Rose_MagazinBezahlte Liebe ohne Sex. Milka Reich ist Berührerin. Eine Tätigkeit, die scheinbar etwas ganz Selbstverständliches und Leichtes ausübt. Und doch ist berührt werden für viele Menschen kein Bestandteil ihres Lebens. (Ein Beitrag aus unserer aktuellen Print-Ausgabe zum Thema Sex.)

Milka Reich schließt die Tür zu ihrem Arbeitsplatz auf. Ein unscheinbares Ladengeschäft in Berlin-Kreuzberg, inmitten von schön gemachten Straßen und netten Cafés. Mittlerweile eine gutbürgerliche Ecke in Berlin. Ich bin fast überrascht, Milka so zu sehen: Jeans, lockerer Pulli, etwas zerzauste, kürzere Haare. Aber was habe ich insgeheim erwartet? Eine stark geschminkte Frau in figurbetonten Kleidern, die auch mich als Frau sexuelle Gedanken entwickeln lässt?

Milka Reich ist Berührerin. Die 50-Jährige lebt und arbeitet in Berlin. Sie gibt Massagen oder unternimmt, wie sie es nennt, Körperreisen. Dies beinhaltet, wie der Name schon sagt, das Berühren des Körpers. Ich bin rein zufällig auf Milkas Homepage gestoßen. Ich suchte eine Person, die auch Menschen mit Behinderung sexuell assistiert. Assistieren. Welch grässlicher Ausdruck. Milka assistiert jedoch nicht, sie berührt.

Wir haben uns mittlerweile in den vorderen Teil ihres Studios gesetzt. Zwei Korbstühle, ein Bild mit Buddha an der Wand, Milka bietet mir Hausschuhe an. Im hinteren Teil des Raumes ist ein großes orangenes Zelt aufgebaut. Es verbreitet eine warme Stimmung in dem Altberliner Raum mit den so hohen Decken. Meine anfängliche, doch ein wenig aufgeregte Neugier legt sich. Milka schaut mich ruhig an. Fast vergesse ich, dass ich es bin, die jetzt fragt, nicht sie. Ich fange also an: „Milka, seit wann bist du Berührerin?“ Milka beginnt zu erzählen. Seit nunmehr 14 Jahren übt sie ihren Beruf aus. Bestärkt durch ihren Freund, traf sie die Entscheidung, diese Form von Wärme zu geben. Sie habe schon immer auf eine besondere Weise Empfindungen mit Menschen geteilt. „Wenn ich jemanden sehe, der jemanden berührt, ist es so, als würde ich das auch fühlen.“ Der Weg hin zum Beruf des Berührens war also nicht weit.

Milka Reich schläft nicht mit ihren Klienten. Sie ist keine Prostituierte. Dennoch entsteht bei vielen die Vermutung, dass sie doch irgendwas mit „bezahlter Liebe“ mache. Dies tue sie auch, aber eben ohne Geschlechtsverkehr. Wenn Menschen nicht einordnen können, was sie beruflich genau ausübt, sagt sie: „Ich gebe erotische Massagen. Dann sind sie meistens still.“

Es sind Menschen in allen möglichen Lebenssituationen: ledig, in einer Beziehung, verheiratet mit Kindern. Meist in ihrem Alter. Ihre Klienten würden keine 25-Jährige mehr wollen. Auf meine Frage, ob auch oft Menschen mit Behinderung sich von ihr berühren lassen, antwortet sie: „Eigentlich möchte ich da keine genaue Grenze ziehen, behindert oder nicht behindert, was bedeutet das schon. Wir sind doch alle in einer gewissen Weise in manchen Lebenslagen behindert. Die Körperform ist eben nur eine Form. Hier herrscht so große Vielfalt, wie es Menschen gibt. Hinter der Form sind wir alle gleich. Deshalb ist für mich die jeweilige Form eines Menschen nicht so wesentlich. Mich interessiert mehr das Dahinter.“ Meine eben gestellte Frage kommt mir jetzt unpassend vor. Hatte ich Milka doch eigentlich kontaktiert, um eben auch über die Zärtlichkeit zu Menschen mit Behinderung zu sprechen, wird mir nun klar, dass hier nicht zwingend eine Grenze gezogen werden muss. Haut auf Haut ist eben Haut auf Haut, nicht mehr und nicht weniger. Bei Menschen mit als auch ohne Behinderung.

Ich frage sie, wie so eine Massage, oder auch Körperreise, aussieht. Zunächst führt Milka stets zu Beginn einer Kundenbindung ein Telefonat. Sie höre hier schon viel heraus, um was für eine Person es sich handele. Wenn es dann zum Termin kommt; meist hat Milka auch nur einen Klienten pro Tag; führt sie ein Gespräch mit der oder dem zu Berührenden. Dies sei einerseits wichtig für die Vertrauensebene, die entstehen muss, andererseits kann sie sich so auf den Menschen einstellen.

