Rose IdeeWer macht heute etwas anders als vor Snowden? Und wer würde für seine digitalen Bürgerrechte demonstrieren? Unsere Autorin Wiebke Elbe geht mit sich und ihrem Online-Verhalten ins Gericht.

Ich halte mich für eine durchaus interessierte Bürgerin, wenn es um Snowdens Enthüllungen rund um die NSA geht. Ich habe den Begriff „Prism“ gehört. Ich kann mir unter „xKeyscore“ etwas vorstellen. Ich weiß, dass unter anderem Geheimdienste unglaubliche Massen von digitalen Daten durchsuchen, anhäufen, neu verknüpfen und munter untereinander tauschen. Es ist möglich, dass darunter Informationen über mich sind – auf diversen Wegen gesaugt, geschnorchelt, getrackt. Es ist wahrscheinlich, dass es dabei zu Verletzungen meines Rechts auf informationelle Selbstbestimmung kommt sowie des Grundrechts auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme.

Das alles ist mir bekannt. Das alles hat mich seit den ersten Enthüllungen im letzten Sommer in der ersten Zeit aufgebracht. Aber als ich neulich in „Citizen Four“ saß, wusste ich nicht, worüber ich mehr staunen soll: Über die Unglaublichkeiten, die dank Snowden ans Licht der Öffentlichkeit geraten sind, oder über meine Fähigkeit, aufrichtig empört mit den Achseln zu zucken.

Digitaler Fatalismus vs. digitale Fieberschübe

Ich reihe mich ein in den gesellig-großen Kreis jener, die auf den NSA-BND-GCHQ-Komplex mit wachsender Abgestumpftheit reagieren. Eine gehörige Prise Fatalismus ist auch dabei. „Ooch, jetzt isses ja eh zu spät. Meine Güte, die vielen Millionen Daten, die jetzt schon von mir kursieren. Was solls.“ Snowden wirkt auf mich wie eine Grippeschutzimpfung: Nach nur einer kleinen Dosis der Wahrheit halte ich jede weitere Enthüllung locker aus. Sie bringen mich nachts weder um den Schlaf noch des Tages wütend auf die Straße. Wie gesagt, das Kind ist ja ohnehin schon in den Brunnen gefallen. Nicht wahr?

Snowden kann nichts dafür. Es liegt an mir. Eigentlich fordern mir die vielen Erkenntnisse seit Greenwalds erstem Artikel ab, dass ich mein Verhalten ändere oder zumindest überdenke. Sie sammeln und filtern. Doch ich mache weiter mit dem kommunikativen Business as usual, ohne es ihnen dabei wenigstens ein µ schwerer zu machen. Weil es unbequem ist. Weil es bedeutet, dass ich mich mit einem Thema länger auseinandersetzen muss als mit der „5-Minuten-Info“ von Campact. NSA, BND, GCHQ sowie Apple, Google, Facebook und Co. freut das.

Um mir den täglichen Blick in den Spiegel etwas erträglicher zu machen, ergänze ich meinen faulen Fatalismus um das Narrativ des Desinteresses der Geheimdienste an meiner insignifikanten Existenz. Ich bin schließlich keine Enthüllungsjournalistin oder Programmiererin beim Chaos Computer Club. Mein Leben ist langweilig, meine Interessen sind profan.

Ab und an bekomme ich digitale Fieberschübe. Dann wird mir heiß und kalt angesichts meiner Ignoranz. Ich folge beschämt „The Intercept“ auf Twitter, lese doch mal wieder einen Artikel zum NSA-Untersuchungsausschuss bis zum Ende durch oder suche nach sicheren Alternativen zu Skype. Mit mir und dem Spiegel morgens wird es dennoch zunehmend schwer. Also ran an den Überwachungsspeck. Doch wo anfangen? Und wo wird das enden? Beim Rückzug ins Analoge?

Twitter und Tor-Browser gleichzeitig – geht das?

Ich bin nicht bereit, mich von Facebook oder Twitter zu verabschieden. Vielleicht kommt das noch. Sicher muss ich mich künftig kritisch fragen, ob und warum es mir die Nutzung eines bestimmten Angebots der modernen Telekommunikation und der sozialen Medien wert ist, dass ich bewusst die Aushöhlung meines Rechts auf informationelle Selbstbestimmung in Kauf nehme. Status heute komme ich zum Schluss, dass ich Facebook und Twitter dafür einsetzen möchte, Inhalte zu gesellschaftspolitischen Themen zu teilen und diese zu diskutieren. Und ich werde das so tun, wie ich es auch im persönlichen Gespräch mit einem Mitmenschen tun würde: ohne Selbstzensur, weil ich im Hinterkopf durchgehe, was diese oder jene Äußerung über mich verrät oder wie sie gegen mich verwertet werden könnte. Ich lasse mir nicht die Schere in den Kopf pflanzen. So weit kommt es noch. Was ich allerdings stärker bedenken möchte, ist, wie mein Umgang mit Inhalten in derartigen sozialen Netzwerken möglicherweise andere Mitmenschen und deren Privatsphäre tangiert. Und ich bin dankbar für jeden freundlichen Hinweis, wenn sich Mitmenschen durch mein Handeln in sozialen Netzwerken auf den digitalen Zeh getreten fühlen.

