Rose MusikWiebke Elbe hat sich waghalsig in die schier unendlichen Welten von AppleMusic geschmissen und fragt Mathias Hill, Bassist der Band Rockfo, was er so über Streamingdienste zu sagen hat.

Als ich gefragt werde, ob ich nicht Lust habe, mir für Rosegarden im heldenhaften Selbstversuch AppleMusic genauer anzuschauen, glaube ich zunächst an eine Verwechslung. Das einzige Gerät von Apple in meinem Besitz ist ein iPod noch mit Click Wheel, der gefährlich auf die Altersgrenze von zehn Jahren zugeht. Ich gehöre nicht zu den Apple-Hassern, gleichwohl laufen mir auch nicht automatisch Sabberfäden aus dem Mund, wenn aus Cupertino der angeblich nächste heiße Scheiß angekündigt wird. Mir bleibt nur zu vermuten, dass mich meine offensichtliche Ferne zur Marke Apple über den Verdacht erhaben macht, ihrem worin auch immer bestehen sollenden Charme so oder so erlegen zu sein.

AppleMusic also. Ich erspare Euch werter Leserschaft einen minutiösen Erlebnisbericht zur ersten Inbetriebnahme und ellenlange Absätze über die zahlreichen Kinderkrankheiten von AppleMusic. Auch Golden Boy Apple ist längst dazu übergegangen, die arme First-Mover-Mischpoke als Versuchskaninchen zu missbrauchen. Die Kaninchen kämpfen dann mit verschwundenen Mediatheken, vertauschten Songs oder gelöschten Albumcovern und hangeln sich verzweifelt von Update zu Update.

 

Mit Pandoras Box streamen, bis der Arzt kommt

 

Nachdem Pandoras Box offen ist, streame ich, bis der Arzt kommt – ab 9,99 Euro im Monat, nach Verstreichen der kostenlosen Anfixfrist. Ich will wissen, was mir der große Musikkosmos jenseits der bekannten Major-Label-Sterne so zu bieten hat. The Fall? Check. Mark E. Smith ist dabei. Eisenpimmel? Wahnsinn, ich kann „Bau keine Scheiße mit Bier“ hören. Und„Karlsquell“ von Slime auch. Da schau her: Meine alten Freunde von der Rockformation Diskokugel bieten ihre Alben ebenfalls zum Stream feil.

„Wie kommt es dazu?“, frage ich Mathias Hill, bei der Rockformation am Bass und manchmal auch am Mikrophon.

Mathias: Gute Frage … ich nehme an, dass entweder das Label „Ata Tak“ oder der Vertrieb „Broken Silence“ das veranlasst haben. Bei iTunes gab und gibt es den ganzen Rockfo-Katalog ohnehin, insofern schätze ich, dass man extra widersprechen muss, wenn man was dagegen hat, bei AppleMusic aufzutauchen.

Icke: Da rollt jetzt sicher der Rubel, oder? Wie viel wird Euch pro gestreamten Song ausgezahlt?

Mathias: Da musst Du unser Label fragen. Bei uns ist noch nix angekommen. Und es wird sich wohl im Null-Komma-Irgendwas-Bereich befinden.

Icke: Und bei Spotify?

Mathias: Von denen hab ich noch nie was gesehen…

Icke: Habt Ihr vor, bei AppleMusic auf Connect aktiv zu werden?

Mathias: Nee…. Wir sind am überlegen, ob wir mal eine Bandcamp-Seite aufmachen und somit in die „Direkt-MP3-Vermarktung“ einsteigen, aber das wär’s dann auch schon.

Icke: Nutzt Du privat Streamingdienste?

Mathias: Ich war am Anfang mal bei Spotify und fand’s ganz schick, dass man uns dort auch findet, aber den Account dort hab ich recht bald abgeschafft. Da ich iTunes als „Abspielstation“ nutze, hatte ich überlegt, vielleicht auch mal AppleMusic auszutesten, aber diese Drei-Monats-Frist, in der sie den Künstlern und Labels nichts zahlen wollten, fand ich dann doch etwas zu dreist. Ich bin eher ein Typ, der seine Musik in der Hand haben will. Am liebsten auf Vinyl, aber selbst bei MP3s auf dem Rechner hat man noch etwas halbwegs „Handfestes“. Ich hab eine Festplatte und kann sagen, dass da die Songs X und Y drauf sind und ich sie jederzeit hören kann. Beim Streaming „besitzt“ man in diesem Sinne nix, das ist mir zu flüchtig.

Icke: Sollten Freundinnen Eurer Musik lieber Eure CDs kaufen, diese downloaden oder per Bezahlabo streamen?

