Rose ContributorenLiad Shoham ist Anwalt und Schriftsteller. In seinen Krimis verarbeitet er vor allem die drängenden sozialen Themen dieser Tage. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Michal Poleg, Mitarbeiterin einer NGO in Tel Aviv, die sich für die vor allem aus Eritrea und dem Sudan nach Israel kommenden Migranten engagiert, wird in ihrer Wohnung ermordet. Im folgenden entspinnt sich ein vergleichsweise klassischer Krimiplot: Ein Flüchtling, der den Mord gesteht, eine eigensinnige Kommissarin, die diese Version gegen alle Widerstände seitens ihrer Kollegen anzweifelt, ein Staatsanwalt, der für zahlreiche, zum Teil tödlich endende Abschiebungen verantwortlich ist und der in der Mordnacht in der Wohnung des Opfers war, ohne sich anschließend noch erinnern zu können, eine Gruppe Geschäftsmänner, die vom Elend der Migranten profitieren und mit ihren Machenschaften ins Visier von Michal Poleg geraten waren.

Aber Stadt der Verlorenen des israelischen Schriftstellers und Anwaltes Liad Shoham ist mehr als ein weiterer Kriminalroman auf dem gut bestückten Buchmarkt: Dem Autor gelingt eine dichte Sozialstudie zur oft ausweglosen Situation derjenigen Menschen, die mit der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben in unsere westlichen Städte fliehen. Shoham dienen ihre Geschichten nicht bloß als Hintergrund für seinen Fall, er nutzt vielmehr die Möglichkeit, sich ihren Realitäten aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Das Bild, das sich uns so zeigt, muss fragmentarisch bleiben, gleichzeitig verweist es auf eine Stadt, die uns, als ihre mehrheitlich weißen und oft privilegierten Bewohner und Bewohnerinnen normalerweise verborgen bleibt.

Herr Shoham, wer war zuerst da, der Anwalt oder der Schriftsteller?

Zuerst war ich Anwalt und ehrlich gesagt dachte ich nie daran, Schriftsteller zu werden oder ein Talent dafür zu besitzen. Es geschah eher per Zufall: Nach meinem ersten Abschluss an der Hebrew University in Jerusalem ging ich für den Master in Recht an die London School of Economics. Ich hatte ein wundervolles Jahr dort. Zurück in Israel begann ich in einem Anwaltsbüro zu arbeiten, was mich sehr deprimierte, denn es war ein langweiliger Job. Also begann ich abends Dinge aus meinem Leben in London aufzuschreiben. Ich genoss das sehr, erzählte aber niemandem davon, denn es war mir ein bisschen peinlich. Aber trotzdem druckte ich die Seiten aus, um sie an israelische Verlage zu schicken. Lange passierte nichts, dann veröffentlichte ein großes Verlagshaus mein erstes Buch – London in Pitabread – über meine Erfahrungen als Student. Ein anderer Verleger rief mich schließlich an und sagte mir, dass ich ein Talent zum Schreiben hätte und es mit Kriminalromanen versuchen sollte. Ich hielt das für eine lächerliche Idee. Anschließend veröffentlichte ich Bücher mit Kurzgeschichten über das Leben in Israel. Dann bekam ich eine Schreibblockade und erinnerte mich an das Gespräch, das ich sieben Jahre zuvor geführt hatte. Mein Verleger war sehr aufgeregt und dann wurden wir beide sehr aufgeregt. Als ich anfing zu schreiben, wusste ich sofort, dass ich das Richtige tue. Denn einen Thriller zu schreiben, bedeutet für mich, eine größere Geschichte zu schreiben, soziale Aspekte zu behandeln.

Wie viele Krimis haben Sie bisher veröffentlicht?

In Israel wurden sieben bislang Krimis veröffentlicht, die mittlerweile in sieben Sprachen übersetzt worden sind. Zwei davon – Tag der Vergeltung und Stadt der Verlorenen – sind bereits auf Deutsch erschienen, der dritte, Blood Oranges über Korruption in der Stadtverwaltung, wird derzeit übersetzt und erscheint Anfang 2016 unter dem deutschen Titel Das Blut an euren Händen. Derzeit schreibe ich an einem neuen Buch, in dem es um einen Mord unter Siedlern in der Westbank gehen wird.

Aber Sie arbeiten noch als Anwalt?

