Rose KurzgeschichteWährend zu Beginn dieses Jahres in einschlägigen Medien wieder einmal die menschenfeindliche Atmosphäre chinesischer Großstädte angeprangert wurde und der einvernehmliche Tenor lautete „wie lange können die Menschen dort noch so leben und was bitte macht die Regierung dagegen?“ befand ich mich mittendrin: in der Volksrepublik China, in Peking, in der Glocke aus Dunst, Kraftfahrzeugabgasen und einem speienden Schornsteinmeer. Wenngleich Fabriken und dergleichen hauptsächlich im Umland der Stadt angesiedelt waren, bedeutete dies nicht, dass ihre karzinogenen Emissionen nicht auch jede Ritze von Wohnhäusern, Büros und Schnellimbissen in der Hauptstadt durchdrangen. Wobei ein „Durchdringen“ bei Letzteren zumeist nicht nötig war, da die Kultur einer offenen Tür auch bei Smogwerten jenseits von Gut und Böse breiten Anklang fand. Zu Beginn meiner Reise jedoch, als meine Naivität gegenüber der Materie „Umweltverschmutzung“ nur von unseren deutschen Richtwerten geprägt war, die, mit Verlaub, selbst in unseren Großstädten vergleichsweise paradiesischen Zuständen gleichen, konnte ich nur ahnen, was dort auf mich zukommen würde.

Der Schleier des wirtschaftlichen Wachstums

Ich hatte für ein halbes Jahr ein Praktikum bei einer staatlichen Entwicklungszusammenarbeitsorganisation angenommen und brach Ende Februar gen Reich der Mitte auf. Während ich abends noch einen klaren, beinah frühlingshaften Himmel in Frankfurt hinter mir ließ, traf ich am nächsten Vormittag an meinem Reiseziel ein. Der Hinweis darauf, dass ich nun in Peking sei, ergab sich mir jedoch nur durch die zahlreichen Hinweisschilder und natürlich chinesischen Schriftzeichen, denn von der Stadt gesehen, hatte ich aus dem Flugzeug nichts. Das was über der Stadt lag, war kein Schleier, der sich an nasskalten Herbsttagen über die Baumwipfel mittelhessischer Ländereien legte und hin und wieder den Blick auf Kiefern und Tannen freigab. Hier wurde nichts freigegeben und alles, was sich in einer Entfernung von mehr als ca. 200 Metern befand, konnte man einfach nicht sehen! Doch ich musste es hinnehmen, ich wusste ja ungefähr worauf ich mich einlasse und es wird schon irgendwann besser werden. Anders kann man nicht an die Sache herangehen und so zog ich weiter in Richtung Innenstadt zu meiner Unterkunft für die ersten Tage.

Passe Dich deiner Umgebung an. Welch ein Irrsinn …

Im Gepäck hatte ich natürlich ein paar Atemmasken, wie sie Bauarbeiter bei der Asbestbeseitigung oder während eines Saharasandsturms tragen könnten, doch wunderte ich mich zunächst, dass beinah kein Chinese eine Maske trug. Konnte es demnach gar nicht so schlimm sein und die weltuntergangsgleichen Tage folgen erst noch? Ich war mir unsicher und in einem Anflug von falschen Integrationsambitionen verzichtete ich zunächst auch auf eine Maske: Wenn es die Einheimischen nicht tun, wird es wohl gehen und ich passe mich einfach mal an! Die Quittung dafür kam schon am nächsten Tag zum Vorschein und ich wachte mit einem ersten Kratzen im Hals auf, die zwei, drei Huster am Tag ignorierte ich bis dahin noch. So hielt ich mich also das ganze Wochenende draußen oder in verschiedenen Gebäuden auf und erschien schließlich montags bei der Arbeit.

 

Blick aus meinem Büro, Foto: Sebastian Handke

Blick aus meinem Büro, Foto: Sebastian Handke

vs.

Blick aus meinem Büro, Foto: Sebastian Handke

Blick aus meinem Büro, Foto: Sebastian Handke

 

Ich erblickte zum ersten Mal Luftfilter, die sanft in ihren Ecken surrten, doch da war der andauernde Husten, eine gereizte Rachenregion und das leichte Brennen in den dem Labyrinth aus Bronchien und Bronchiolen schon allgegenwärtig. Auf was ich mich da eingelassen hatte, so fahrlässig und naiv ohne Maske durch die Gegend zu laufen, erklärten mir meine Kollegen sodann mithilfe einer Website, die stündlich die Smogwerte für Peking und andere Großstädte Chinas ausgibt:

Eine Skala von 0-500 gibt die Smog- bzw. Luftbelastung anhand verschiedener Stoffe wie Kohlenmonoxid, Ozon oder Feinstaubpartikeln in unterschiedlichen Größen an. Wir orientierten uns im Büro stets an den PM2,5-Partikeln (Particulate Matter), also Partikel mit einer Größe von 2,5 Mikrometern (siehe UBA-Grafik ), die bis in die Lungenbläschen vordringen und auf Dauer schweren Schaden anrichten können. Während sich in Deutschland die Werte für diese Partikel zumeist zwischen 10 und 20 auf dieser Skala bewegen, waren meine ersten zwei Wochen jenseits aller Maßstäbe: Werte bis 580 trübten die Sicht auf Tage und ließen mich die Ausmaße der 16-Millionen-Menschen-Metropole nicht einmal erahnen. Die Sonne bot sich als verschwommener Feuerball dar und schimmerte nur fahl auf die Straßen, die Häuser, die Menschen.

Quelle: Umweltbundesamt

Quelle: Umweltbundesamt

 

Kopfschütteln, Unglaube und noch sechs Monate vor mir

In was für eine unwirkliche und, noch mehr, menschenfeindliche Umgebung war ich hier geraten? Während ich darüber nachdachte, kamen mir vereinzelte Menschen ins Gedächtnis, die ich in den letzten Tage gesehen hatte und wie sie zum „Schutz“ ihre Hand vor den Mund hielten, nicht mit einem Taschentuch oder ähnlichem bewaffnet, nein, einfach nur mit der bloßen Hand! Scheinbar reflexartig glitt meine Hand nun in meinen Rucksack, kramte eine Atemmaske in Cellophan verpackt hervor und verwahrte sie greifbar, denn bald war es auch schon Zeit, zum Mittagessen zu gehen …

 

Weitere Informationen:
Beijing Air Pollution: Real-time Air Quality Index (AQI)
Feinstaubbelastung in Deutschland (Hintergrund, Umweltbundesamt, pdf)
Wo die Belastung am größten ist (Infografik für verschiedene Jahrgänge, Süddeutsche.de)

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top