Mathias: Das schreiben wir natürlich niemandem vor. Die Geschmäcker sind verschieden. Am meisten bringt’s uns, wenn die Leute die CDs oder das Vinyl bei den Konzerten kaufen. Ansonsten Alben im Laden, dann kommt auch noch was bei uns an und ein bisschen was beim Vertrieb, die sind alle sehr nett, das ist schon okay so. Beim Downloaden, vorausgesetzt, es ist legal, kommen noch ein paar Kleckerbeträge bei uns an. Ich schätze mal, bei einem 1-EURO-Download so etwas über 10 Cent. Und beim Bezahlabo ist es vermutlich – ohne dass ich da jetzt genaue Abrechnungen kennen würde – kaum messbar – es sei denn, jemand hört auf seinem Spotify-Account von morgens bis nachts nichts anderes als die aktuelle Rockfo-Scheibe…

Icke: Video killed the Radio Star und das Internet killt die kleinen, alternativen Labels und deren Musikerinnen und Musiker? Oder bietet es Chancen, die es früher nicht gab?

Mathias: Das Internet bietet schon Chancen und man muss auch sagen, dass die Tonträgerumsätze in den 80er und 90er Jahren auch deshalb so hoch waren, weil man als Konsument ja kaum andere Möglichkeiten hatte, zum Beispiel an alternative Musik aus England ran zukommen. Da hab ich schon auch mal 13 Mark für eine Maxi-CD der Nightblooms oder von Ride oder von den Telescopes ausgegeben, nur damit ich den einen Song, der nicht auf dem Album war, auch mal hören konnte. Meist war der dann natürlich nicht so toll. Die Möglichkeit gibt’s jetzt im Internet und deshalb sollte auch niemand jammern, sondern das Ganze als Ansporn sehen, gut produzierte Alben mit vielen guten, relevanten, mit Liebe zusammengeschusterten Songs und ohne Füller aufzunehmen. Allerdings müssten die Konsumenten dann auch wieder stärker zu einer Bezahlpraxis zurückkehren und damit zum Ausdruck bringen, dass ihnen die Musik auch was wert ist. Denn eins ist sicher: Wer im Independent-Bereich heute als Musiker, Produzent, Vertriebs- oder Labelmitarbeiter tätig ist, der ist ein absoluter Enthusiast. Viel Geld ist damit nicht zu verdienen. Vielleicht ist das auch ganz gut: Die ganzen Mannheim-Musik-Akademie-Karrieristen machen dann vielleicht wieder was anderes…

Danke, Mathias! Grüß mir die anderen Jungs von der Rockfo und viel Glück für die Lilien!

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Rockfo, Mathias Hill (2. v. r.). Foto: Andrej Kroh.

 

Vom Musikstück zum Stück Musik

 

Ich klicke weiter durch AppleMusics fetten Katalog. Mir gehts wie dem Kind in der riesigen Spielzeugabteilung, das alles, aber auch wirklich alles ausprobieren darf. Wo fange ich an? Ich weiß plötzlich gar nicht mehr, worauf ich Bock habe. Bin überfordert. Höre hier rein, dort raus. Kriegen mich die ersten Töne eines Songs nicht, dann klicke ich schon den nächsten an. Oder gleich ein anderes Album, einen anderen Interpreten. Ich kann jetzt Alles jederzeit hören – und höre nicht mehr richtig hin.

Ich wünsche mich zurück in einen Plattenladen. Der Geruch vom Plastik ihrer Schutzhüllen liegt in der Luft. Ich suche Reihe für Reihe ab. Wenn ich was finde, das mich interessieren könnte, lasse ich das Album schräg raus stehen. Vier Alben, aber nur Geld für eins. Mist. Schließlich nach hartem Ringen und Abwägen für eine Platte entschieden. Zuhause spiele ich die LP die nächsten Wochen rauf und runter, höre die Songs wieder und wieder, bis ich die Texte auswendig kenne. Ich speichere Situationen meines Lebens in einer engen Verbindung mit einzelnen Liedern ab. Soundtrack of my Life. Heute passiert es mir kaum noch, dass ich eine derart intensive Beziehung aufbaue zu einem Musikstück. Ich behandele es eher wie ein Stück Musik. Vielleicht ist mir die Wertschätzung für dieses einzelne Stück, dessen Entstehungsprozess und dessen Urheber abhanden gekommen. Schätze, AppleMusic wird sie mir nicht wieder beibringen. AppleMusic, Du 24/7-Musik-Flatrate-Bordell, ich lass Dich zwar in mein Wohnzimmer, aber nicht in mein Herz. Und mit auf eine einsame Insel nehme ich Dich nicht, sondern nur folgende zehn, mir unendlich wertvolle Alben: Stop. Meine kenn ich. Was wären denn Eure?

 

Titelfoto: © Sascha Kohlmann, Woman with Headphone. Via: https://flic.kr/p/futssE is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

 

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