Rose Kommentar„Hedonismus reicht als politische Haltung nicht aus.“ Unser Montags-Kommentar von Christian Neuner-Duttenhofer. Heute zur Frage wie es mit unserem Lebensstil nach den Anschlägen von Paris weitergehen soll.

„So many were killed because so many people wouldn’t leave their friends“, sagt der Lead-Sänger von Eagles of Death Metal Jesse Hughes bei Vice.

Komm, zieh den Kopfhörer auf oder dreh die Boxen laut. Mach Save a Prayer (Duran Duran Cover) an und schau aus dem Fenster. Lass Dich tragen.

Am vergangenen Wochenende auf Phoenix ein Interview am Rande eines Parteitages: „Wir wollen unseren Lebensstil beibehalten“, sagt jemand. Ist das eine politische Aussage? Ist das OK als Impuls? Oder einfach nur ziemlich naiv? Eigentlich geradezu apolitisch?

Mario Münster hat uns vergangenen Montag bei ROSEGARDEN das „Ende des Paradieses, wie wir es kannten“ eindrucksvoll beschrieben: „Mit den Anschlägen von Paris verliert unsere Generation ihre Unschuld. Unser Leben wird sich ändern und bekommt eine zentrale Aufgabe: Die Verteidigung unseres Lebensstils und unserer Werte“.

Wir sind von Mitschuld beladen

Ich teile das meiste. Aber Unschuld? Wir sind so dermaßen von Mitschuld beladen, dass wir eigentlich kaum noch laufen dürften vor Last. Um das zu kapieren braucht es eigentlich auch nicht Bücher mit Titeln wie „Der Hunger – Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ vom argentinischen Schriftsteller Martin Caparrós. Diese unüberhörbare Botschaft gibt es tausendfach, jeden Tag, seit Jahren, Jahrzehnten. Auch den Naivsten unter uns muss man zumindest so viel Selbstreflexion abverlangen können, dass die eigene Lebensweise nicht ganz unbeteiligt sein kann an den Entwicklungen in der Welt und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Dann geht es bei Mario weiter: „Wir redeten uns ein, das alles sei weit weg von uns. Naiv, natürlich. Aber es funktionierte.“ Da bin ich bei ihm. Naiv ohne Ende. Haben wir wirklich gedacht, wir kommen davon? Haben wir wirklich gedacht, wir kommen mit den sogenannten „Lehren des Silvanus“ (ägyptische Weisheiten aus dem 4. Jahrhundert nach Christus) durch? „Die ganze Erde ist voll von Plagen und Leiden – das sind nutzlose Dinge. Wenn du dein Leben in Ruhe verbringen willst, dann schließe dich niemandem an“. Das ist unser armseliges Ideal?

„Mais je sais que Paris n’est pas Homs, et je crains fort que persister à boire un apéritif en terrasse ne transforme aucun de nous en Jean Moulin“, schreibt Jérôme Ferrari in der Literaturbeilage von le Monde. Pardon my French: Nicht jeder, der jetzt weiterhin seinen Drink auf der Terrasse schlürft, ist damit gleich der Größte aller Widerstandskämpfer für „unseren Lebensstil“ und „unsere Werte“. Selbst für deutlich weniger braucht es viel mehr. Und das ist jetzt auch nötig. Offensichtlich.

Freiheit ist mehr als eine möglichst unbelastete Party

Freiheit ist keine möglichst unbelastete Party. Sie ist ein Wert, den es zu verteidigen gilt. „Fight for your right to party“ ist keine Konsumhaltung. „Die Aufklärung wird die Barbarei nicht los“, schreibt Rainer Hank in der FAZ. „Sie hängt an ihr wie ein Teufel; das ist ihre Dialektik. Der Kampf für die Freiheit, meint Popper, ist ein ewiger. Er endet nie.“

Und jetzt Paris. “Sie sollten getroffen werden bei diesen Anschlägen, die Orte waren genau bedacht. Hier treffen sich die Kreativen, die Gutverdienenden, die Jungen, die Gewinner der Gesellschaft. `Bobos`, so nennen sie sich selbst. (…) eine Abkürzung von `Bohemien-Bourgeois`, also Bürger, die wie Künstler leben. Oder wie Kinder.“ Georg Diez meint doch nicht etwa auch uns damit?

