Rose IdeeStart-Ups wie Uber, Airbnb und Kitchensurfing mischen traditionsreiche Branchen auf und verändern die Dienstleistungswelt. Es herrscht helle Aufregung an vielen Orten: Zerstochene Reifen, Milliarden-Investitionen und juristische Schritte. Eine Momentaufnahme.

Augen zu! Stell dir einen Tag in naher Zukunft vor. In New York City buchen 500 Taxifahrer bei Uber eine Tour, lassen sich alle zum Times Square fahren und produzieren einen Megastau. In London mieten sich 100 Hotelbetreiber in Airbnb Zimmer ein und besetzen sie. In Berlin buchen 50 Gastronomen jeweils einen Koch bei Kitchensurfing und zwingen ihn zwei Stunden lang Zwiebeln zu schneiden. Augen auf!

Ziviler Ungehorsam durch Vertreter von Branchen, die millionenschwere neue Konkurrenten haben? Bis auf wenige Ausnahmen alles nur ein Traum. Noch. Denn die genannten Branchen werden gehörig aufgemischt. Momentan zum Wohl von uns Kunden. Und zum Ärger der Platzhirsche.

Um gleich zu Beginn einmal die Dimension des Themas in Schlagzeilen zu verdeutlichen:

  • Uber besorgte sich gerade bei Investoren 1,2 Mrd. Dollar und wird mit 17 Mrd. Dollar bewertet.
  • Airbnb gilt als das wertvollste Start-Up der Welt. Aktuelle Bewertung 10. Mrd. Dollar.
  • Kitchensurfing, sicherlich der kleinste und speziellste Player in dem genannten Trio, sammelte im Frühjahr 15 Mio. Dollar ein für die nächste Wachstumsphase.
  • In den USA wird als Reaktion auf den Erfolg von Uber erstmals über die Gründung einer nationalen Taxivereinigung nachgedacht, um der Branche politisches Gewicht zu verleihen.
  • In Brüssel wurde das Angebot von Uber verboten, weil es als rechtswidrig gilt.
  • Der New Yorker Generalstaatsanwalt leitete eine Untersuchung gegen Airbnb ein, weil er vermutet, dass 60 Prozent der Vermietungen durch Mitglieder von Airbnb illegal sind. Das Ergebnis einer ersten juristischen Runde: Airbnb legt die Daten der Anbieter anonymisiert offen und erklärt sich bereit bei der Identifizierung illegaler Anbieter zu helfen.

Währenddessen genießen wir das neue Verbraucherzeitalter

founders-airbnb-2000

Die Gründer von Airbnb. Foto: Airbnb

Und während um uns herum größte Aufregung herrscht, genießen wir den Anbruch eines neuen Verbraucherzeitalters. Wir chatten mit der Anbieterin eines schicken Pariser Apartments mit Blick auf den Canal St. Martin, ehe wir das Zimmer für die Hälfte des Preises einer zweitklassigen Hotelübernachtungen buchen. In New York bringen uns freundliche Fahrer von Uber für günstiges Geld von Tribeca nach Midtown und im Geiste gehen wir noch einmal die endlosen entwürdigenden Versuche ein Yellow Cab an den Straßenrand zu winken durch. In Berlin buchen wir uns über Kitchensurfing einen erstklassigen Koch, der zu uns nach Hause kommt, vier sagenhafte Gänge zubereitet und anschließend auch noch abspült. Und zum Digestif stossen wir auf die armen Irren an, die vier Wochen auf einen Tisch im Neni warten.

Die neuen Angebote sind für uns nicht nur günstig und bequem. Sie sind auch jedes mal eine kleine Genugtuung für die Schmach, die uns als Kunden so oft ereilt: Für die mega-unfreundliche Bedienung, den Taxifahrer in Manhattan, der noch ehe man Brooklyn ausgesprochen hat am Horizont verschwunden ist und für das abgerockte Hotelzimmer mit den Spinnen unterm Bett. Das habt ihr jetzt davon, ihr alle! Und wenn es uns doch mal nicht gefällt? Mit ein paar Klicks sind der Taxifahrer, der Koch oder der Vermieter negativ bewertet, sichtbar für die ganze Welt und genau am Point of Sale. Aber Vorsicht: Denn auch du als Kunde wirst bewertet. Es ist Konsum mit offenen Visier. Passend dazu erklärte Brian Chesky, der Mitgründer und CEO von Airbnb kürzlich: „…the Internet (is) moving into your neighborhood… At the most macro level, I think we’re going to go back to the village, and cities will become communities again.” Der Händler, sein Kunde und sonst nichts.

Aber kann es ganz so einfach sein? Natürlich nicht.

Denn so aufgeklärt und fortschrittlich wie wir Dienstleistung erfahren wollen, wollen wir auch die andere Seite der Medaille beleuchten.

sydney-354539

Aus dem Angebot von Airbnb: Nicht immer ist es die Garage, die vermietet wird. Foto: Airbnb

Fangen wir an mit Airbnb. Paris, London, New York oder Berlin. Wohnraum in den Innenstädten ist knapp. Wohnungen, die nur noch für kurz- und mittelfristige Mieten über Airbnb angeboten werden, stehen dem normalen Markt nicht mehr zur Verfügung. Der Vermieter verdient ein Vielfaches im Vergleich zur Verwendung seines Objektes als normale Mietwohnung. Wenn die jeweils örtliche Gesetzeslage dieses Vorgehen nicht eh als illegal definiert, so ist es doch zumindest moralisch fragwürdig. Verzichten wir deshalb aber darauf Airbnb zu nutzen? Ich nicht.

Und im Fall von Uber? Personenbeförderungsschein ist ein tolles Deutsches Wort. Jeder Trainer einer Jugendfußball-Mannschaft braucht ihn, wenn er die kleinen Racker zum Auswärtsspiel in das Nachbarkaff fahren will. Die Fahrer von Uber befördern gewerblich Personen. Einen Personenbeförderungsschein haben sie nicht. Die Fahrpreise bei Uber liegen bis zu 40% unter den gängigen Taxitarifen. Sollte die Taxibranche da im Wettbewerb nachziehen müssen, wird es für viele Taxifahrer finanziell ganz eng.

Und Kitchensurfing? Wie gesagt, der kleinste in dieser Runde. Eher ein Angebot für Feinschmecker und Distinktions-Junkies als der große Angriff auf die Gastronomie-Branche. Und dennoch: Wer die Regeln für den Betrieb einer gewerblichen Küche kennt und weiß mit welchem finanziellen und zeitlichen Aufwand deren Einhaltung verbunden ist, der denkt auch noch einmal kurz über den privaten Chefkoch in der eigenen Küche nach, der am Ende seines Auftritts eben auch eine Rechnung schreibt.

Ganz nebenbei bemerkt ist diese Gefechtslage ein El Dorado für Public Affairs- und PR-Berater. Denn alte wie neue Akteure brauchen die Unterstützung lokaler und nationaler Gesetzgeber. Der Markt alleine wird diese Umwälzungen nicht regulieren können. Was vermutlich auch gut so ist.

Ich wage die These, dass die etablierten Akteure keine andere Chance haben werden, als sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Hier und da wird es gesetzliche Schranken und lokale Einschränkungen geben. Aber der Schnellzug aus dem Silicon Valley wird nicht aufzuhalten sein.

Titelfoto: Airbnb

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top