Ja. Als es begann, mit meinen Büchern so gut zu laufen, dachte ich daran, für eine Weile die Anwaltsfirma zu verlassen. Meine Frau aber sagte, das wäre eine gute Idee, nach unserer Scheidung. Sie möchte mich jeden Tag ab 8 Uhr aus dem Haus haben, ich soll zu einem regulären Job gehen und nicht im Pyjama herumlaufen und über imaginierte Charaktere nachdenken.

Wie haben Sie das Thema von Stadt der Verlorenen gefunden? Am Ende, in den Danksagungen, schreiben Sie, dass Sie vorher nicht viel darüber wussten.  

Meine Arbeit an einem neuen Buch beginnt immer mit der Entscheidung für ein soziales Thema. Die Situation von Flüchtlingen ist bestens geeignet für eine solche Studie. Ich möchte das kurz erläutern: Gestern gab ich in Tel Aviv einer englischen Zeitung ein Interview. Ich verabredete mich mit den Journalisten am Levinsky Park, in der Nähe der Zentralen Busstation, dort, wo sich zahlreiche Migranten, die zumeist aus Eritrea und dem Sudan kommen, aufhalten. Der Taxifahrer, der mich dorthin fuhr, sagte mehrmals, wie gefährlich es dort sei und dass ich vorsichtig sein solle. Das ist doch merkwürdig: Israel leidet unter Kriegen und Terrorattacken, und trotzdem sagt ein Taxifahrer: Geh da nicht hin.

Stadt der Verlorenen von Liad Shoham

Stadt der Verlorenen von Liad Shoham © Dumont Verlag

Gleichzeitig ist das Thema aber auch mit dem Selbstverständnis der israelischen Gesellschaft verknüpft.

Ja, es berührt hier eine ihrer großen Fragen. Als es anfing, befürchtete man, dass eine Massenbewegung von Afrikanern das Land erreichen wird. Es gab keine richtige Grenze zwischen Israel und Ägypten, wodurch es leicht war, ins Land zu kommen. Gleichzeitig begründet sich der israelische Ethos darin, dass Israel ein Land der Immigranten ist. Es gibt so viele Geschichten von Menschen, die ab 1933 versuchten in anderen Ländern Zuflucht zu finden aber abgelehnt wurden. Oder die, denen es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht erlaubt war, nach Palästina zu kommen aufgrund des britischen Mandates. Deshalb ist für Israel Hilfe für Immigranten eines der fundamentalen Prinzipien der Gesellschaft. Um ein Beispiel zu geben: Als Menachem Begin 1977 Ministerpräsident wurde, nahm er als Erstes Vietnamesen auf, die auf Booten festsaßen, weil kein Land sie haben wollte. Israel konnte in einer solchen Situation nicht zusehen. Aber das Land wuchs und ist jetzt ein etablierter Staat. Damals waren es tausend Vietnamesen, heute sprechen wir über zehntausende Menschen. In diesem Sinn ist es ein sehr dramatisches Thema in der öffentlichen Diskussion.

Gab es weitere Gründe, die für das Thema sprachen?

Ja. Ganz am Anfang erklärte mir ein Polizeibeamter, dass, wenn ein Verbrechen von einem der Immigranten begangen werde, man den Täter in den ersten 5 Minuten finden müsse, sonst sei er weg. Die Polizei hat keine Handhabe, denn diese Menschen sind identitätslos. Sie haben weder permanente Adressen und Jobs, noch Familie. Aus Sicht eines Krimiautors sprach mich das sofort an: Sie sind identitätslos für die israelische Polizei, sie sind arm, und die israelische Regierung weiß einfach nicht, wie sie mit ihnen umgehen soll. Das ist einer der wichtigen Punkte des Buches: Wenn du soziale Probleme hast, und die Regierung zieht sich zurück, entsteht ein Vakuum, das durch andere Akteure gefüllt wird. Zwei Dinge beschäftigten mich besonders: Erstens, wo diese zumeist jungen Männer Sex haben. Man erzählte mir also von den Prostitutionshäusern. Und zweitens, wie sie Geld bewegen, das heißt, es in ihre Herkunftsorte und zu ihren Verwandten schicken. Die israelische Regierung lässt sie, um möglichst schlechte Bedingungen zu kreieren, keine Bankkonten eröffnen. Aber es ist ja klar, dass sie das Geld verschicken müssen. Und so saß ich mit meiner Frau am Küchentisch und wir entwarfen den Businessplan einer Art Mafia. Anfangs meinten Polizeiermittler, dass es auf diese Weise zwar möglich sei, das Geld zu bewegen, aber sie nicht glaubten, dass es so funktioniert. Heute wissen sie, es funktioniert genau so. Das Buch beschreibt also eine Realität.

