Rose_FrageKen liebt Barbie, Barbie liebt Ken. Ein kurzes sexuelles Inferno wird abgelöst von Kindern und Alltag und die schönste Sache der Welt gerät in Vergessenheit. Zumindest für Barbie. Was Ken daraus macht, sollte für viele von uns eine Lehre sein. Ein Beitrag aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

Was Sie über mich wissen müssen? Ich habe in den ersten dreißig Jahren meines Leben zu viele Pornos gesehen und in den letzten zwanzig Jahren zu viel gegessen. Seit knapp zehn lebe ich mit einer feministischen Amazone zusammen, deren straffer Körper mir täglich zu Bewusstsein bringt, dass wir nicht so viel Sex haben, wie mir eigentlich lieb wäre.

Wieviel mir lieb wäre? Och, Lust habe ich eigentlich immer. Gleich nach dem Aufwachen. Noch ärger, wenn ich abends erschöpft ins Bett donnere. Wenn meine Freundin leicht bekleidet aus dem Bad kommt, würde ich gerne über sie herfallen, das ginge Ihnen nicht anders. Aber ich werde praktisch immer geil, wenn gerade nichts anderes meine Aufmerksamkeit fesselt.

Als Single habe ich mir täglich einen runtergeholt. Mit dem Wunsch nach einer festen Beziehung verband ich nicht zuletzt die Hoffnung, ebenso oft oder wenigstens immer samstags nach den Tagesthemen miteinander in die Kiste zu hüpfen. Stattdessen vergehen heute manchmal Monate, bis wir wieder einmal miteinander schlafen. Und der Sex ist dann nicht immer gut.

Den letzten ausschweifenden Genitalverkehr erinnere ich von der Zeugung unseres zweiten Kindes. Das wird nächstes Jahr eingeschult. Wenn Sie wissen wollen, wie Sie Ihrer Partnerschaft neuen erotischen Schwung verleihen, blättern Sie also lieber schnell weiter. Von mir erfahren Sie im besten Fall, warum es manchmal auch ohne geht.

Vielleicht war es ein Glück, dass meine Freundin wenige Monate nach unserem ersten Mal schwanger wurde. Unsere junge Partnerschaft war arm an Enttäuschungen, und es schien mir plausibel, dass ihre abrupt einsetzende Unlust an Sex damit zusammenhing, dass der Zustand froher Erwartung ungewohnt und anstrengend ist. Ein paar Mal hatten wir während der Schwangerschaft Geschlechtsverkehr. In den Wochen dazwischen tröstete ich mich mit der Aussicht, dass sich das Blatt in absehbarer Zeit wieder wenden würde.

Nach der Geburt ging mir bald auf, dass unser neues Leben für mich ungefähr so ungewohnt und anstrengend war wie für sie. Ich wurde weiterhin von wollüstigem Sehnen gequält. Sie weiterhin eher nicht so. Und zwar auch dann nicht, wenn ich die Nachtschichten übernahm und morgens immer Kaffee ans Bett brachte.

Kein Sex, Illustration: Anne Baier

Illustration: Anne Baier

Stattdessen wurde ihr mein Begehren langsam lästig. Und ich fand kein Gegenmittel. Durch Selbstbefriedigung den Druck rausnehmen? Das Gegenteil war der Fall! Vortäuschen, ich wäre so desinteressiert wie sie? Mimischer Kontrollverlust und nicht zu verbergende Erektionen standen dagegen. Am authentischsten war ich, wenn ich um Gnade winselte oder mich schmollend zurückzuzog. Das hätte mich an ihrer Stelle auch abgetörnt.

Glücklicherweise war mit unserer Beziehung ansonsten alles in Ordnung. Sie tröstete mich: Es sei normal, wenn in langjährigen Partnerschaften der Sex seltener würde und dass der eine häufiger wolle als der andere. Die Fachliteratur gab ihr Recht. Doch monatelange Abstinenz war mir einfach eine Spur zu krass.

Hinzu kam, dass wir immer weniger „richtigen“ Genitalverkehr hatten, Sie wissen schon: das Penis-in-Scheide-Ding. Zwei Kinder genügten. Die Pille kam für Sie nicht infrage. Kondome nervten. Am schwersten wog aber, dass sie auf diese Weise so gut wie nie zum Orgasmus kam. Und das nicht nur, weil ich bei den selten gewordenen Gelegenheiten schon nach einer Minute fertig war.

Für mich aber war Petting kein Sex. Sex war das, was ich von vorangegangenen Beziehungen und Affären kannte und was ich Tausende Male im Internet begafft hatte: Der Mann dringt in die Frau ein, sie nimmt die Beine weit auseinander oder lässt sich in Hündchenstellung von hinten durchrammeln. Dabei lautes Stöhnen, ab und zu ein Schlag auf die Schenkel oder ein beherzter Griff in die Haare, an den Hals.

