Rose Glück

Leidenschaft zu Geld machen? Oder doch eher nicht? Maren Heltsche und Mario Münster über das Titelthema der vierten Ausgabe von ROSEGARDEN.

Vor kurzem trafen wir auf einer Party einen Menschen, der so begeistert von seiner Arbeit war, dass er sogar dafür bezahlen würde, sie zu machen. Er arbeitet als Architekt bei einer Hilfsorganisation und ist am Wiederaufbau in Katastrophengebieten beteiligt.

Beneidenswert! Noch nie haben wir jemanden getroffen, der das so klar von sich behauptet. Wir kennen viele Menschen, denen ihre Arbeit Spaß macht, aber auch viele, die sofort einen Plan B aus der Tasche zaubern würden, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Geld mal keine Rolle spielt.

Zur Übergabe der 126.000 Unterschriften für die Volksinitiative in der Schweiz schütten die Initiatoren der Grundeinkommensinitiative 8 Millionen Fünf-Rappen-Stücke auf den Bundesplatz in Bern. Foto: Hansjörg Walter

Zur Übergabe der 126.000 Unterschriften für die Volksinitiative in der Schweiz schütten die Initiatoren der Grundeinkommensinitiative 8 Millionen Fünf-Rappen-Stücke auf den Bundesplatz in Bern. Foto: © Hansjörg Walter

Aber ist das nicht eigentlich ein erstrebenswerter Zustand für alle? Den Großteil unserer Zeit verbringen wir mit Arbeiten. Soll dann die Arbeit nicht auch unsere Leidenschaft sein? Oder können wir unsere Leidenschaft irgendwie zu Geld machen?

Die Idee eine Ausgabe zum Thema „Monetizing passion“ zu machen ist aus den Begegnungen in unserem persönlichen Umfeld und durch die Geschichten und Menschen, um die es in ROSEGARDEN geht, entstanden. Unser Eindruck ist: Viele Menschen, machen sich auf den Weg, um mit den Dingen, die sie lieben, Geld zu verdienen. Es ist vielleicht noch kein Trend aber aus unserer Sicht eine relevante Entwicklung.

Betrachtet man die Gesamtheit all dieser sehr individuellen Geschichten und Wege, so sind im wesentlichen drei verschiedene Muster erkennbar.

Masterplan, harter Einschnitt oder Zweigleisigkeit?

Der Masterplan: Der zielstrebige, geplante Weg ohne Umwege zu einem Geschäftsmodell.

Der harte Einschnitt: Also Menschen, die im Berufsleben stehen und sich plötzlich entscheiden, alles aufzugeben und ihrer Leidenschaft folgen.

Das Modell Zweigleisigkeit: Der Versuch, ausgehend von einem sicheren beruflichen Standbein, eine Sache, die man leidenschaftlich gerne macht, zu einem Geschäftsmodell zu entwickeln.

Wir haben für diese Ausgabe eine Reihe von Menschen interviewt, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben oder gerade versuchen, genau das zu erreichen. So unterschiedlich ihre Wege und so verschieden ihre Leidenschaften sind – in jedem Interview werdet ihr den einen Satz finden, der deutlich macht, dass sie es alle lieben, dass es niemand bereut, dass die Entscheidung, der Leidenschaft zu folgen, ein persönlicher Gewinn ist, eine Erfahrung von Freiheit und Zufriedenheit.

Und dennoch sei die Frage erlaubt: Muss das denn sein? Muss man die Arbeit gleich lieben, und: muss aus Leidenschaft Geld gemacht werden? Ist Leidenschaft nicht eigentlich eine Sache, die für sich stehen muss? Ohne monetären Mehrwert oder Mehrwert überhaupt. Christian Neuner- Duttenhofer geht in seinem Artikel „Follow that what turns you on“ genau dieser Frage nach und formuliert ein „dringendes Plädoyer dafür, den Passionen und Leidenschaften zu folgen. Ohne Berechnung“.

Da ist doch was kaputt!

