Rose IdeeEs ist kaputt. Wegwerfen und neu kaufen? Liebevoll in den Keller legen und neu kaufen? Oder gar reparieren? Erlebnisbericht von einem neuen Trend, der die Dinge zusammenflickt.

Viola zickt. Anfangs war da ein minimaler Widerstand. Dann machte es eines Tages dezent „Pling“. Seitdem kann ich zwar immer noch mittels silbernen Knopf von Deutschlandfunk gen Berliner Rundfunk 91,4 drehen, wenn nur noch „Meine 70er. Meine 80er.“ geht. Die rote Bandanzeige verharrt jedoch stur und schief wie besagter Turm von Pisa zwischen „Hilversum“ und „Rias Berlin“. Der Widerstand, gegen den ich drehe, wird größer. Ist dies der Anfang vom Ende für meine „Viola Automatic“ von ITT Schaub Lorenz, Made in West Germany, einst, im letzten Jahrtausend?

Es ist nicht so, dass an Viola wahnsinnig viel Biografie hinge. Jedenfalls nicht meine. Kein Erbstück. Ein Fundstück vom Flohmarkt ist Viola. Ein billiger Kauf auf gut Glück, um zuhause anzutesten, ob aus dem schmalen Holzkasten auch noch Töne kämen. Sie kamen. Die Zuneigung zu Viola in ihrer eierschalenfarbenen Schlichtheit wuchs von Morgen zu Morgen, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr. Ich will sie nicht mehr missen.

Mein Entschluss steht: Digital ist besser droht auch beim Radio, aber solange es analog geht, bleiben Viola und ich das kleine gallische Dorf. Ich könnte Violas defekte Bandanzeige einfach ignorieren bis es kracht. Was, wenn der Sender sich dann nicht mehr verstellen lässt? Deutschlandfunk forever? In mir reift ein verwegener Gedanke: Es muss doch möglich sein, ein offensichtlich mechanisches Problem an einem Gebrauchsgegenstand selbst zu beheben. Hat mein Großvater doch auch immer gemacht. Mit pimalpamme einem Viertel seiner Gene sollte da doch was drin sein. Erinnerungen an Kindertage werden wach: Auseinander ging immer. Zusammen meist nimmer. Dafür hatte ich ja Opa.

Me, myself and ViolaBliebe die Option Basteln unter sachkundiger Anleitung. Dankenswerter Weise gedeiht in Form von Repair Cafés längst allerorten der Widerstand gegen undurchschaubare Technik, die gefühlt „schneller als früher“ den Geist aufgibt. In Berlin bieten sich zum Beispiel in Kreuzberg, am Prenzlauer Berg und in Spandau Möglichkeiten, bei Repair Cafès selbst zu Schraubenzieher und Lötkolben zu greifen. Ehrenamtliche Helfer unterstützen die Reparaturwilligen. Der Erfolg ist dabei nicht garantiert. Aber ein Versuch ist es wert.

Mein persönliches Repair-Café-Abenteuer startet

Als ich mit Viola unterm Arm an einem der nächstmöglichen Termine mein persönliches Repair-Café-Abenteuer starte, empfängt mich lautes Stimmengewirr, durchsetzt von leisem Murmeln. In dem nicht gerade großzügig bemessenen Hinterhofraum beugen sich bereits einige Schicksalsgemeinschaften über unterschiedlichste Elektrogeräte. Macht Sinn, dass man sich für die Termine vorher anmelden soll. Viel Platz ist nicht. Viola und ich sind ohne Anmeldung da. Heißt: Warten und erst mal umschauen, wie das hier so funktioniert mit dem Reparieren unter Anleitung.

Eine junge Frau taxiert Viola. Ich könne doch „unten“ und „hinten“ am Gehäuse schon mal die Schrauben entfernen. Ich glaube, sie hat ungefähr so viel Ahnung wie ich. Dennoch kann ich nicht widerstehen. Ich schnappe mir Kreuzschlitz und Co. Etwas in mir will loslegen, zum Kern der Sache vorstoßen. Also „unten“ und „hinten“ ab. Huch! Da verrutscht was „innen“. Was, wenn ich jetzt wichtige, wohl justierte Elektroteile aus der rechten Position gebracht habe? No regrets. Weiter. Alles muss ab. Nach einer guten Viertelstunde ist Viola schraubenfrei. Eigentlich hatte ich mir genau merken wollen, wo welche Schraube saß und welche Funktion sie hatte. Aber im Schraubrausch ist mir die Ordnung abhanden gekommen.

Hoffentlich rollen mir die kleinen Mistviecher nicht weg. Ein älterer Herr empfiehlt: „Nimm dir einen Plastikbecher und pack da alle losen Teile rein. Sonst findste die nachher nicht wieder.“

Da sitze ich nun und schaue meiner Viola von hinten ins Innerste: Netzkabel und Netzteil. Ein Lautsprecher und eine dicht mit Drähten und Bauteilen vollgelötete Platte, von der Kabel nach hier und dort abzweigen. Fatalerweise irgendwo hinter diesen Innereien sitzt die Bandanzeige. Ich schlucke. Ich will Viola nicht ausweiden. Ich kriege den Kram doch meinen Lebtag nicht mehr funktionstüchtig zusammen. Hilfe! Ich blicke mich um. Die beiden Menschen, von denen ich glaube, dass sie die fachkundigen Helfer in der bunten Schar reparaturwütiger Greenhorns sind, haben beide ihre verlängerten Finger in Schubfächern von CD-Playern oder frickeln mit Dingen rum, die sie liebevoll „Kondensatoren“ nennen.

Panik steigt in mir auf. Eigentlich funktionierte Viola ja noch. Was, wenn ich jetzt die paar Teile, die beim Losschrauben von „unten“ und „hinten“ lose geworden sind, nicht mehr an den rechten Platz bekomme? Sorgevoll verschraube ich nach bestem Wissen und Gewissen alles wieder. Ich teste. Viola spielt wie eh und je. Immerhin, nicht kaputt repariert. Nur: Die Bandanzeige ist schief und krumm wie 45 Minuten und einige Wochen und Monate zuvor.

Unschlüssig beobachte ich das Treiben um mich herum. Gemeinsam Reparieren wird durchaus unterschiedlich interpretiert. Rechts von mir sitzen zwei Mitfünziger sichtlich desinteressiert neben dem ehrenamtlichen Helfer, der sich mit der renitenten Schublade ihres CD-Players abmüht. „Soll er mal machen“, sagt ihr Gesichtsausdruck. Schräg gegenüber hingegen wird der Kampf mit dem DVD-Gerät gemeinsam gefochten. Dessen Besitzer hat der Ehrgeiz gepackt. Er will wissen, wie das Ding funktioniert. Und ich? Ich bin kurz davor, abzuhauen. Geduld ist nicht meine Kardinalstugend. Was sich mir nicht sofort 39 erschließt, hat gerne mal Pech gehabt. Viola somit auch.

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