Wir sind immer begeistert von guten Ideen voller Leidenschaft. So auch vom Projekt hostwriter, das von den drei Journalistinnen Tamara Anthony, Tabea Grzeszyk und Sandra Zistl gegründet  wurde und jetzt an den Start gegangen ist. Über das, was hostwriter genau ist und was dahinter steckt, haben wir mit Tabea Grzeszyk gesprochen.

 

Kannst du kurz erklären, worum es bei hostwriter geht?

hostwriter ist eine Mischung aus Recherche-Hilfe und „couch surfing“ für Reporter. Uns geht es um journalistische Kooperation statt Konkurrenz: Mitglieder können sich gegenseitig mit Tipps oder Kontakten unterstützen, zu internationalen Recherche-Teams zusammenschließen oder ihr Gästezimmer für Kollegen zur Verfügung stellen. Vor allem aber bringt hostwriter Journalisten in Kontakt, die sich für ähnliche Themen interessieren: Wer beispielsweise über Rechtspopulismus in Europa recherchiert, kann über hostwriter nach Kollegen aus Frankreich, Österreich oder Finnland suchen. Liefert jeder ein Fallbeispiel aus seinem Land, können alle Kollegen gemeinsam (noch) bessere Geschichten erzählen!

Wie ist die Idee zu hostwriter entstanden?

Da hat jede von uns drei Gründerinnen ihre eigene Geschichte. Für Tamara war so ein Moment, als in Bangladesch die Textilfabrik „Rana Plaza“ einstürzte und sie dringend Kontakten vor Ort brauchte. Für Sandra waren Recherchereisen mit journalists.network prägend: Wir drei sind im Vorstand des Vereins aktiv und haben die Idee für hostwriter dort entwickelt. Bei journalists.network organisieren Journalisten Reisen für Journalisten – eine schöne Erfahrung, dass man in einer Gruppe von zehn Kollegen die gleichen Termine wahrnimmt und zuletzt doch eine eigene Geschichte schreibt. Ich selbst war 2009 mit Couchsurfing u.a. in Syrien unterwegs; dort habe ich bei einem jungen Paar in einem Vorort von Damaskus gewohnt, wo überwiegend irakische Flüchtlinge wohnten. Das war ein Einblick, den ich nie bekommen hätte, wäre ich in einem Hotel abgestiegen. Solche Begegnungen möchten wir jetzt mit hostwriter für Kollegen ermöglichen!

Die drei hostwriter-Gründerinnen nach dem Launch: Sandra Zistl, Tabea Grzeszyk, Tamara Anthony (v.l.) Foto: André Grzeszyk

Die drei hostwriter-Gründerinnen nach dem Launch: Sandra Zistl, Tabea Grzeszyk, Tamara Anthony (v.l.) Foto: André Grzeszyk

Ihr seid am 7. Mai offiziell an den Start gegangen. Davor lag eine Vorbereitungszeit. Wie lange hat die gedauert und was habt ihr gemacht?

Die größte Hürde war anfangs die Finanzierung. Wir haben ein ganzes Jahr lang Anträge bei Stiftungen geschrieben, aber nichts klappte. Bis im Mai 2013 das Vocer Innovation Medialab einstieg, danach kamen Zusagen von der Medienstiftung Hamburg/Schleswig-Holstein, startsocial und der Rudolf-Augstein-Stiftung. Auf uns kam dann erstmal eine Menge Bürokratie zu: Wir haben hostwriter im September 2013 als gemeinnützige Unternehmergesellschaft (gUG) gegründet, ein Geschäftskonto eröffnet und unsere Internet-Domains gesichert. Neben der Planung, wie hostwriter aussehen und welche Funktionen es genau haben soll, mussten wir weitere rechtliche Dinge klären: Über das Beratungsstipendium von startsocial kamen wir an eine Hamburger Anwaltskanzlei, die uns die AGBs unter Berücksichtigung deutschen und internationalen Rechts formuliert hat. Parallel haben wir einen Imagefilm gedreht und einen Blog und Seiten auf Facebook und Twitter angelegt, um hostwriter bekannter zu machen und unser work-in-progress zu dokumentieren. Zwischen der ersten Idee und dem Launch von hostwriter am 7. Mai 2014 liegen so ungefähr zwei Jahre.

