Fachmann 1 und Fachmann 2

Fachmann 1 gesellt sich zu mir. Er zeigt auf Viola. „Die Schrauben müssen aber schon ab. Wir müssen hinten ran.“ Ich verschränke die Arme. Glaubt er, Viola übersteht den Eingriff? Er lächelt. Ich bin noch nicht so weit.

Fachmann 2 nickt rüber. Er glaubt, die Kombi macht‘s: Vorne die Knöpfe könne man abziehen. Hinten die Spanplatte ab, dann müsse man wahrscheinlich nur einen Teil des Innenlebens rausnehmen, um an die Bandanzeige zu kommen. Ich auf dem Zehner. Jetzt musst du springen. Na gut. Schrauben alle wieder raus, diesmal in den Plastikbecher. Rückwand ab. Das kann ich ja inzwischen. Bleiben die Knöpfe vorne. Fachmann 2 sieht mein Zögern. Er zieht den ersten vorsichtig ab. Heureka! Das geht! Ich folge seinem Beispiel. Langsam aber sicher fängt die Sache an, Spaß zum machen.

Me, myself and ViolaEinige Minuten später haben wir, okay, hat Fachmann 2 die Platte mit den vielen mysteriösen Verlötungen vorsichtig aus dem Gehäuse gezogen. An ihrem vorderen Teil ist der Mechanismus zum Verstellen der Sender befestigt. Eigentlich ist das recht simpel aufgebaut: Dünne Drahtbänder laufen über die Drehschrauben und damit verstellt sich die Frequenz. Auf den Drähten eingehängt ist ein rotes Plastikteil, das dabei als Anzeige mitwandert. Mitwanderte. Denn es ist ein Stück vom Plastik abgebrochen. „Pling“, ich entsinne mich. Die Bandanzeige ist somit verrutscht und hängt fest. Die Frequenzdrähte quälen sich beim Drehen unter dem Plastik entlang. Daher der Widerstand. Ein erstes Gefühl der Genugtuung überkommt mich. Viola brauchte die Hilfe: Früher oder später hätte es „PLING!“ gemacht und dann wären die Drähte gerissen. Ich kenne nun das Problem. Aber was ist die Lösung? Fachmann 2 schlägt vor, dass ich die Bandanzeige flicke und wieder aufsetze. Wir entdecken auf dem Tisch verschiedene rote Plastikbänder. Keine Ahnung, wofür sie eigentlich da sind. Mir kommen sie gerade recht. Wir schnippeln ein winziges Stück ab. Mit einer heißen Plastikpistole wird uralt Plastik aus den frühen Siebzigern mit der Enkelgeneration 2013 vermählt. Fachmann 2 hilft mir dabei. Die Bandanzeige sitzt wieder auf den Drahtseilen und wandert beim Drehen mit. Sie hat noch ein wenig Pisa-Syndrom. Aber mir reicht es so.

Gerne schraubte ich Viola flugs zu. Aber Fachmann 2 an meiner Seite schüttelt den Kopf. Das Pisa-Syndrom lässt er nicht durchgehen. Der Arbeitsauftrag an mich: Überlegen, wie ich die Anzeige akkurat justiert bekomme. Er verschwindet zu einem anderen Patienten. Das Tolle an einfacher Mechanik: Man sieht, man probiert und man kommt auf Ideen. Die Lösung ist ein wenig Pappe, die ich zwischen die Frequenzdrähte und die rote Bandanzeige klemme, bis alles adrett auf Position sitzt. Und weil ich gerade so in Fahrt bin, klebe ich mit der Heißpistole auch gleich noch jene lockere Folie fest, auf der eben auch “Hilversum” und “Rias Berlin” als Orientierungspunkte verzeichnet sind. Fachmann 2 inspiziert und nickt zufrieden. Vorsichtig manövriere ich die Eingeweide wieder an ihren Platz. Auch die Knöpfe vorne lassen sich leicht wieder aufstecken. Dann die Schrauben. Blöd, dass jetzt zwei übrig sind. Fachmann 2 findet es nicht weiter schlimm. Das seien nur jene, die das Netzkabel fixierten. Oder so. Im Detail interessiert mich das nicht. Denn Viola spielt. Nicht nur das: Drehe ich den großen silbernen Knopf, gleitet die Bandanzeige sanft und gerade wie eine 1 ihres Weges jenseits von “Hilversum” und “Rias Berlin”. Sie kommt wieder von “Beromünster” bis nach “Wien I”!

Es ist nur ein altes Radio. Es war nur ein simples Problem.Ich durfte noch nicht mal Löten. Dennoch bin ich sauzufrieden. Und auch ein wenig stolz. Weil ich Viola nicht kampflos aufgegeben habe. Weil ich so noch ein wenig mehr Zeit mit ihr verbringen kann. Weil sie heute Teil meiner Biografie geworden ist.

Viola Radio

Foto: Wiebke Elbe

Langsam tauche ich auf aus meinem ganz persönlichen Reparaturfilm. Um mich herum tobt er noch, der Kampf gegen renitente Elektronik und lose Kontakte. Nur die Protagonisten im Stück haben in der Zwischenzeit gewechselt. Als ich mein Dankopfer in die Spendenkasse stopfe, setzt sich gerade ein neuer Repair-Recke mitsamt einem DVD-Player an einen frei gewordenen Platz. Für wenig Geld beim Flohmarkt erstanden, sagt er. Er war schon mal hier mit einer anderen HiFi-Komponente. So stellt er sich eine Anlage zusammen. Alte Geräte tun es doch auch, nicht wahr? Auf dem Weg nach draußen komme ich an einer Espressomaschine vorbei. Siebträger. Fachmann 2 studiert sie eingehend, noch skeptisch beäugt von einem jungen Mann, der die Arme vor der Brust verschränkt hat. Da steht sie also, die nächste Herausforderung.

Für die Viola im eigenen Haushalt: repaircafe.de

Titelfoto: Wiebke Elbe

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