Rose_Hipster

In diesen Tagen wird wie noch nie die Vielschichtigkeit des Themas Syrien für uns deutlich: Es reicht vom endlosen Gemetzel in Aleppo, über Terrorangst, Flüchtlingsunterbringung bis hin zu kultureller syrischer Aufbruchstimmung. Vor allem Letzteres ist bemerkenswert und ein großes Geschenk.

Syrien und die Syrer werden unsere Gesellschaft so stark beeinflussen wie es in unserer jüngeren Vergangenheit vielleicht nur die Türken gemacht haben. In diesen Tagen wird das deutlicher denn je. Ausgehend von dem brutalsten und tödlichsten Krieg seit dem Genozid in Ruanda gibt es momentan vier Dimensionen, in denen das Thema für uns wichtig ist.

Erstens, der nicht enden wollende Horror in Aleppo, der uns täglich neue Schreckensbilder liefert und die internationale Staatengemeinschaft an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht hat.
Zweitens, die immer noch kritische Frage des Ankommens und Unterbringens von Syrischen Flüchtlingen in unseren Städten und Gemeinden.
Drittens, das Thema terroristische Bedrohung durch DAESH-Terroristen und die damit einhergehende Verunsicherung, Panikmache und Offenbarung sächsischer Peinlichkeiten.
Viertens, und das ist der erfreulichste Aspekt: die beinahe täglich aus dem Boden sprießenden kulturellen Initiativen von Syrern in Deutschland.
Aus der Aufführung "Zerstörung für Anfänger" in München, Foto: Diana Akoto Yip

Aus der Aufführung „Zerstörung für Anfänger“ in München, Foto: Diana Akoto Yip

Wir erzählen unsere Story selbst!

Vor allem der vierte Aspekt ist extrem bemerkenswert. Ausgehend von einer Gruppe syrischer Exilanten, von denen die meisten schon zwei bis drei Jahre in Deutschland sind, hat sich eine erstaunliche und kaum zu bremsende kulturelle Schaffenskraft freigesetzt, die keine Lust mehr hat nach hinten zu blicken, sondern nach vorne schaut und syrische Kultur im deutschen Exil hochleben lässt. Es reicht dieser Gruppe nicht Gegenstand von Kunst und Berichterstattung zu sein. Sie erzählen lieber selbst ihre Geschichten. Hat jemals eine Migrantengruppe das Heft des Erzählens so schnell selbst in die Hand genommen? Und das ist ein gutes Zeichen. Denn kulturelle Aktivität ist der Ursprung neuen Miteinanders, ein Aspekt, den zuletzt auch die Süddeutsche Zeitung in einem Leitartikel hervorhob.

Ein paar Beispiele dieser Aufbruchstimmung: In diesen Tagen veröffentlichte Firas Alshater sein Buch „Ich komme auf Deutschland zu“, ein eigenwillig optimistischer Aufschlag des syrischen Youtubestars. Anfang Oktober feierte Berlin drei Tage lang unter dem Motto „Landschaften der Hoffnung“ ein syrisches Kunstfestival mit Diskussionen, Workshops und wilden Jam-Sessions. Ebenfalls in Berlin arbeiten die Drehbuchautoren Mohammad Abou-Laban und David Hermann in fiebriger Akribie seit Wochen an einem Konzept für eine Fernsehserie mit dem Arbeitstitel „Heim“, die in einem Flüchtlingsheim spielt. Zahllose Theater- und Filmregisseure wie beispielsweise die Choreographin Mey Seifan bringen syrische Themen auf Bühnen und Leinwände. Der Schriftsteller Amer Matar tourt mit seinem „Syrian Mobile Film Festival“ mittlerweile von Berlin nach Rom und Basel. Zig bildende Künstler wie Fadi al Hamwi stellen ihre Werke aus. Ich selbst werde Anfang Dezember mit zwei Syrern das erste Magazin über syrische Kultur im Deutschen Exil veröffentlichen.

Goethe Institut Damaskus im Berliner Exil

Und mitten in diese Stimmung hinein hat das Goethe Institut Damaskus im Exil für zwei Wochen in Berlin seine Türen geöffnet und lädt beinahe täglich dazu ein, syrische Kultur zu erfahren. Am Eröffnungsabend war auf dem Gehweg vor der Location kein Durchkommen. Syrische und deutsche Kulturschaffende standen Schlange und das Thema Syrien ist mittlerweile so trendy, das bestimmt ein paar Leute auch nur da waren, weil Syrien ein neuer Hype ist und das Event in Mitte war. Einer meiner syrischen Begleiter fasste das treffend zusammen mit der Frage „Hipster or DAESH?!“ beim Anblick einiger Gäste.

