Rose Kranich Reise

Das erste Erlebnis in der Rente: eine Reise nach Jerusalem. Zur Arbeit im Kloster. Bericht von einer Reise, die anders verlief als geplant und dennoch bewegend war.

Was macht man, wenn man in Rente geht? Was nimmt man sich vor, wenn man endlich in die wohlverdiente Pension gehen darf? Vielleicht eine Weltreise? Den Garten mal so richtig auf Vordermann bringen? Oder sich einmal quer durch die hauseigene Bibliothek lesen, die mit Büchern versehen ist, die man sich zeit seines Lebens angeschafft hat mit dem Gedanken „Das les´ ich mal, wenn ich richtig viel Zeit habe!“? Könnte sein. Könnte man machen. 

Die Eltern meines Freundes Bertram haben sich da etwas anderes überlegt. Kaum waren sie mit Arbeiten fertig, wartete ein anderes Projekt auf sie: arbeiten. Klingt komisch, war es auch manchmal. Genauso wie erfüllend, lehrreich und ehrbar. Manchmal war es aber auch superanstrengend, nervenaufreibend, schlauchend. Wie Arbeit eben sein kann. Aber der Reihe nach …

Petra und Achim streckten schon während ihrer beruflichen Tätigkeit ihre Fühler nach Israel aus. Leider bietet ja das Arbeitsleben im Otto-Normal-Fall pro Jahr nur sechs Urlaubswochen. Für die beiden definitiv zu wenig, um dieses verwirrende, überschäumende Land in all seinen Facetten wirklich kennenzulernen. 

Aus diesem Grund entschlossen sie sich, in einem katholischen Kloster in Jerusalem ein Volontariat zu absolvieren und für drei Monate dem St. Charles Hospice ihre Arbeitskraft zu Verfügung stellen. Für dieses Volo musste man sich bewerben, Zeugnisse vorweisen und sich vorstellen. Wie ich bereits sagte: wie Arbeit eben sein kann.

St. Charles Hospice

St. Charles Hospice

 

„Tschüss“ Fränkische Schweiz! „Hallo“ Stadt der drei Weltreligionen!

 

Tatsächlich wurden sie auch angenommen und konnten so im September 2013 in die Stadt der drei Weltreligionen fliegen. Erstaunlich, was alles bedacht werden muss, wenn man für drei Monate sein Alltagsleben in der Fränkischen Schweiz zurücklässt. Das geht von „Wer gießt die Blumen?“ über „Wurde die Zeitung schon abbestellt?“ bis hin zu „Wie muss die Zeitschaltuhr für das Licht eingestellt sein, damit das Haus bewohnt wirkt?“.

Ehrlich gestanden waren wir alle von dem Vorhaben der beiden schwer beeindruckt, aber ebenso ehrlich gestanden dachten wir auch alle, dass das vor Ort eine relativ lockere Geschichte werden würde. Ein wenig Geschirr spülen, eventuell ein wenig die Gäste betüddeln, ein bisschen beten und ansonsten Freizeit, in der man auf große Entdeckertour gehen kann. 

Auch Petra und Achim hatten sich das so vorgestellt und ganz ihrem Gusto nach jede Menge Bücher eingepackt, von denen sie – soviel sei an dieser Stelle schon mal verraten – sogar nach zwei Monaten nochnicht mal eine Seite gelesen hatten. 

Man kann nicht sagen, dass sie nicht wussten, worauf sie sich einließen. Noch in Deutschland waren die Arbeitszeitregelungen eigentlich relativ klar: acht Stunden pro Tag arbeiten, pro Woche zwei Tage frei, diese durften auch angesammelt werden, damit man mal sechs Tage am Stück frei hatte.

So weit, so gut. 

Dennoch kann man sagen: Sie wussten nicht, worauf sie sich einließen. Wer hat gesagt, dass die acht Stunden am Stück gearbeitet werden können? Wer hat gesagt, dass die freien Tage genommen werden dürfen, wenn man sich das wünscht?

 

Anpacken für die Pilger

 

Bereits an ihrem Ankunftsabend packten die zwei tüchtig mit an. Die Ordensschwestern vor Ort (die „barmherzigen Schwestern des hl. Karl Borromäus“ oder einfach Borromäerinnen) waren überglücklich, dass sie endlich mal wieder zwei tatkräftige Helfer an ihrer Seite hatten, um die Massen an Pilgergruppen zu versorgen – und eventuell selbst mal wieder an einem Gottesdienst teilzunehmen, was ja eigentlich zu ihren Hauptaufgaben gehören sollte. Vor Petras und Achims Ankunft war die Hand voll Schwestern den ganzen Tag damit beschäftigt, die Mahlzeiten für mitunter über 100 Personen vorzubereiten, dementsprechend das Geschirr zu spülen, die Rezeption zu verwalten und die Zimmer zu reinigen.

Teller

Auch rückblickend können sich Bertrams Eltern noch nicht erklären, wie die Schwestern das ohne sie wohl bewältigt haben. Der Glaube daran, dass alles schon irgendwie gut wird, muss bei ihnen tief verankert sein, was ja für Außenstehende wie mich irgendwie tröstlich ist.

Die ersten Tagen waren Petra und Achim auch noch sehr euphorisch. Sie sind zwar keine Frühaufsteher und mussten sich demnach an Arbeitszeiten ab 7.00 Uhr erst langsam gewöhnen. Auch sind sie während ihrer beruflichen Laufbahn immer sitzenden Tätigkeiten nachgegangen (Informatiker, Buchhalterin) und waren demzufolge an jedem Abend nach so viel körperlicher Arbeit ordentlich geschafft. Aber sie empfanden es als erfüllend, reinigend, kathartisch möchte man schon fast sagen. Viel arbeiten, ohne großnachdenken zu müssen. Einfach die Gedanken schweifen lassen oder mal ein anregendes Pläuschchen mit der Mutter Alt-Oberin halten.

 

Die Schwestern nerven,
das Internet gibt den Geist auf

 

Dem Wortlaut ihres Blogs, den sie für die Daheimgebliebenen eingerichtet hatten, war aber nach einiger Zeit anzumerken, dass die Euphorie allmählich einer eindeutigen Ernüchterung wich. Von den körperlichen Beschwerden mal abgesehen, war es den beiden, die Mathematik studiert hatten, mitunter ein Greul, die vermeintliche Ineffizienz der Schwestern einfach hinzunehmen. Diverse Verbesserungsvorschläge, wie ein Arbeitsablauf schneller und einfacher zu bewerkstelligen wäre, wurden mit dem Verweis auf die jahrhundertelange Tradition abgeschmettert. Die Borromäerinnen wirkten doch nicht mehr so barmherzig wie in den ersten Tagen und führten teilweise eine hartes Regiment. Die freien Tage ließen auf sich warten und die dicken Klostermauern schlugen langsam aufs Gemüt.

Klostermauern

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