Rose KurzgeschichteM-U-L-T-I-O-P-T-I-O-N-A-L-I-T-Ä-T.

Merkwürdig. Wenn man den Begriff in die Runde wirft, kommen keine Nachfragen. Es wird zustimmend genickt. Gefolgt von einer kurzen Stille. Dann setzt ein nicht enden wollender Fluss persönlicher Geschichten ein. Von dem besten Freund, der ehemaligen Kollegin, einem selbst. Multioptionalität – ein gutes Thema, um Smalltalk in tiefergehende Gespräche zu verwandeln. Have a try!

Mal finden wir
es
wunderbar,
mal grauenhaft.

 

Der Duden und Wikipedia kennen den Begriff nicht. Und doch ist jedem sofort klar, worum es geht. Es ist das Phänomen der Stunde für viele Menschen zwischen Zwanzig und Mitte Vierzig. Multioptionalität heißt: Wir haben sehr viele Antwortmöglichkeiten auf die Frage, was wir mit unserem Leben so anfangen möchten: selbstständig, angestellt, Karriere, Kinder, Familie, Landlust, Stadtleben, urbanes Nomadentum, Hobbys zum Beruf machen, noch mal umsatteln, Erwachsenwerden…

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir bei so vielen Optionen nur wenig auslassen wollen. Aber alles geht halt auch nicht. Also fällt die Entscheidung immer schwerer – oder eben gar nicht. Sehr schön werden Teile dieser Problematik in dem aktuellen Kinofilm „Francis Ha“ beschrieben, in dem Greta Gerwig, vor lauter Angst sich festzulegen, einfach immer weiter durch New York irrt. Der Kontext, in dem wir das erleben, mag neu sein. Das Problem selbst ist ein Altes: Multioptionalität ist das Update der guten alten „Qual der Wahl“.

Multioptionalität ist eine Sache mit zwei Seiten. Wir können sie lieben oder hassen. Die sie lieben, für die ist es das Paradies. Sie sind die Bewohner wohlhabender westlicher Industrienationen, in aller Regel ausgestattet mit einer guten Ausbildung und der Abwesenheit existenzieller Nöte. Sie greifen sich je nach Appetit die Früchte, die ihnen schmecken. Sie gestalten ihr Leben auf ihre Weise. Selbstbestimmt. Zwei Jahre dieses hier. Drei Jahre jenes da. Kinder bekommen in vier Jahren. Davor noch eine Auszeit. Und dann aus der Stadt aufs Land ziehen. Manager des eigenen Lebens. Fremdbestimmung? No way!

Die es hassen, für die ist sie die Vorhölle. Von diesen Gequälten gibt es zwei Sorten. Jene, deren Appetit zu groß war. Aus Angst etwas zu verpassen. Die sich mit der Zeit an den vielen Dingen, die sie oberflächlich ausprobierten überfressen haben, die einfach nicht mehr können, die sich nur nach einem sehnen: Nach jemanden, der ihnen einen klaren Weg weist. Und es gibt die anderen Gequälten, die beim Anblick der vielen Optionen in Schockstarre verfallen. Die im Status Quo verharren und gar nicht mehr wissen, was sie wollen sollen.

Multioptionalität
ist das Update der guten 
alten „Qual der Wahl“.

 

Und die große Mehrheit, die ist hin- und hergerissen zwischen diesen Polen. Mal finden wir es wunderbar, mal grauenhaft. In der unserer Generation so eigentümlichen Dialektik, in der alles gleichzeitig gut und schlecht sein kann, wägen wir ab, bis wir vergessen haben, worum es ursprünglich ging. Immerhin fallen einem in diesem Prozess neue Optionen ein. Puh.

Und inmitten dieser Liebenden und Gequälten steht die Multioptionalität, lässig mit einem Glas Sancerre in der Hand und schmunzelt. Sie ist nicht die Schuldige. Wir sind das.

Aber warum ist das so? Gab es das schon immer? Was macht das mit uns? Und wie kommen wir da raus? Antworten und Inspirationen zum Nachdenken haben wir von Menschen bekommen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema beschäftigen:

➸ von Prof. Jutta Rump, die zu den Besonderheiten und speziellen Anforderungen der sogenannten Generation Y arbeitet

➸ von Stephan Grünewald, einem Psychologen und Markforscher, der eine „Erschöpfte Gesellschaft“ diagnostiziert und ein Psychogramm der Gesellschaft erstellt

➸ von einem Arzt für Neurologie und Psychiatrie, der in seiner Praxis in den letzten 40 Jahren deutliche Änderungen bemerkt

➸ von Christa Kook, einer Großmutter, die für ihre Zeit einen sehr ungewöhnlichenLebensweg einschlug und alles nochmal so machen würde

➸ von Thomas Vašek, Chefredakteur des Philosophie-Magazins HOHE Luft, der sich häufiger Gedanken zum guten und richtigen Leben macht

Es gab viele Optionen sich dem Thema anzunähern. Wir haben versucht, uns für ein paar zu entscheiden. Eine gute Schule. Sich entscheiden können. Unser Rat an alle, die sich da mal selbst austesten wollen. Besucht eine Veranstaltung mit einem großen köstlichen kalten und warmen Buffet.

Wir können sie lieben 
oder hassen.

 

Autoren: Maren Heltsche und Mario Münster

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