Rose Interview MikrofonIm Radsport geht die Straßensaison 2014 dem Ende zu. Vor gut einem Jahr gründete sich in Berlin das Frauen-Amateur-Renn-Team Velonistas Berlin. Die 10 Frauen fuhren erfolgreich an die Spitze der Champions-Team-Wertung und konnten mit Cornelia Brückner, Maxie Rathmann und Reka Benics das Podium von der MOL-Cup Gesamtwertung  besetzen. Aber was das Team im Innersten zusammenhält, ist weniger das Streben nach guten Platzierungen oder der Ehrgeiz, eine gute Leistung zu erbringen. Die liebenswerteste Eigenschaft der Velonistas besteht in ihrer Sucht nach gemeinsam zu bestehenden Herausforderungen und dem Engagement, diese Erfahrung der Gemeinsamkeit mit anderen zu teilen.

Dabei verfolgen sie zwei Ziele: 1. mehr Frauen für den Radsport zu begeistern und 2. für das Thema Krebs, insbesondere Brustkrebs, zu sensibilisieren. Tina Heizmann erhielt vor drei Jahren die Diagnose „Brustkrebs“. Aus dem Wunsch heraus, sich der Krankheit nicht geschlagen zu geben, gründete sie gemeinsam mit Reka Benics und Cornelia Brückner das Team. Insgesamt gehören jetzt 10 Fahrerinnen zu den Velonistas, die sich auf und neben Rad unterstützen. 3 von ihnen, Cornelia Brückner, Yvonne Dippel und Reka Benics lassen die Saison Revue passieren – Gänsehaut garantiert!

 

Die Strassen-Renn-Saison 2014 neigt sich dem Ende zu – nach dem ersten Jahr Velonistas Berlin – wie ist bei Euch die Stimmung? Ist es denn tatsächlich genug für dieses Jahr mit Radfahren oder könntet Ihr jetzt eigentlich erst so richtig loslegen?

Conny: Mir reichts mit Strassenrennen – aber die Cross-Saison ist heute losgegangen und das ist ok 😉

Yvonne: Mir reichts auch … ich brauch jetzt ein paar Wochen, wo ich mal rumgammele und nur nach Lust und Laune fahre … aber dann darfs auch mit Wintertraining weitergehen.

 

Wintertraining bedeutet Cross? Oder wie kommen die Velonistas über den Winter?

Conny: Also, ein paar von uns fahren Cross oder MTB (Mountainbike) – aber nur als Trainingsserie quasi – nicht so „ernst“ wie die Strassenrennen und auch der Rennkalender ist nicht so dicht. Verbunden mit Grundlagentraining, Kilometersammeln und frieren.

Yvonne: Und wieder verstärkt ran ans Krafttraining.

Conny: Ah ja, genau. Im Fitness-Studio Krafttraining und vor allem viel für die Stärkung der  Ausgleichsmuskulatur und der Koordination.

 

Lausitzcup BA

Lausitz Cup Görlitz, Foto: Stephanie Klein

 

Ihr hattet eine erfolgreiche Saison: Championswertung, MOL-Cup – was ist das?

Yvonne: Der MOL-Cup ist eine Radsport-Renn-Serie in Berlin/Brandenburg, Märkisch-Oder-Land.

Reka: Die Championswertung ist  die deutschlandweite Jedermann-Wertung vom Challenge-Magazin. Da werden alle Teams und auch alle FahrerInnen einzeln gewertet, die ein Hobby- oder Jedermannrennen gefahren sind. Am Anfang der Saison haben wir die Wertung noch gar nicht verfolgt. Dann haben einige der Jungs vom OSC Cyclingteam Potsdam davon erzählt und uns dazu motiviert, da fleißig Punkte zu sammeln. Irgendwann haben wir die Führung übernommen … und dann konnten wir gar nicht mehr „locker lassen“.  😉 Auch die Einzelwertung sieht für uns ganz gut aus: Conny und ich sind zum Beispiel unter den Top 10.

 

OK, so eine Wertung eignet sich natürlich gut für ein Resümee der Saison. Aber daneben gab es sicher noch andere bemerkenswerte Ereignisse? Die sich vielleicht auch nicht direkt in Zahlen und Platzierungen messen lassen.

Conny: Na, ich finde da gibt es bei mir vor allem die Erlebnisse mit dem Team: die Teamzeitfahren waren ein absolutes Highlight. Und dann dieser Tag in Obergurig mit Yvonne – werd ich auch nicht so schnell vergessen.

