Rose KurzgeschichteWenn mich der kalte und berechnende Blick eines Mörders trifft, klopft mein Herz jedes Mal stark vor Angst. Das Gefühl von Angst, Mitleid und auch Wut gönne ich mir an ein, zwei Tagen im Monat. Nur mir persönlich, ich versuche, meine Emotionen keinem zu zeigen. So ist das, wenn ich als schlecht bezahlte Gerichtsreporterin arbeite.

Was fällt einem ein, wenn man an einem Gerichtsgerichtsgebäude vorbeiläuft? Mord, Vergewaltigung oder Steuerhinterziehung? Staubige Akten und strenge Richter? Oder kommt da gar nichts? Denn wer selbst noch nie zu einer Verhandlung geladen war, dem kann es doch egal sein, was bei der Justiz passiert, oder?

Eigentlich nicht: Gerichte sind die Orte, wo die Judikative, die dritte Gewalt, in unserem Staat ausgeübt wird. Hier kann man live miterleben, wie unser Staat agiert. Geht es nicht gerade um so traurige Dinge wie Misshandlung Minderjährigerer oder andere Sachen, bei denen Kinder und Jugendliche im Spiel sind, sind die meisten Verhandlungen öffentlich. Das heißt: Jeder darf hingehen und zuschauen. In vielen Gerichtssälen sind für Besucher hinten Stühle oder Zuschauerbänke aufgestellt. Die wenigen Menschen, die sich da niederlassen sind Angehörige der Prozessbeteiligten oder Frühpensionierte, Rentner und Jura-Studenten.  Und ich als Journalistin. Meine Aufgabe – und natürlich die der paar Kollegen, die noch durch die Gerichtsflure streifen – ist es, die Geschehnisse, die sich vor Gericht ereignen, an die Öffentlichkeit zu tragen. U-Bahn-Schlägereien, fiese Morde oder lustige Nachbarschaftsstreitereien zum Beispiel. Gerichtsartikel gehören zu der Lektüre, die die Leser von Zeitungen und Magazinen verschlingen. Auch wenn die Leser das nur ungern zugeben. 

Justizia

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Ich persönlich gebe zu, dass ich sehr gerne zu Prozessen gehe. Die Arbeit dort ist oft so aufregend. Man kriegt etwas über Schicksaale mit, Bösewichte oder Leute, die – meiner Meinung nach – gar keine Strafe verdient hätten. Nur einmal waren der Richter und ich uns in Sachen Strafmaß sehr einig. Einem jungen Mann, um die 20, der zur Zeit seiner Tat sehr viel soff, dem waren die Sicherungen durchgebrannt. Er verdächtige seine Freundin,  dass ihn betrogen hat. Dass das nicht stimmt, hat der Typ im Suff überhört. In seiner Wut hat er die Freundin und die komplette gemeinsame Wohnung mit Feuerzeugbenzin begossen. Dann hat er alles angezündet. Die Freundin schaffte es aus dem Inferno irgendwie lebend raus. Während die Flammen die Wohnung erstickten, wurde der junge Mann „schlagartig nüchtern“, so sagte er später vor Gericht. „Mir war klar: Ich habe Riesenscheiße gebaut.“ Die Feuerwehr fand ihn in der Dusche. Von dort aus versuchte er mit vollaufgedrehten Duschkopf die Wohnung zu löschen. Das hat natürlich nicht funktioniert. Mit starken Verbrennungen wurde der Mann verhaftet. Im Gerichtsprozess beteuerte er: „Es tut mir unglaublich leid. Keine Ahnung, wie ich so dumm sein  konnte. Ich habe seit einem Jahr keinen Tropfen mehr angerührt – und ich werde sowas nie mehr tun.“  Seine Freundin war nach einer kurzen Schocktrennung schon wieder mit ihm zusammen. Dem Richter versicherte sie: „Er hat sich wirklich geändert.“ Ich als Journalistin war überzeugt: Das stimmt! Und das Tollste an der Sache: Der Richter auch. „Sie sind auf Bewährung raus“, lautete sein Richterspruch. Also kein Gefängnis. Stattdessen Freiheit mit der Auflage, keinen Mist mehr zu bauen. Dem Jungen auf der Anklagebank liefen die Tränen runter. Seine Mutter, die auf der Zuschauerbank neben mir saß, sprang auf, auch ihr liefen Freudentränen übers Gesicht. Auch ich sprang auf, mit Freudentränen in den Augen. Ich lief ganz schnell aus dem Saal. Als Journalistin muss ich neutral sein. Ich will es mir nicht leisten, in Gerichtssälen zu heulen oder Leute zu umarmen. Dann bin ich unglaubwürdig.

Die Alternative: Ich verfolge die Verhandlungen mit stark klopfendem Herzen. Dem Blick eines Mörders halte ich stand, ohne mit der Wimper zu zucken. Einen Mann, der  zugibt, ein Kind vergewaltigt zu haben, schaue ich nicht verächtlich an. Ich spreche weder seinen Eltern noch den Eltern des Opfers mein Beileid aus. Ich versuche, der Kollegin nicht zu sagen, dass ich es übertrieben finde, wenn eine, die ein paar Gramm Haschisch gekauft hat, gleich ins Gefängnis muss. Wenn es ganz schlimm wird und sich Tränen in meinen Augen sammeln, krame ich leise in der Handtasche. Nur nicht die Verhandlung stören…

Es gibt andere Tage, da stört mich die Verhandlung. Zeugen erscheinen nicht, die Angeklagten langweilen mit offensichtlicher Dummheit, Anwälte mit überflüssigen Einsprüchen. Der Richter verordnet eine Pause, „damit der Angeklagte zu seinem Mittagessen kommt“. Der Prozess zieht sich in die Länge. Mit Pech kann es drei Tage dauern, bis zum Urteil durchverhandelt ist. Für mich, die da als freie Journalistin und nicht als gutbezahlte Festangestellte oder als Frührentnerin zuschaut, ist das ein Problem. Die Tageszeitung entlohnt mein Engagement mit etwa 60 Euro pro Artikel. Wenn ich jetzt pro Tag „nur“ zwei Stunden zuhöre (um die finanzielle Katastrophe etwas in Grenzen zu halten), komme ich auf sechs Stunden. Dann noch zwei Stunden den Text schreiben. Macht insgesamt rund acht Stunden, also einen Arbeitstag. Mein Stundenlohn: 7,50 Euro die Stunde. Wenn ich mein Geld nur als Gerichtsreporterin verdienen würde, käme ich nicht weit, soviel ist klar. Manchmal fühle ich mich deshalb auch ausgebeutet. 

Trotzdem „gönne“ ich mir die Arbeit vor Gericht an ein, zwei Tagen im Monat. Ich gehe hin, weil ich mein Herz spüren und mir Tränen verkneifen will. Und weil ich dort immer wieder dran erinnert werde, was alles schief gehen kann im Leben – wenn man die eigene Wut mit sich durchgehen lässt, zu viel säuft oder sich einredet, dass Drogen gar nicht so schlimm sind. Diese Dinge in meinen Texten an andere weiterzugeben, sehe ich als wichtige Aufgabe. Und wenn ich nicht zu Gericht gehen würde, ginge  außer den Rentnern und Studenten ja gar keiner hin.

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