Meine Freundin hat die Beine nie breit gemacht. Sie wollte immer oben liegen. Und jetzt wollte sie eben nur noch ganz selten. Und wenn dann nur fummeln.

Als das zu mir durchgedrungen war, spitzte sich die Situation auf eine – im Rückblick betrachtet – hilfreiche Weise zu: Ich empfand das Desinteresse meiner Freundin am Penetriert-Werden als tiefe Demütigung. Ich fragte mich auch, ob sie frigide sei. Ich empfand es deutlich als Verschwendung, dass dieser anziehende Körper nicht durchgevögelt wurde und dachte wirklich und wahrhaftig darüber nach, ob das nicht wenigstens ein anderer erledigen könne, auf den sie mehr Lust hatte. Ich nahm mir ein paar Mal vor, lieber ganz auf Sex zu verzichten, als mich den Vorlieben meiner Freundin zu fügen und spielte mit dem Gedanken, meine eigenen Bedürfnisse mit anderen Frauen zu befriedigen. Ich grübelte, ob nun nicht doch endlich der Punkt gekommen sei, unsere Malaise paartherapeutisch zu bearbeiten.

Und dann war ich mit einem Mal durch damit.

Ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe. Den einen kann ich nur metaphorisch fassen: Mit meinen gedanklichen Exzessen zum Thema Penetration schwitzte ich Vorstellungen von Dominanz und Unterwerfung aus, die das Miteinander der Geschlechter in unserer Kultur bestimmen. Pornos sind nur die Spitze des Eisbergs. In meinen Phantasien lieferte ich meine Freundin Macht- und Besitzansprüchen aus, machte sie zum Objekt einer Aggression, die die andere Hälfte der Menschheit unbedingt am eigenen Schwanz genesen wissen will. Wie fies und menschenverachtend diese Vorstellungswelt im Grunde war, musste ich durchleben und verstehen. Und dann musste ich damit aufhören. Sonst hätte ich sie nicht weiter lieben können.

Der andere Grund steht mir klarer vor Augen: Mir wurde klar, dass ich nicht bereit war, meine Beziehung auf Spiel zu setzen, um mehr und anderen Sex zu haben. Mehr noch: Dass ich sogar die Vorstellung lächerlich fand, deswegen eine Paartherapie zu beginnen. Und das ließ sich wiederum nur dadurch erklären, dass meine sexuelle Unterversorgung gar nicht so gravierend war wie bislang empfunden. Die Integrität und Intimität unserer Beziehung waren mir offensichtlich wichtiger als regelmäßiger Beischlaf. Im Lichte dieser Erkenntnis erschien unsere sexuelle Praxis oder Nicht-Praxis erstmals als das Ergebnis von Entscheidungen, die ich treffen konnte und die ich getroffen hatte. Ich fügte mich in die Situation. Aber auf eine Weise, die meinem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung entsprach – ich konnte und kann mich jederzeit anders entscheiden.

Vor einigen Wochen haben wir es übrigens ausschweifend miteinander getrieben: Überraschender Sex, Knutschen und Beißen, danach Ohrensausen, Herzrasen und die Frage, ob ich gleich noch Heulen oder Lachen muss. Ganz ohne Penis-in-Scheide. Ein paar Tage später wiederholten wir das sogar noch einmal. Ob das jetzt schon das Happy End ist? Keine Ahnung.

Keine Ahnung, wann wir und wie wir das nächste Mal miteinander schlafen werden. Keine Ahnung, ob ich mit der Situation immer so gut zurechtkommen werde wie im Augenblick. Was die gemeinsame Zukunft bringt, ist immer offen. Im Augenblick scheint der Weg dahin aber erfreulich unverbaut.

Kein Sex, Illustration: Anne Baier

Illustration: Anne Baier

Der Autorenname wurde von der Redaktion geändert.

1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 30. September 2016 at 17:59

    Dazu kann man nur meinen:
    PUTZIG.
    Alle haben immer Lust, eigentlich.
    Jedenfalls meistens.
    Abgesehen von Tagen der Lust_Losigkeit, wo eher Überdenken angesagt ist.
    Aber schön, dass in der ersten Lebenshälfte noch so oft und heftig davon ausgegangen wird, dass eigentlich alle Lust haben, eigentlich immer. Dass in der zweiten Lebenshälfte die Lust sogar schliesslich die grössere Rolle spielt, weil sie so oft Urlaub macht, zu oft erdrückt wird, von diesem und jenem.
    Und irgendwann von Liebe, Vertrauen, Zuversicht in Gemeinsamkeit – was nicht unbedingt als Ver_Lust beschreibbar sein muss, ist auch Lust, nur eben andere
    Nur ohne Lust wäre nur Frust, und das ist Ver_Lust ohne Lust eben, und wer will schon das, was bleibt:
    Lust haben wir so eigentlich immer, welche auch immer, nur ohne ist schlimmer.

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