Yvonne: Oh ja … die Teamzeitfahren waren echt der Hammer. Und dieses „Drecks-„Wetter Rennen Obergurig (morgens um 4 Uhr losgefahren).

Conny: 4 Uhr morgens los in Berlin, strömender Regen am Start und Yvonne und ich sitzen im Auto und wollen nicht an den Start. 15 Minuten vor Beginn sind wir dann rausgesprungen, haben uns in Windeseile umgezogen und sind an die Startlinie gesprintet.

Yvonne: Die Early-Bird-Trainings fürs Teamzeitfahren morgens um *vielzufrüh* Uhr auf der Krone … wann wars … um 7 oder so …

Conny: Hihi, genau. Da mussten wir uns auch überwinden 🙂

Yvonne: Ja völlig richtig … diese extremen Sachen, wo man aber weiß, die anderen Mädels machen das jetzt auch … alleine wäre ich wahrscheinlich im Bett geblieben.

 

Früh aufstehen, Dreckswetter, 140 KM – das ist also so das Setting, in dem die Velonistas erst so richtig aufblühen?

Conny: Naja, ich würde sagen, das sind die Sachen, wo man dann das Team braucht. Sonst macht man das nicht. Da ist es wichtig, zu wissen, „ich bin nicht allein“.

Reka: Genau so war das für mich. Dieses Jahr wurde es mir wirklich klar, was es heisst, ein Team zu haben. Schon oft, eigentlich immer, aber zum ersten Mal richtig beim Lausitz-Cup, am Lausitzring, Anfang Juni: Teamzeitfahren und Straßenrennen. Wahnsinn. Gänsehaut. Sich gemeinsam der Herausforderung stellen. Stürzen. Wieder aufstehen. Sich um die Anderen kümmern. Gewinnen. Das haben wir alles gemeinsam und innerhalb von wenigen Stunden erlebt. Das war sehr intensiv.

Conny: Stimmt – wir hatten dieses Rennen im Lausitz Cup bei dem wir alle gestürzt sind

Yvonne: Oh ja.

Reka: ich werde jedes Mal emotional, wenn ich daran denke … Conny sitzt auf dem Rasen, selbst verletzt, und wäscht unsere blutigen Wunden frei.

Conny: Und wenn Reka nicht gewesen wäre, wären Yvonne und ich ausgestiegen.

Yvonne: Richtig. Ich seh uns noch die letzten zwei Runden fahren … blutend … eierndes Hinterrad, eine kann nicht mehr sitzen … eieiei.

 

teamzeitfahren BA

Teamzeitfahren am Lausitzring, Foto: Sebastian Rengert

 

Was ist beim Lausitz-Cup passiert?

Conny: Naja, es war eins dieser typischen Jedermann-Rennen: Rundkurs über 10 Runden mit 2 Startgruppen, zuerst die Männer, dann Senioren und Frauen. Nach 8 Runden fährt das Männerfeld auf das Senioren+Frauenfeld auf, Chaos und Hektik total. Reka, Dana, Yvonne und ich waren bis dahin immer vorn, dann kommt das Feld, einer stürzt vorne und dann gibts den Massencrash – Yvonne, Reka und ich liegen auf dem Boden.

Reka: Genau. Und während Du bis dahin überlegt hast: Hmm wie sind denn die anderen Fahrerinnen drauf? Wie könnte ich beim Zieleinlauf wegkommen? usw … denkst du dann plötzlich: einfach überleben, mehr möchte ich nicht.

 

Also das „Hauptfeld“ hat Euch überrundet?

Yvonne: Das Männerfeld, was früher gestartet ist, rollt von hinten auf das Frauen/Seniorenfeld auf …

Conny: Also, es waren die letzten 2 Runden. Und wir lagen bis dahin sooo gut!

Reka: Ja:  alle vier von uns fuhren vorne mit. Nach dem Sturz sind wir dann aufgestanden, und haben uns erstmal alle gründlich umgeguckt, ob alle wirklich OK sind. Conny und Yvonne wollten eigentlich das Rennen beenden und waren völlig genervt. Ich weiss nur, dass ich dann etwas lauter wurde und den Beiden  „gesagt“ habe: NEIN, wir fahren weiter und beenden das Rennen! Wir setzten uns also auf unsere Räder und fuhren los, während alles quietschte: Bikes, Laufräder, Knochen … aber langsam fuhren wir wieder an die nächste Gruppe ran und Yvonne rief auf einmal: da ist eine Frau dabei! REKA! Hier sind vielleicht noch Punkte zu holen! Dann fuhr Teamkapitän Conny vor, und sagte nur noch: „Reka, komm, bleib an meinem Hinterrad!“

Conny: Ja, das war ein sehr emotionaler Moment!