„Wenn ich jemanden sehe, der jemanden berührt, ist es so, als würde ich das auch fühlen.“

Bei Milka gibt es kein festes „Programm“, genau das entscheidet sie von klassischen Massage- und Tantrastudios. Vielmehr stellt sie die Frage, was ihre Klienten denn suchen und von ihr erwarten würden. Natürlich variieren die Antworten. Bei Milka geht es aber eben nicht ausschließlich plump um die Stimulation primärer Geschlechtsorgane. Menschen, die nur noch von ihrem Friseur angefasst würden, gäben aber eine andere Antwort, als zum Beispiel gebundene Frauen, die gerne noch etwas lernen möchten.

Lernen zu berühren. Schon ein wenig verrückt. Diese Tätigkeit, die so leicht erscheint und einen elementaren Bestandteil unseres Lebens darstellt, ist für viele schlichtweg kein Bestandteil des Lebens.

In Deutschland lebt knapp die Hälfte der Bevölkerung allein. Offiziell allein. Das heißt nicht verheiratet oder in einer festen Partnerschaft lebend. Wenn man die Zahl der sich allein fühlenden um die, die zwar mit einem Ehering verbunden sind, ergänzen würde, wäre die Zahl wohl noch weitaus höher. Seit Jahren nicht berührte Menschen.

In was für einer Gesellschaft leben wir, in der man nicht durch die Straßen gehen kann, ohne von übersexualisierten Werbeplakaten erschlagen zu werden, in der aber die Berührung zwischen zwei Menschen zur Ausnahme wird? Eine streichelnde Berührung, die nicht viel, aber eben auch die Welt bedeuten kann. In einer Gesellschaft, in der Sex so schnell und unpersönlich ablaufen kann, aber das wirkliche Anfassen und Fühlen zu einer schweren Aufgabe wird.

Insbesondere in Deutschland ist die Berührung auch im alltäglichen Leben fast verschwunden. In anderen Kulturen sieht das schon anders aus, meint Milka. Dort gehöre eine Berührung, auch ohne jegliche sexuelle Konnotation zum Common Sense des Miteinanders. Sind die Deutschen also zu deutsch, um sich zu berühren? Milka meint: „Es liegt vielmehr daran, dass wir verlernt haben, uns zu berühren. Dass eine Berührung, die mehr als ein kollegialer Händedruck ist, nicht zwangsläufig in die erotische Richtung gehen muss und trotzdem ein bleibendes Gefühl hinterlassen kann.“

Milka fährt fort. Nach dem einführenden Gespräch, bei dem die Klienten oftmals schon einen Einblick in die Problematiken ihres Alltags offenbaren, müssen sie sich duschen. Nun fängt der körperliche Teil der Sitzung an. Milka lässt ihre Besucher selbst entscheiden, wie sie sich zu Anfang auf die ebenerdige Matte legen wollen und vor allem, was sie an Kleidung anlassen möchten. Viele behalten erst einmal das T-Shirt und die Unterwäsche am Körper. Und ebenso viele ziehen sich nach einer halben Stunde gänzlich aus. Es hat jedoch auch einmal eine Frau gegeben, die ihre Kleidung als Schutzzone komplett anließ. Milka hingegen bleibt angezogen.

Auch das gehört zu Milkas Arbeit. Auf die Menschen eingehen, keinen Druck ausüben, Vertrauen aufbauen. Milka beginnt dann meist bei ruhiger Musik, ein Körperteil, vielleicht die Schulter, vielleicht den Arm, mit der flachen Hand zu berühren. Im Vorhinein fragt sie, an welchen Stellen die Berührung besonders schön sei und an welchen Stellen man nicht angefasst werden möchte. Allein aus der Reaktion ihrer Klienten merkt sie, in welche Richtung diese Sitzung geht. Oftmals bleibt es bei dem Berühren, das lediglich wohlige Zuneigung und Wärme schenkt. Es kann aber auch zu Sitzungen kommen, bei der die sexuelle Empfindung für ihre Klienten in den Vordergrund tritt.

die Berührerin, Illustration: Anna Franke

Illustration: Anna Franke

Eine Begegnung ist Milka besonders schön in Erinnerung geblieben. Ein Sohn wollte seinem 74-jährigem Vater zwei Stunden bei Milka schenken. Eher schwierig, meint Milka, denn den Schritt, zu ihr zu kommen, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Sie traf dennoch den Sohn in einem Café für ein Vorgespräch und merkte, dass es durch ihren positiven Eindruck vom Sohn auch mit dem Vater klappen könnte. Tag X war gekommen, und vor ihr standen Sohn und Vater. Der Sohn verabschiedete sich und ließ sie mit dem Vater allein. Eine Szene wie im Kindergarten, nur dass nun die Rollen vertauscht waren. Der Mann war anfangs nicht begeistert über das Geschenk seines Sohnes. Er würde nicht wissen, was das hier solle, sagte er griesgrämig, während er sich in den Sessel plumpsen ließ. Milka erklärte ihm, dass alles auf Freiwilligkeit beruhen würde, nichts müsse nun passieren. Sie bot ihm an zu entscheiden, was er ausziehen wolle. Das gefiel dem älteren Herrn.