Ihr wollt auch die stärkere Vernetzung unter Journalisten fördern. Warum ist das nötig?

Das Internet bietet die Möglichkeit, sich weltweit mit Gleichgesinnten zu vernetzen – dieses Potential wurde journalistisch noch gar nicht richtig ausgeschöpft. Wir skypen mit Freunden am Ende der Welt, verlegen Meetings in den Hangout, debattieren per Hashtag auf Twitter: gemeinsames Arbeiten mit digitalen Tools prägen unseren Alltag. Aber die „collaboration economy“ setzt sich im Journalismus nur zögerlich durch. Während die Welt immer globaler wird, organisieren sich die klassischen Medien weitgehend national. Kollaborationen zwischen lokalen und internationalen Journalisten? Fehlanzeige. Das wollen wir mit hostwriter ändern. hostwriter richtet sich übrigens genauso an Freie wie auch an (festangestellte) Redakteure! Recherchestränge führen immer öfter ins Ausland – da hilft es auch (festangestellten) Redakteuren, Gesprächspartner mit Fachkenntnisen im Ausland zu finden. Und was bei Festangestellten gilt, trifft auf Kooperationen unter Freien genauso zu: eine Kooperation heißt nicht, dass der Tipp oder die umfänglichen Hilfen der Kollegen umsonst sind. Ob und wie der Kollege finanziell an einer Geschichte beteiligt wird, regeln die beiden hostwriter-Mitglieder untereinander.

Foto: Maren Heltsche

Hostwriter auf der re:publica Foto: Maren Heltsche

Wie geht es jetzt weiter?

Bisher war das Feedback sehr ermutigend, innerhalb von 24 Stunden haben sich 50 Kollegen angemeldet, nach 5 Tagen kratzen wir bereits an der 300-Mitglieder-Marke. Noch stammen die meisten Journalist/innen aus Deutschland, doch es stoßen bereits Kollegen aus Ägypten, Frankreich, Skandinavien, den USA oder Oman dazu. Wir wollen in den nächsten Monaten das Netzwerk kontinuierlich ausbauen, neue Partnerschaften schließen und Organisationen im In- und Ausland erreichen.

Wie finanziert ihr euch?

Zurzeit läuft hostwriter komplett stiftungsfinanziert. Jetzt brauchen wir aber neue Fördergelder – unsere Finanzierung hat gerade bis zum Launch gereicht. Das Netzwerk ist für Mitglieder kostenlos, da wir niemanden aus finanziellen Gründen ausschließen wollen – gerade weil es ein globales Netzwerk ist. Nichtsdestotrotz ist uns klar, dass wir mittelfristig ein Geschäftsmodell brauchen. Dabei geht es uns nicht darum, Profit zu machen, wir haben uns als gemeinnütziges Unternehmen gegründet, das Gewinne ausschließt. Bislang arbeiten wir Gründerinnen ehrenamtlich für hostwriter neben unseren Jobs als Journalistinnen. Wenn das Netzwerk überlebensfähig bleiben soll, müssen wir weitere Gelder an Land ziehen. Um die laufenden Kosten zu decken gibt es außerdem die Überlegung, in Zukunft ein Freemium-Modell anzubieten. D.h. dass die Grundfunktionen von hostwriter immer kostenlos bleiben werden, aber es könnte zusätzlich ein erweitertes Modell mit weiteren Infos geben. Aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik!

Wie kann man euch unterstützen?

Werde Mitglied und „spread the word“! Wenn jeder Kollege einen Kollegen kennt, der einen Kollegen kennt, dann wandert hostwriter um die Welt. Wir sind ein Graswurzel-Projekt: Je mehr Journalisten befreundete Journalisten aus aller Welt auf hostwriter aufmerksam machen, desto mehr Kollegen wird man auf hostwriter finden. Partner, die die eigenen Rechercheinteressen und Visionen teilen!

Titelfoto: © André Grzeszyk.

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