Individuelle Leidenschaft und der Versuch sie auszuleben und in Geschäftsmodelle zu verwandeln, geht oft einher mit der Verschönerung des Alltags der anderen. Um es weniger abstrakt zu machen:  Wir genießen es, in Ausstellungen, auf Konzerte oder in neue Läden zu gehen. Wir freuen uns über neue Songs und neue Bilder und fiebern Dinner-Events entgegen. Die Leidenschaft einzelner hat einen Mehrwert für viele. Finanziell gesehen bringt es aber oft keinen großen Mehrwert für die Menschen hinter diesen Ideen. Oder eben nur einen sehr geringen.

Es ist kompliziert! Die meisten Leidenschaftsprojekte finden keinen Markt im wirtschaftlichen Sinne. Und: viele Dinge, die sich wirtschaftlich lohnen sind ohne Leidenschaft. Da ist doch was kaputt!

Vor allem in Berlin ist dabei auffällig: Es gibt eine viel zu große Zahl an Menschen, die ihre Leidenschaft für gar kein oder für viel zu wenig Geld verfügbar, konsumierbar und genießbar machen. Die Anziehungskraft Berlins und anderer Metropolen ist in hohem Maße geprägt von Subkultur, Hinterhof-Kreativen und Künstlern auf dem Weg in die Etabliertheit. Aus dieser Anziehungskraft schöpfen viele eine Dividende: Hotels, Gastronomen, Einzelhändler, Fluglinien und die Städte, die sich mit dem Sexappeal der jungen Leidenschaftler schmücken.

Die einzigen, die oft keinen oder nur einen sehr geringen Anteil von dieser Dividende erhalten, sind die Macher, Künstler und Kreativen. Im Gegenteil: Die zunehmende Attraktivität der Orte, an denen sie tätig sind, macht diese zu teureren Lebensräumen, was das Überleben für sie genau dort wieder schwierig macht. Pervers.

Unser Vorschlag: Kreativ-Abgabe für Touristen

Darüber wird zu wenig gesprochen. Die zur absoluten Unkultur verkommene Sitte, dass man viele Dinge für symbolische Honorare oder für Umsonst macht, weil man sich ja mit einem einfachen Lebensstil begnügt und ja auch irgendwie vorankommen will, ist ein Thema, das uns in Gesprächen immer wieder begegnet und um es klar zu sagen auch ärgert. Auch ROSEGARDEN ist Teil dieses Systems, auch wir verdienen kein Geld mit dem Magazin und auch unsere Redakteure und Fotografen erhalten keine Honorare.

Vielleicht brauchen wir auch einfach andere Finanzierungskonzepte für kreative Leidenschaften. Warum nicht eine obligatorische Kreativ-Abgabe für Berlin-Touristen? Die antiquierte Kurtaxe in der Pampa stört niemanden. Zwei Euro von jeder Hotelübernachtung in einen Fonds für Kreative in allen Städten, deren kreative Szenen das Image der Stadt prägen! Das ist vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber in diese Richtung müsste man denken.

Ein anderes Konzept ist das „Bedingungsloses Grundeinkommen“. Niemand in der Redaktion von ROSEGARDEN hat einen einfachen Zugang zu dieser Idee. Wir hielten sie mehrheitlich für absurd. Im Hinblick auf die beschriebene Situation gewinnt die Idee jedoch eine neue Bedeutung. Deshalb haben wir uns diesem Thema auch in einem Beitrag für diese Ausgabe gewidmet.

Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen erfordert Freiheit, Sicherheit und Mut. Es ist sicherlich auch ein Luxusmodell in einer Zeit, in der wir es uns leisten können, Versuche zu starten. Wir wollen mit dieser Ausgabe zeigen, dass es einen Versuch wert ist. Mehr noch: Wir wollen Leidenschaft. Egal ob für Geld oder um ihrer selbst Willen. Und wir wollen Bedingungen, die es Menschen ermöglicht, ihre Leidenschaft in den Dienst einer lebenswerteren Welt zu stellen.

Titelfoto: © Hansjörg Walter

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