Wenn sich ihre Klienten hingelegt haben, ist Milka oftmals noch lange damit beschäftigt, diese mit mehreren Tüchern zuzudecken. Schon dabei fing der Mann an zu weinen. Er erzählte Milka von seiner Frau, die mittlerweile in einer anderen Beziehung lebte. Seine Enkel fragten ihn, ob er überhaupt noch ein richtiger Mann sei. Die Identität als sexuelles Wesen wurde ihm abgesprochen. War er doch schließlich nur noch der Opa für viele. Milka ließ ihn erzählen und berührte, wie immer ohne festen Ablauflaufplan. Beide gingen zusammen auf eine körperliche Expedition, der Mann erfuhr seit Jahren seine erste erotische Begegnung mit einer Frau. Endorphinfeuerwerk. Nach der Sitzung begleitete sie den Mann noch in das Café, in dem sein Sohn wartete. Der Herr war so gelöst und glücklich, dass er Milka stolz an die Hand nahm. Wie ein junges Pärchen, vor Vertrauen und Selbstsicherheit strotzend.

Das sind Augenblicke, in denen Milka weiß, warum sie den Job macht. So wie sie diese Erfahrung wiedergibt, wird deutlich, dass ihr Beruf von beiderseitigem Vertrauen lebt. Wie es bei dem älteren Herren abgelaufen ist, kann es ablaufen. Muss es aber nicht. Denn Körperkontakt muss nicht zwingend etwas mit Sex zu tun haben. Körperkontakt durch die alleinige Berührung kann manchmal befriedigender und emotionsgeladener sein als der reine Geschlechtsverkehr.

Später erzählt Milka mir die Geschichte vom Austernmann. Nach vollendeter Körperreise, bei der es zu einem Orgasmus kommen kann, aber eben nicht muss, kuschelt Milka mit ihren Klienten, sofern diese das denn wollen. So auch mit einem Herren, der sich nach und nach in diesen zwei Stunden ihr, aber eben auch sich selbst öffnete. Wie eine Person sich in diesen 120 Minuten verändern kann, sei erstaunlich. Der Mann sagte erst nichts. Beide ruhig, lauschten der Musik. Auf einmal fing er an zu sprechen: „In meinem früheren Leben war ich eine Auster. Ich weiß nun, wie es sich anfühlt, sich zu öffnen.“

Mir wird klar, mit welch immenser Kraft solch eine Sitzung auf Menschen wirken kann. Von einer anfänglichen Unsicherheit bis hin sich vollkommen fallen zu lassen. Durch die Berührung zweier warmer, verstehender Hände. Milka nennt dies das „Aufblühen“ ihrer Klienten.

Am Ende haben wir so viel über das Berühren gesprochen, dass ich nun nicht ganz sicher bin, wie ich Milka verabschieden soll. Es wird ein warmer Händedruck.

Mehr zum Thema Sex gibt es in unserer aktuellen Print-Ausgabe.

2 Kommentare

  1. Lusru Antworten 26. September 2016 at 23:25

    Nun, ich meine dazu dies:
    Berührende Grafiken!
    Ein berührender Text!
    Berührung, ohne Hand und Körper – nur mit gedruckten Zeichen, erblickten, wie Blicke, die sich berühren.
    Ja, auch Blicke berühren, auch sich.
    Sie können auch rühren, wie Texte, die berühren.

    Lena, das haben Sie wunderschön und leise beschrieben, das berührt allein schon beim Lesen, was wohl auch sehr vielen Menschen inzwischen bemerkt oder unbewusst fehlen dürfte.

    Ich habe mit(berührt)gefühlt und mich selber dabei gut gefühlt, geistig berührt.

    Politik ist keine Wissenschaft, sie ist „nur“ eine Kunst:
    Die Kunst des Berührens des Anderen, der Anderen.

    Wer darin eine Wissenschaft sieht, ist nicht mehr berührbar, berührend.
    Es sei denn, das Berühren wird zur Wissenschaft und zeugt so Politik, geistig wie körperlich, Politik als wahrnehmbare Regungsäusserung mit angeschlossenem Handlungsteil, schlicht, klar erfassbar und auf Unterschiede konzentriert – das einzige, das bei Beobachtung, Berührung und Rührung erfahrbar, erfassbar und teilbar ist.
    Die Teilbarkeit, das Teilen – nicht Zerteilen – die Teilhabe sind es, die Berührungen so in das Zentrum rücken und schaffen, was Ausgrenzung verdorben hat

    • Lena Baseler Antworten 28. September 2016 at 12:42

      Vielen Dank für diese netten Worte!

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