Natürlich können all diese Schaffenskraft und all der Aufbruch nicht vergessen machen, was in Syrien passiert. Das wurde überdeutlich als Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe Institutes, am Ende seiner Rede ein syrisches Gedicht auf Arabisch vortrug und anschließend die syrische Dramaturgin Rania Mleihi, die einst am Institut in Damaskus deutsch lernte und heute an den Münchner Kammerspielen inszeniert, ihre Geschichte erzählte. Es blieben nur wenige Augen trocken. Und dennoch ist da überall dieser unbedingte Wille nach vorne zu schauen, ein neues syrisches Kapitel zu schreiben. Wenn auch zunächst im Exil.

All das beendet das Leiden in Syrien nicht. Es wird Putin nicht zur Vernunft bringen. Es löst auch nicht die Probleme bei der Unterbringung von Flüchtlingen und der Aufgabe, ihnen hier Chancen zu eröffnen. Es schützt uns nicht vor den Meinungsäußerungen von Markus Söder und Frauke Petry. Und es schützt uns erst recht nicht vor der vermutlich immer wieder kommenden Angst und Aufregung aufgrund verhinderter oder ausgeübter Terrorakte durch syrische DAESH-Terroristen. Und dennoch: In diesen Tagen hat die syrische Kultur begonnen ein neues Kapitel zu schreiben. Sie wird auch das Kapitel Deutscher Kultur in den nächsten Jahren prägen. Und das ist ein großes Geschenk.

Beitragsfoto: Aus der Aufführung „Zerstörung für Anfänger“ in München, von Mey Seifan. Foto: Diana Akoto Yip

2 Kommentare

  1. Lusru Antworten 22. Oktober 2016 at 15:12

    @Mario Münster
    Das meine ich dazu:

    „In diesen Tagen wird wie noch nie die Vielschichtigkeit des Themas Syrien für uns deutlich: Es reicht vom endlosen Gemetzel in Aleppo, über Terrorangst“
    und:
    „In diesen Tagen wird das deutlicher denn je. Ausgehend von dem brutalsten und tödlichsten Krieg seit dem Genozid in Ruanda gibt es momentan vier Dimensionen, in denen das Thema für uns wichtig ist.
    Erstens, der nicht enden wollende Horror in Aleppo, der uns täglich neue Schreckensbilder liefert und die internationale Staatengemeinschaft an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht hat.“

    Ja, das ist wohl so und wirft Fragen auf.

    Neben und vor den von Ihnen ausgeführten (und vor allen anderen) Fragen immer wieder diese eine, die bisher noch niemand beantworten konnte (wollte?), weder irgendeine Seite irgendwelcher Rebellen noch deren Waffenlieferanten und Territorialunterstützer (z.B. Türkei) noch irgendeine UN-Organisation, noch unsere „maingestreamten Leidmedien“, noch irgendwelche der selsbsternannten Syrien-Kommitees:

    Wieso muss eine Regierung, die EINZIGE in allen arabischen Ländern der Welt, die annähernd gleichberechtigte friedliche Religionsausübung über Jahrzehnte durchgesetzt und gesichert hatte, alle Versuche zur Errichtung eines Religions- oder Gottesstaates abwehrte und annähernd westeuropäische Standards in der Gleichbehandlung von Mann und Frau, von Religionen und Weltsichten sowie ein modernes funktionierendes Staatswesen sicher stellte, von Vertretern ausschliesslich islamistischer Positionen gemeinsam mit angeblichen Werte-Missionaren der angeblichen „westlichen“ Welt gemeinsam und in koordinierter militärischer Gewalt zerstört und berseitigt werden?

    Wessen eigene Moral- und Wertevorstellungen funktionieren da wohl nicht?

    Bevor in Syrien der erste Schuss eines Regierungssoldaten fiel, wurden diese seltsam kruden „KOALITÄREN“ Positionen diesem Land massiv verbal aufgedrängt und gleichzeitig zur Gewalt aufgrerufen, angefeuert durch die von USA-Militär-Experten zerstörten und völlig diskriminierten sunnitischen Reste eines einstigen irakischen Staatswesens, die in totaler Ausgrenzung sich neue „Existenzfelder“ suchten, ja suchen mussten …

    W A R U M ?

    Einzig diese Antwort ist der Schlüssel zur traurigen Situation in Aleppo, die verruchten regio- und globalpolitischen rücksichtslosen Machtansprüche derer, die diesen Krieg anzettelten, zum Bürgerkrieg hochstilisierten und das syrische Volk wie die gesamte Welt von vorn herein betrügen mit ihren pseudo-Menschlichkeitsgewäsch als angebliche Begründung militärischer Einmischungen von aussen.