Nach vielerlei Beobachtungen und Gesprächen mit Vertretern meiner Generation (so zwischen 30 und 45) stelle ich immer wieder diese Fragen: Warum reduziert sich gerade die starke, mitten im Leben stehende Generation der Dreißig- bis Mitte Vierzigjährigen so konsequent auf ihr reines, subalternes Funktionieren? Warum mischen wir uns so wenig in die gesellschaftliche Entwicklung ein? Woher kommen die Vorbehalte gegen den Versuch, politisch Einfluss zu nehmen und dabei auch Konflikte in Kauf zu nehmen? Warum tauchen wir nicht auf?

Es gibt die These, dass die Babyboomer-Generation (zwischen 50 und 65) in den USA bis heute die Weihnachtsmusik im Radio dominiert, weil sie in den Rundfunkunternehmen an den entscheidenden Positionen sitzt. Mit Blick auf Politik und Gesellschaft eine passende Analogie. Sie dominieren die Gesellschaft. Sie bestimmen die Jukebox, den Takt. Sie bürden ihren Nachkommen weiterhin immer mehr Lasten auf. Und als ob die Politik der letzten Jahrzehnte im Vakuum stattgefunden hätte („alternativlos“), scheinen wir tatsächlich immer noch glauben zu wollen, dass gerade diese Generation es doch (noch mal) besser machen wird als wir. Schlimmer noch: die Alten müssen ihre Nachkommen auch noch zum Jagen tragen. Und fördern. Und nicht verletzen. Wie die Kinder.

 

Weinflasche; Foto: pixabay.com by fancycrave1

Rückzug wäre Bullshit

Wir können uns nicht zurückziehen, weder in ein „Was soll ich schon ändern“ noch in ein „Nach mir die Sintflut“. Beides ist Bullshit. Mit beidem machen wir uns einerseits kleiner als wir sind. Andererseits maßen wir uns damit vielleicht genau die egozentrierte Selbstüberschätzung an, mit der wir groß gezogen wurden.

Was nach uns kommt? Die abgeklärte Alles-Checker-Generation Y. „Wir haben keine Angst“, behauptet im Zeit Magazin Mareike Nieberding für ihre Generation. „Wir haben gelernt, dass der Terror auch von rechts oder aus dem Inneren unserer Gesellschaft kommen kann. Und wir haben gelernt, mit der Angst zu leben.“ Das nehme ich ihr nicht ab. Aber auch da die Frage: wo ist denn der Veränderungswille jenseits der Selbstbeschreibung?

Schön wäre es, wenn wir unsere Potenziale und Kraft nicht nur für uns selbst einsetzen würden. Das, wenn wir ehrlich sind, machen wir aber zum größten Teil. Dabei sollten wir uns doch engagieren dafür, dass sich Gutes entwickelt. Für etwas kämpfen. Aus Überzeugung.

Also: ein Pernod auf der Terrasse geht klar. Aber das allein ist noch kein hinreichender Einsatz für die freie und offene Gesellschaft. Hedonismus reicht als politische Haltung nicht aus. Wir können nicht so bleiben, wie wir waren. Nicht nach Paris und nicht angesichts unzähliger Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland. Macht was für die Gemeinschaft. Macht was für die Gesellschaft, die Euch so sehr am Herzen liegt. Wenn sie Euch etwas wert ist, gibt es keine Alternative. Ihr seht seit Monaten, wie sehr sie in Gefahr ist.

 

Foto: pixabay.com, by fancycrave

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