Reka: Am Ende sind wir, genau wie beim Teamzeitfahren zusammen durch die Ziellinie gefahren… Wirklich, diesen Tag werde ich nie vergessen.

 

Aber die Velonistas sind ja nicht nur für Rennen unterwegs, Ihr macht auch sonst die ein oder andere Veranstaltung?

Conny: Ja, wir haben uns auch 2 Aufgaben gesetzt: 1) Den Frauenradsport zu fördern. d.h. in diesem Fall, Frauen einen Rahmen zu geben, wo sie sportlich zusammen fahren können. Das sind unsere Rides. 2) Wir möchten mit unserem Team auch zeigen, dass wir uns für eine Gemeinschaft engagieren. Sport hilft nachweislich in der Vorbeugung von Krebserkrankungen, und regelmäßiger Ausdauersport senkt außerdem nachweislich das Rückfallrisiko. Tina bekam vor drei Jahren die Diagnose „Brustkrebs“. Sport, also das Radfahren, ist für sie also auch wichtig, um das Rückfallrisiko zu senken. Wir fahren also auch deshalb – denn es hilft. Tinas Diagnose ist jetzt drei Jahre her, das ist im Krankheitsverlauf ein wichtiger Punkt – wenn man bis dahin rückfallfrei ist, muss man nicht mehr ganz so häufig zur Nachsorge. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass kein neuer Tumor entsteht.

 

Die pinke Fahrradkette in eurem Logo ist also eine Aktion gegen Brustkrebs?

Reka: Die pinke Schleife steht für Brustkrebs. Die rosafarbene Schleife ist Symbol für den gemeinsamen Kampf gegen Brustkrebs, sie steht im Logo von eigentlich allen Organisationen, die sich für Brustkrebsfrüherkennung oder ähnliches engagieren. Wir Velonistas haben sie eben in der Form einer pinkfarbenen Fahrradkette auf unser Trikot gesetzt.

Conny: Ja, und wir haben uns auch an der „Pink Ribbon Tour“ beteiligt. Das ist eine Radtour durch ganz Deutschland, organisiert von „Pink Ribbon Deutschland“, auf der vier Teams so fahren, dass ihre Strecken zusammen eine riesige Schleife auf der Deutschlandkarte ergeben. Und einige unserer Mitfahrer/innen hatten auch – ebenso wie wir – einen guten Grund, da mitzufahren. Eigene Erkrankungen, liebe Menschen, die an Krebs gestorben sind. Für sie war der Ride auch eine Art, dieser verstorbenen Freund/innen zu gedenken. So sind wir auch ins Gespräch gekommen. Und es war sehr wichtig, darüber zu reden. Auch für uns zu wissen, dass das nicht nur eine weitere „lustige“ Ausfahrt ist, sondern hier ist es wichtig, dass wir das zusammen machen.

Beim Pink Ball BErlin BA

Und dann war da noch der Rapha Womens 100 – oder war der für Euch nicht soooo das Highlight?

Conny: Doch, doch natürlich! Da geht es ja wieder um 1. : den Frauenradsport fördern, Frauen, die sich auf dem Rennrad in einer Gruppe vielleicht noch nicht so 100% sicher fühlen einen Rahmen zu bieten, mal ambitionierte Ziele zu erreichen, nämlich 100km zu fahren bzw. halt einfach eine Riesengruppe an Frauen zu sein, die das gemeinsam macht und auch schafft. Vielleicht so ähnlich wie bei der Critical Mass: sichtbar sein, Präsenz zeigen, andere zum Mitmachen animieren. Den Rapha Ride haben wir auch schon zum zweiten Mal organisiert. Letztes Jahr sind ca. 35 Frauen gekommen, diesmal waren wir fast 50. Und wir haben aus unseren Erfahrungen gelernt. Alles besser organisiert – und ich glaube es war ein wirklich guter Tag.

 

Die Stärke der Velonistas besteht unter anderem darin, dass ihr ein Haufen sehr starker unterschiedlicher Charaktere seid. Neben den Team-Events, Team-Rennen fuhr jede von Euch auch noch ihren eigenen Vorlieben entsprechend. Eine von Euch etwa ist in der Fixie-Szene ganz aktiv?

