RoseAshtanga Yoga ist ein unbequemer Yoga-Stil: Man schwitzt viel, weil man sich so anstrengt, und man soll täglich üben. Es wird einzeln, aber in der Gruppe unterrichtet, und die Leute haben nicht viel an und stöhnen. Man fühlt sich ein bisschen, als wäre man mit lauter Fremden im Bett. Das gibt aber natürlich keiner zu. Zu den Dingen, die man neben Schweißpfützen so mitbekommt, gehören Tätowierungen an allen möglichen und unmöglichen Stellen: Jugendsünden, Kunstwerke, Souvenirs. Von Ganesh bis Gothic und billig bis teuer ist alles dabei.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass Ashtangis ein bisschen verrückt sind. Wer sich einer regelmäßigen Praxis verschreibt, kann viele Dinge, die andere ganz normal finden, nicht mehr machen. Man muss früh ins Bett, damit man früh aufstehen und üben kann – ansonsten hat der Tag nicht genug Stunden -, kann nicht viel trinken – sonst kommt man nicht aus dem Bett – und das mit dem Fleisch ist auch so ein Thema. Während Berliner Ashtangis mit diesen Vorgaben eher lax umgehen, sieht es mit der Folgsamkeit in Skandinavien, den USA oder auch Kanada oftmals anders aus: Es herrscht Disziplin, auch wenn es auf der Matter gern mal unbequem wird. Leichtes Unbehagen wird zu einem Teil der täglichen Routine. „No big deal“, denn schließlich sind wir gekommen, um an unsere Grenzen zu gehen. Ganz im Sinne der Idee, dass Ashtanga Yoga eine Form der Meditation ist. Indem sich der Ashtangi auf die Koordination von Atmung und Bewegung konzentriert, lernt er, Schmerzen zu ertragen. Und dann, immer mal wieder, über sich hinauszuwachsen. Zwei Eigenschaften, die auf einem Tätowierstuhl sicherlich von Nutzen sind.

Foto: EK Park

Foto: EK Park

Seit sie erstmals aufkamen, haben Tätowierungen nicht nur eine körperliche, sondern auch eine soziale Bedeutung. Ursprünglich als Instrument des Staates missbraucht, um Herrschaft über bestimmte Teile der Bevölkerung zu demonstrieren, werden Tätowierungen seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend  anerkannt. Mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft zu einem Haifischbecken des Körperkults im 20. Jahrhundert bedeuteten Tätowierungen zunehmend eine Rückeroberung des eigenen Körpers. Wer sich im Strom der schnelllebigen Schönheitstrends Tinte in die Haut jagen lässt, setzt seinen Kopf durch.

Wer heute mit großen Motiven auffällt, kennzeichnet sich als anders als der Rest – sicherlich ein Label, mit dem sich Ashtangis gern schmücken. In Kombination mit einer hart erarbeiteten körperlichen Flexibilität wären wir in der Vergangenheit wohl absonderlich genug gewesen, um in Zirkussen und Freak Shows aufzutreten. Man denke an berühmte tätowierte Profisportler. Wer mit großen Tattoos auf den Muskeln in den Ring steigt, zeigt, dass er eine harte Sau ist: Unabhängig, direkt und stolz. Denn der Kampf findet nicht nur zwischen dem Held und dem Gegner, sondern auch zwischen dem Held und sich selbst statt. Wenn man nicht vom Chef auf’s Maul bekommt, rutscht man auf dem Heimweg aus.

Zu den wichtigsten Merkmalen eines Yogis gehören die Akzeptanz des Laufs der Dinge, die Hingabe an das Dauerhafte und Offenheit im Geiste. „Body not stiff, mind stiff“, ist eines der bekanntesten Zitate der Szene. Im Prinzip verkörpern wir durch unsere Tätowierungen das Paradoxon aus Festhalten und Loslassen, mit dem wir jeden Tag kämpfen: Erinnerungen und Erkenntnisse werden verewigt, das eigene Profil in der Gemeinschaft geschärft. Wer an einer lebendigen Tradition wie Ashtanga Yoga teilnimmt, hat dafür nicht nur körperliche, sondern auch soziale Gründe: Die Welt wird nicht mehr nur mit dem, sondern durch den eigenen Körper erlebt. Wir spielen mit der Dauerhaftigkeit, solange sie keine Bindungsangst auslöst. Wer den eigenen Sleeve seinen Yoga-Freunden zeigt, riskiert heute höchstens noch ein Kompliment.

Den gesamten Beitrag inkl. Interview mit David Robson (der Yogi auf dem Bild) hier im Magazinformat lesen.

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