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Ich möchte es wem auch immer künftig schwerer machen, an Daten von mir zu kommen, die zusammen gesetzt mehr über mich verraten, als das einzelne Puzzlestück mich glauben lässt. Plattformen wie myshadow.org und securityinabox.org bieten einen leichten Einstieg in die Materie Datensicherheit im Zeitalter moderner Telekommunikation und geben auch für Nichtnerds gute Tipps. Schon mit der Nutzung von Firefox plus einiger Zusatzapplikationen ist für etwas mehr Privatheit beim Alltagssurfen gesorgt.

Auch der Tor-Browser ist nur einen Download weit entfernt. Sowohl die Internetsuche nach Infos über Tor als auch dessen Installation findet die NSA übrigens auffällig genug, um Personen zu markieren und in eine extra Datenbank zu verfrachten. Das wollen Recherchen des WDR ergeben haben, an denen unter anderem auch Jacob Appelbaum beteiligt war. Die simple Suche nach einer Technologie, die ein Stück Privatsphäre zurück gibt, macht suspekt. So schnell geht das. So schnell können wir aber auch ein Zeichen setzen. Jedes mal, wenn ich jetzt Tor anschalte, halte ich ein Schild hoch: „Off limits! Runter von meinem Rasen!“. Wäre es nicht schön, wenn das irgendwann Millionen Nutzerinnen und Nutzer machten?

Auf Du und Du mit den Windmühlen

Ich bewundere den langen Atem, den andere Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, dass die Enthüllungen von Snowden nicht ohne Folgen bleiben. Ich mag das als Kampf gegen Windmühlen empfinden. Andererseits: Hier kämpfen Andere auch für meine verfassungsgemäßen Rechte. Der Chaos Computer Club (CCC), die Internationale Liga für Menschenrechte sowie Digitalcourage haben zum Beispiel im Februar 2014 eine Strafanzeige beim Generalbundesanwalt gestellt. US-amerikanischen, britischen und deutschen Geheimdienstagenten samt Vorgesetzten, dem Bundesminister des Inneren und der Bundeskanzlerin werden „verbotene geheimdienstliche Agententätigkeiten sowie Beihilfe dazu, Verletzungen des persönlichen Lebens- und Geheimbereichs und Strafvereitelung im Amt durch Duldung und Kooperation mit der NSA und dem GCHQ“ vorgeworfen. Nach den Recherchen des WDR wurde die Anzeige im Juli um die konkrete, verbotene geheimdienstliche Agententätigkeit gegen den CCC und gegen alle betroffenen Nutzer des Tor-Browsers ergänzt.

Der Generalbundesanwalt Range hat im Juni 2014 per Pressemitteilung wissen lassen, dass er keine Grundlage sieht für die Einleitung strafrechtlicher Ermittlungen. Auch nach der Erweiterung der Anzeige um den Tor-Komplex hat sich daran nichts geändert. Ziemlich sicher wird dies nicht das letzte Wort in der Sache bleiben. Wer sich, zum Beispiel als möglicherweise betroffene Nutzerin oder betroffener Nutzer von Tor, der Anzeige anschließen möchte, kann dies immer noch tun. Wie bereits rund 2000 weitere Privatpersonen. Es besteht auch die Möglichkeit, den juristischen langen Atem durch eine Spende zu unterstützen.

Mich würde sehr interessieren, welche Möglichkeiten Ihr seht, den Windmühlen hier und da doch einen Flügel abzuschlagen. Macht Ihr heute etwas anders als vor Snowden? Habt Ihr Ideen, die Ihr teilen wollt? Unterstützt Ihr Open Source-Projekte? Würdet Ihr für Eure digitalen Bürgerrechte demonstrieren?

Hier noch ein spannender Beitrag aus dem Deutschlandfunk zu dem Thema.

Titelbild:Bild: © r2hox, data.path Ryoji.Ikeda – 3. Via: https://flic.kr/p/gdMrKi is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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