Conny: Ja, wir decken diese wunderbare Vielfalt des Radsports ganz gut ab 😉 Wir haben eine MTB-fahrerin (Sabine) und Janine, die aus der Fixie-Szene kommt. Von der Vielfalt profitieren alle. Man zeigt sich gegenseitig ein paar Tricks bzw. lernt halt auch eine ganz andere Szene kennen.

Na und unsere „Nachwuchsabteilung“ – also Rosa und Maxie – kommen aus dem klassischen Radsport. Also, Sportschule, klassische Rennen auf der Bahn und bei den Kriterien. Leider siehts damit für Frauen sehr, sehr mau aus in Berlin/Brandenburg. Die beiden lassen sich aber nicht entmutigen. Rosa fährt dann halt einfach bei den Männern mit, weil sie das Training und die entsprechende Rennhärte braucht. Maxie ist viel auf der Bahn unterwegs. Leider ist sie bei der Bahn DM dieses Jahr schwer gestürzt. Aber sie ist die aktuelle Berliner Meisterin auf der Straße, Rosa ist Dritte beim Zeitfahren der Berliner Meisterschaften.

 

Ja, na, und Conny – Deine Saison 2014 muss der reinste Überflug gewesen sein?

Reka: Achtung! Conny ist viel zu bescheiden. Ich kontrolliere das. 😉

Conny: Ich bin keine Überfliegerin. In dieser Saison ist vieles sehr gut gelaufen. Ich war überrascht.

Reka: Sie sagt immer: sie hatte „Glück“ – dabei ist Conny unsere stärkste Fahrerin. Sie hat das schon 2013 gezeigt, kaum sind wir zur Bundesliga gefahren, schon kam sie unter den ersten 30 ins Ziel, und das ist in der Bundesliga eine unglaubliche Leistung! Ich persönlich habe das Gefühl, sie ist dieses Jahr noch stärker geworden. Ausserdem ist sie auch nochmal viel erfahrener – in jeder Hinsicht. Das sieht man auch am Start. Sie ist viel ruhiger. Und will immer mehr und mehr dazu lernen und immer weiter an sich arbeiten – das kann auch nicht jede(r).

Conny: Ja, das stimmt. Ich bin jetzt auch listiger.

Reka: Bei Conny stimmt einfach alles: Kondition – Willenskraft (!!!) – Taktik (Conny ist ein Fuchs und informiert sich auch professionell) – Erfahrung – und wie gesagt, die Bereitschaft und Fähigkeit, immer weiter genau an diesen Punkten zu arbeiten.

Conny: Ja, das hat Reka schon sehr schön gesagt. Am wichtigsten war der MOL-Cup Gesamtsieg und der Sieg beim Radweltpokal in Sankt Johann in Österreich. Das waren früher mal die Amateurweltmeisterschaften. Ja, man kann sagen ich hatte eine sehr gute Saison, das stimmt – aber es gehört auch immer ein bisschen Glück dazu, glaubt`s mir.

 

Ihr steht ja auch in der Teamwertung sehr gut da.

Reka: Ich glaube, wir waren im MOL-Cup 2014 auch das einzige Frauenteam. In der Mannschaftswertung landeten wir auf Platz 8 von insgesamt 39 gewerteten Teams.

Conny: Also die Berliner Frauenradszene wächst. Das ist die gute Nachricht. Aber sie ist immer noch klein. Das heißt – abgesehen von Lizenzrennen – keine eigenen Frauenrennen nach wie vor. Aber wir arbeiten daran. In Sachen Teamwertung kämpfen wir darum, die gesamtdeutsche Jedefrauenteamwertung – also diese Championswertung von der wir am Anfang gesprochen haben – zu gewinnen. Momentan führen wir (noch).

 

Wie sieht denn Euer Ausblick auf 2015 aus?

Conny: Wir konzentrieren uns wieder auf die regionalen Cuprennen: Lausitzcup und MOL Cup. Wir wollen wieder die Championswertung gewinnen und mit unseren jungen Fahrerinnen mehr bei den Lizenzrennen präsent sein. Wir sehen uns nach wie vor als Teil einer wachsenden Berliner Frauenradszene, zusammen mit den gewohnt starken Fahrerinnen wie Yvonne Fiedler und Lydia Wegemund sowie ein paar neuen Gesichtern: Julia Schütze und Sam Sandten – die in dieser Saison bei einzelnen Strassenrennen und beim Zeitfahren sehr gute Ergebnisse hatten.

 

2 Kommentare

  1. Pingback: Regine Heidorn

  2. Pingback: Velonistas - Berlin - BIKESISTERS

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top