist Kunst kein Lebensgefühl, sondern ein Business. Entsprechend kritisch sieht sie jede Form von lifestyliger Artsy-Folklore.

inken_800

Inken Bornholdt. Foto: Oliver Basch

Inken Bornholdt sieht die Dinge in der Konsequenz gar nicht so sehr anders. Bloß hat die Berlinerin ihre eigene Geschichte. Ihre Sozialisation in der Kunst- und Kreativenszene ist in hohem Maße geprägt von ihren Tagen in Berlin. Der Stadt, deren Szene sich jeden Tag ändert und mit einem nicht enden wollenden Zustrom von Kreativen aus aller Welt gesegnet ist. Die Stadt in der jahrelang genügend bezahlbare Räume für Kunst vorhanden wahren. In der es – trotz aller Knappheit öffentlicher Kassen – Förderung für Kunst gibt. In der die Szene eher ein Kollektiv ohne Hierarchien ist. Und natürlich weiß sie, das in Berlin Geld eine untergeordnete Rolle spielt. Einfach auch, weil wenig da ist. Als sie dann lange vor der Gründung von THE WYE als Praktikantin in die Galerie von Leah Stuhltrager kam, merkten beide, dass ihre Ideen und Wünsche so unterschiedlich nicht sind – trotz ihrer verschiedenen Geschichten.

Das kreative Berlin wird jetzt erwachsen

Es wurde die Idee für THE WYE geboren. Und zwei Frauen wurden zu den Mieterinnen eines riesigen Gebäudes, in dem sie ihre Vision verwirklichen können. Mit eigenen Händen und minimalem Budget haben sie das Gebäude nutzbar gemacht. Und nun erleben beide, wie die Kunst- und Kreativenstadt Berlin langsam erwachsen wird. Sie werden mit THE WYE dieses Erwachsenwerden beeinflussen, die Geschichte des kreativen Berlin ein wenig mitschreiben.

Die Haltung, die Leah Stuhltrager und Inken Bornholdt vorleben, hat sich durch alle Gespräche und Interviews gezogen, die wir mit Menschen für diese Serie geführt haben. Alle lieben das befruchtende Miteinander, alle sind überwältigt von der Energie, mit der die Gründerinnen von THE WYE die Sache immer weiter voranbringen und allesamt sind sie Profis. Weniger Party, mehr Business.

Wir sind nach unseren Einblicken und Begegnungen mit THE WYE und seinen Mitgliedern sehr angetan. Und mehr noch als vorher bestärkt in unserer Sicht, das sich etwas ändern muss, damit Kunst und Kreativität wieder einen Wert erhalten.

Inside THE WYE Folge 1
Wir trafen Hannah Nelson-Teutsch,
Program Director bei THE WYE

Titelfoto: privat.

Go top