Im letzten Jahr gab es Demonstrationen der Immigranten, die unterstützt wurden von israelischen Aktivisten und Aktivistinnen, Künstlern und Künstlerinnen usw. Hat sich dadurch etwas verändert?

Nein, aber die Situation selbst hat sich geändert. Noch als das Buch erschien, hausten diese Menschen in den Straßen und Parks. Jeden Tag kamen 1000 bis 2000 Menschen nach Israel. Sie kauften ein Ticket und fuhren nach Tel Aviv. Heute gibt es einen Zaun zwischen Ägypten und Israel. Die Zahl derer, die es noch hierher schafft, ist sehr gering. Wem es gelingt nach Israel einzureisen, ist allerdings dort gefangen. Sie können nicht mehr raus und sie wissen, dass es keine Lösung für ihr Problem gibt. Israel wird sie nicht als Bürger aufnehmen. Sie stecken fest und das schafft eine unerträgliche Spannung, die man beispielweise im Levinsky Park spürt. Die gab es nicht, als ich mit dem Buch anfing.

Zu Beginn erlaubte die Regierung den Menschen nicht, zu arbeiten. Aber sehr schnell änderte sie diese Entscheidung, denn die Polizei sagte: Wenn ihr sie nicht arbeiten lasst, nimmt die Kriminalität katastrophale Ausmaße an. Die Lösung, die gefunden wurde, ist eine sehr israelische: Wir lassen sie offiziell nicht arbeiten, aber wir setzten das Gesetz, das es ihnen verbietet, nicht durch. D.h. sie arbeiten, aber niemand verfolgt sie dafür. Und Israel braucht sie: In Tel Aviv werden die Straßen vor allem von Migranten gereinigt. Es gab dabei keine Spannungen mit anderen sozialen Gruppen, denn sie kamen in ein Vakuum. Vor ihnen waren die Palästinenser hier, aber Israel möchte nicht mehr, dass diese in großer Zahl hier arbeiten.

Kommen Migranten auch in andere Städte?

Ja, nach Eilat im Süden, aber vor allem nach Tel Aviv. Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum Israels. In anderen Teilen des Landes sind die Löhne ein bisschen niedriger und es gibt Konkurrenz. Im Norden gab es einige Fälle, in denen sich arabische Israelis beklagten, dass die Migranten ihnen die Jobs wegnehmen.

Wie waren die Reaktionen, nachdem das Buch erschienen war?

Ich war nicht sicher, ob das Buch von den Israelis akzeptiert werden wird. Ob sie über ein Thema lesen wollten, auf das die meisten nicht sehr stolz sind. Glücklicherweise hat sich das Gegenteil herausgestellt. Das Buch war sehr erfolgreich und dafür gibt es vielleicht sicher einige Gründe. Es war mein sechstes Buch und viele kauften es, weil es von mir war. Zudem kann man sich bei einem Krimi auf den Plot konzentrieren, auf Drehungen und Wendungen und dabei einfach vermeiden, auf die Hintergründe zu achten. Aber tatsächlich glaube ich, dass es gerade ein Erfolg wurde, weil Menschen an der Thematik interessiert waren. Als ich anfing, das Buch zu schreiben, wusste ich nur das Wenige, das ich in den Nachrichten hörte. Nun hatte ich die Möglichkeit, mehr über die Situation, aber auch mehr über die Individuen zu lernen. Und das kann den Leserinnen und Lesern genauso gehen. Sie sympathisieren mit diesen Charakteren. Israel ist eine offene Gesellschaft und eine Demokratie und ich denke, die Menschen hier sind sehr interessiert, neue Dinge zu lernen, besonders solche, die in ihrem eigenen Hinterhaus passieren. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist vielleicht, dass ich das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben habe, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Jeder Fall hat verschiedene Aspekte, die von dem Standpunkt der Person abhängen. In meinen anderen Büchern erzählte ich die Geschichte immer von einem Hauptcharakter ausgehend, aber wenn du ein Panorama hast, erhöht sich die Chance, mehr zu lernen und mehr von einem Thema wahrzunehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Titelfoto: © Yoni Lerner, Tel Aviv | תל אביב. Via: https://flic.kr/p/q9ei8V is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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