    Und ja, auch Russland, die einzige ausländische Militärmacht, die sich völkerrechtlich legal in Syrien betätigt, ist in dieses Machtspiel inzwischen zwangsläufig einbezogen und beteiligt an den Grausamkeiten:
    Denn wo die Inszenierung eines Bürgerkrieges erst einmal zum Laufen gebracht wurde (übrigens eine Spezialität bestimmter USA-Kreise, in die sich z.B. Eine Hillary Clinton freiwillig und frühzeitig einfügte, nicht erst in Lybien), da „hilft“ bekanntlich nur noch Gegengewalt – von welcher Seite auch immer.
    Zig solcher völlig überflüssigen und allesamt gescheiterten Regimechange-Kriege dieser USA-Krieger-Foundation bestätigen immer wieder seit 1946, wohin das führt: Grausame Gewalt gegen die Menschen der betroffenen Länder mit zerstörten Existenzbedingungen für diese Völker und Staaten, Hunderttausende Tote, Millionen von Vertriebenen, für lange Zeit zerstörte Gegenwart von Kindern.

    Die Hölle Aleppos ist zuerst Folge solcher leichtfüssig gepflanzter „Regime-Change“, und ja:
    Dem ist ein für alle Male ein Ende zu bereiten und grundsätzlich friedliche und demokratisch veranstaltete Veränderungen zu sichern!

    Was verehrter Autor, meinen Sie wohl, wie das „gehen“ soll?
    Einfach nun die andere Hälfte des syrischen Volkes knechten, vertreiben, diskriminieren oder beseitigen, von „freien syrischen Kämpfern“ samt ihren dsihadistischen Helfershelfern abschlachten lassen?
    Wenn ich mich richtig erinnere, haben die vom „Westen“ ausgestatteten „Rebellen“ (und zwar alle) mit modernsten Raketenwaffen doch auch geschossen, was meinen Sie wohl, Herr Mario Münster, wo die hingeschossen haben?
    Auf Schafe und Ziegen und leere Häuser oder Marktplätze, fein säuberlich sezierend um die Menschen und vor allem Schulkinder drumherum??
    Was machen die dann noch in diesem Teil Aleppos, wenn nicht auf Menschen, Frauen, Kinder, Alte und Verwundete schiessen – hä?

    Wie seltsam (ver)teilen Sie Ihre Traurigkeit und Empörung auf, man könnte meinen, darum ginge es Ihnen gar nicht, sondern nur um das Bashen bestimmter Kriegsbeteiligter – dann wäre allerdings der ganze Text nur noch einen Fliegendreck an einer zerstörten Scheib wert.
    Beweis:
    In Ihren „vier Dimensionen“ haben Sie wichtige primäre regelrecht unterschlagen: Auch im Regierungsteil Aleppos leben sehr viel Menschen, die unter dem Beschuss der einstmals evtl. „freien syrischen Rebellen“ zu Tode kommen, verletzt werden, deren Existenzen zerstört wird, auch deren Zukunft ist zu thematisieren, und nicht nur das derer, die sich davon machten, nachdem sie andere zum Schiessen animiert hatten.

    Ihre nur einbeinige rosaromantische Grundposition ist äusserst hinterfragungswürdig weil zutiefst wackelig und daher – auch zur Beendigung des aktuellen Grauens in Aleppo – in keiner Weise nutzbar, auch wenn etliche straff gesteuerte mainstreams das so in die Köpfe vieler Mensechen hineingepaukt haben.
    Holen Sie zu den syrischen Künstlern und Gescheiten bitte die andere gleichermassen legitime Hälfte aus dem „Reich des Assad-Regimes“ dazu, erst dann können Sie von einer „Vielschichtigkeit“ im Einfluss syrischer Probleme, Kultur und Aktivität auf oder in Deutschland reden – es sei denn, Sie halten Ihrerseits diese bereits für ausgelöscht, für aleppoisiert …?

    Diese von Ihnen benannte „internationale Handlungsfähigkei“ hat sich zuerst selbst medial kastriert und wundert sich nun laut schimpfend, dass sie nichts mehr zeugen kann, zusehen muss, wie sie das dem schmutzigen Bombengeschäft so wissentlich herausfordernd zugespielt hat …
    (Nur um andere geo-Gegner so negativ zu involvieren?)

    Und ja:
    „Wir erzählen unsere Story selbst!“ –
    Haben Sie, Herr Münster, über diesen eindeutig separatistischen Anspruch gegenüber den grossen Teilen damit ausgeschlossene Assad-Wähler in Syrien, auch Syrier, überhaupt mal fern pubertärer Träumereien nachgedacht?

  2. Lusru Antworten 25. Oktober 2016 at 15:40

    Oder in Kurzfassung:
    Rosegarden – Ja !!
    rosé_ garden – No no no.

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